Doping-Kontrollen bei Spitzensportlern sind ein notwendiges Übel. Unnötig aber ist, dass Sportler permanent ihren genauen Aufenthaltsort übermitteln müssen und die dabei erfassten Daten auch dann an ausländische Server weitergegeben werden, wenn gar keine Kontrolle ansteht. Ein neues System soll mehr Transparenz im Umgang mit den Daten schaffen und Sportlern größere Freiheiten bieten – ohne die Kontrollmöglichkeiten einzuschränken.

Haben Sie ein Glück, dass Sie kein Leistungssportler geworden sind! Dabei sind es nicht allein die harten Trainings und die (bei den meisten) geringen Einkünfte, die Ihnen das Leben erschweren. Es ist wohl auch die »Bespitzelung« durch die Anti-Doping-Kontrollbehörden, die überaus lästig ist. Deren Überwachung tragen zwar ein gutes Stück weit dazu bei, dass Doping im Sport in den meisten Ländern zurückgedrängt wird. Dafür aber müssen die Sportler unter anderem stets genau angeben, wann sie sich wo aufhalten. Denn auf diese Weise will die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und in ihrem Gefolge die Nationale Anti Doping Agentur NADA sicherstellen, dass jederzeit eine unangemeldete Doping-Kontrolle durchgeführt werden kann. Als »Mitteilungsdatenbank« dient dabei das ADAMS-System. »Bei ADAMS müsste ich zum Beispiel angeben, dass ich am kommenden Montag zwischen 9 Uhr und 17 Uhr bei Fraunhofer bin, dann für 2 Stunden ins Fitnessstudio in einer bestimmten Straße gehe und mich ab 20 Uhr bei meiner Frau zuhause aufhalte«, erklärt Marc Jentsch vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT. Und wenn sich an dem Plan etwas ändert, muss das sofort ein- und bekanntgegeben werden.

So weit, so gut, so öffentlich – zum Leidwesen der Privatsphäre. Aber das System scheint notwendig. Denn natürlich müssen die Kontrolleure auf den Athleten jederzeit »zugreifen« können. Ihn beispielsweise erst anzurufen, um dann zu erfahren, wo er (oder sie) ist und dann unter Umständen mehrere Stunden anzureisen, würde dem Sportler zu viel Zeit lassen, seine möglichen Werte zu verfälschen. Der Überraschungseffekt ist also notwendig. Trotzdem aber lässt sich das System deutlich verbessern: Forscher am Fraunhofer FIT und am Fraunhofer-Institut für Angewandte und Integrierte Sicherheit AISEC arbeiten intensiv daran, das System im Sinne der Sportler zu modifizieren: Zum einen im Bereich des Komforts und zum anderen beim Datenschutz. »Eines der Hauptprobleme ist die Intransparenz bei der Datennutzung. In der Regel werden alle Bewegungs- und Aufenthaltsprofile der deutschen Sportler auf Servern in Übersee gespeichert und unterliegen dort kanadischem Recht«, erklärt Jentsch. Die Server aber seinen wie eine Blackbox, bei der keiner außerhalb der WADA genau wisse, was darin geschehe. »Mit deutschem Datenschutzrecht ist das nicht vereinbar«, betont Jentsch. Allein: Bislang fehlten den Sportlern die Alternativen.

Datenerhebung nur, wenn nötig

Im Projekt PARADISE (Privacy-enhanced And Reliable Anti-Doping Integrated Service Environment) entwickeln die Fraunhofer Forscher deshalb eine Systemumgebung, in die Sportler zwar nach wie vor ihre Aufenthaltsinformationen eingeben müssen. Aber in einem deutlich geringeren Ausmaß: Es genügt die Angabe der Stadt. Als Grundprinzip erhebt das PARADISE System nur diejenigen Daten, die im jeweiligen Moment auch wirklich nötig sind. Für eine Dopingkontrolle kann dies zweistufig geschehen. Für seine Reiseplanung reicht einem Kontrolleur die Kenntnis der Stadt. Erst, wenn die Kontrolle tatsächlich durchgeführt werden soll, greift das System den konkreten Aufenthaltsort des Wearables ab. Hinzu kommt, dass die Athleten das System nach erfolgter Kontrolle nutzen können, um zu erfahren, welche ihrer persönlichen Daten an wen weitergegeben wurden.  »Die Transparenz wird dadurch erweitert und die Datensouveränität der Athleten verbessert«, meint der Forscher.

Wearable für Spitzensportler

Um den Melde-»Komfort« zu verbessern, entwickeln Forscher (vor allem am Fraunhofer FIT) auch kleine technische Einheiten, die wie eine Uhr am Körper oder über Clips an der Kleidung befestigt werden. Sie ermitteln bei Bedarf den Aufenthaltsort der Sportler. »Ich kann gut nachvollziehen, dass es Athleten als Belastung empfinden, permanent eigenständig ihren genauen Standort übermitteln zu müssen«, erklärt Jentsch. Über das kleine Gerät, das die GPS-Daten erfasst und Informationen via WLAN oder Mobilfunk übermittelt, werde der Aufwand (und damit die Belastung eine Meldung zu vergessen und damit sanktioniert zu werden) deutlich reduziert. Dabei arbeitet das Gerät nach den PARADISE-Prämissen zum Datenschutz: Erst, wenn eine Dopingkontrolle ansteht, werden die genauen Positionsdaten erhoben und übertragen. Dass dafür kein klassisches Smartphone, sondern die Herrenuhr-großen und leichten Wearables genutzt werden, hat einen einfachen Grund. Die Handydaten wären durch die Sportler zu leicht manipulierbar, so dass bei einer anstehenden Kontrolle ein mehrstündiger Zeitgewinn zur Veränderung des Eigenurins genutzt werden könnte.

»Das PARADISE-System ist das Ergebnis zahlreicher Gespräche mit Sportlern und Kontrolleuren. Es scheint allen Beteiligten ein guter Weg, um mehr Einfachheit, Datenschutz und Transparenz zu erreichen«, resümiert Jentsch. Noch ist das System, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF gefördert wird, noch nicht voll ausgereift und nicht von den Anti-Doping-Agenturen und Sportverbänden akzeptiert. Erste Prototypen der Wearables und ein Demonstrator aber sind bereits fertig. (aku)

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