Zu den furchterregendsten Sprachbildern gehört „Etwas wie im Film erleben“. Das meint: Man kann nicht eingreifen, sondern ist dazu verdammt, ein rein passiver Zuschauer zu sein. Vor allem als Kind leidet man doch sehr darunter, wenn man etwas Schreckliches im Film erlebt. In dem Fall im eigentlichen Wortsinn.

Winnetou könnte heute noch auf Iltschi reiten, edel sein und Grizzlies töten – siebenmal muss man denen bekannter Maßen dazu das Bowiemesser ins Herz stoßen – wenn, ja wenn er bei der Ausstrahlung des gleichnamigen Films im Fernsehen die aus tausenden von Kinderkehlen geschrieenen Warnungen hätte hören können. So aber traf ihn die Kugel aus der Flinte des feigen Rollins. Und es war schlimm.

Fraunhofer-Forscher arbeiten jetzt am interaktiven Fernsehen. Das ist gut. Denn derartiges birgt auch das Potential, eine große Last von unzähligen empfindsamen Kinderseelen zu nehmen. Die Helden der Kleinen werden so unsterblich. Und sie selbst lernen frühzeitig, dass man eingreifen muss, wenn etwas danebenzugehen droht.
In späteren Lebensabschnitten erlebt man vielleicht anderes „wie im Film“: Prüfungen, ein Scheitern im Privaten und die große Politik. Da kann einem dann selbst die moderne Digitaltechnik nicht weiterhelfen. Aber das braucht es eigentlich auch gar nicht. Schließlich verfügt der Mensch schon seit Jahrtausenden über die notwendigen Features, um interaktiv zu sein: Er kann richtig fest wollen - so er denn will.
Das ist zwar etwas schwieriger, als die Tasten der Fernbedienung zu drücken. Aber es geht. Schließlich sieht das Drehbuch eines Menschenlebens zwei Optionen vor: Entweder man macht, oder es wird mit einem gemacht.
Und deshalb sollte man eingreifen, wenn es gilt, einen Apachen-Häuptling oder eine Beziehungskiste zu retten. Interaktivität ist nun mal einfach besser, als „etwas wie im Film zu erleben“.

Denn noch später soll es ja noch einen geben: Wenn es zuende geht, so hört man, würde das ganze Leben vorm inneren Auge wie ein Film ablaufen. Bei dem aber kann man definitiv nicht mehr eingreifen. Denn dieser Streifen ist dann abgedreht.
Da nützt es nichts mehr, sich zu sagen: Hättest du damals das mit den Zigaretten doch nicht angefangen, diese letzte Vorführung hätte womöglich um Jahre verschoben werden können. Oder: Wärst du bei dem Mädel in dieser Szene nicht gar so schüchtern gewesen, der finale Film hätte einen viel schöneren Plot bekommen. Dann ist es zu spät.
Von daher ist es wichtig, von Anfang an ins eigene Leben einzugreifen. Und die Sache mit dem interaktiven Fernsehen ist deshalb pädagogisch sicherlich sehr wertvoll.

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Achim Killer
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