Über das Webangebot AILB – Vibelle für Gehörlose, das erste Projekt aus der mehr als zehnjährigen Entwicklungskooperation der RWTH Aachen mit dem Fraunhofer FIT, berichteten wir in unserm letzten Artikel. Aufgrund der positiven Resonanz bauten die Partner ihr Angebot in den folgenden Jahren weiter aus: Studiums- und Berufswahl, lebenslanges Lernen und Existenzgründung kamen als neue Portale hinzu. Und jetzt nicht mehr nur für Gehörlose, sondern auch für Blinde und Sehgeschädigte bzw. Menschen ohne Beeinträchtigungen.

Die Ausweitung des Konzepts auf weitere Gruppen brachte dabei sowohl neue Chancen als auch Risiken mit sich, die wir Ihnen im Folgenden vorstellen. Den ersten Teil des Artikels finden Sie hier.

Portal Gateway Bild: SignGes RWTH Aachen, Fraunhofer FIT

Der nächste logische Schritt war, Gehörlose auch im weiteren Bildungsverlauf mit speziellen Informationsangeboten zu unterstützen. Ebenfalls im Rahmen eines vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten Projekts entstand unter der Leitung von Dr. Karin Grote und einem gehörlosen und hörenden Forscherteam die Webplattform »Gateway«. Ihre Inhalte unterstützen die Besucher rund um Studium und Berufswahl. Eine der Besonderheiten dabei: Die Zielgruppe sind nun nicht mehr nur Gehörlose, sondern gleichzeitig auch die Gruppe der Blinden und Sehgeschädigten sowie auch Nutzer ohne Einschränkungen der Seh- und Hörfähigkeit. Zum Entwicklerteam kamen daher zusätzliche Partner, insbesondere das Studienzentrum für Sehgeschädigte des Karlsruher Instituts für Technologie. Die gesamte Webplattform liegt in drei unterschiedlichen Versionen vor, die über die gemeinsame Startseite ausgewählt werden können: Erstens für die zusätzliche Zielgruppe der blinden und sehbehinderten Nutzer in einer angepassten Version für Screenreader und mit speziellen Vergrößerungsoptionen. Inhalte und Seitennavigation sind dabei so aufbereitet, dass sie Vorlese- und Sprachsteuerungsprogramme problemlos verarbeiten können. Für Seheinschränkungen stehen zudem Lupenfunktionen zur Verfügung. Die zweite Wahlmöglichkeit zeigt die Inhalte als übliche Webseite mit Text und Bild und die dritte eine Darstellung mit Videos und Untertitel für Nutzer der Gebärdensprache. »Diese dreifache Aufbereitung überwindet zusätzliche Barrieren. Nicht nur für die Gruppe der Sehgeschädigten. Gehörlose und Schwerhörige können zudem die Inhalte sowohl in Gebärdensprache als in Schriftsprache nutzen und so etwa durch den Wechsel zwischen normaler Webseitenansicht und Aufbereitung in Gebärdensprache gezielt ihr Leseverständnis trainieren«, so Kramer.

Im Rahmen von Gateway entwickelten die Forschungspartner auch Didaktik und Technologie für die Videoaufbereitung der Inhalte weiter. »Die Nutzer können nun per Kapitelsprungmarker durch längere Videobeiträgen navigieren. Untertitel in den Filmbeiträgen trainieren zusätzlich die Kompetenz in der Übersetzung zwischen Gebärden- und Schriftsprache«, sagt Kramer.

Portal DeafTrain Bild: SignGes RWTH Aachen, Fraunhofer FIT

Die dritte Webplattform der Projektzusammenarbeit zwischen RWTH Aachen und Fraunhofer FIT stellt das »lebenslange Lernen« in den Mittelpunkt: »DeafTrain« ist ein Weiterbildungsportal in Gebärdensprache. Hier finden Gehörlose Informationen zu Blended Learning Seminaren mit dem Fokus auf Fortbildung im Bereich der social skills. Webdesign und Funktionalitäten wurden nochmals unter Usability-Gesichtspunkten optimiert. »Insbesondere der klare und nicht mit Elementen überfrachteter Seitenaufbau erleichtert den Nutzern den Zugang zu den Inhalten«, so Reiners. Zudem ist sie auf Basis der aktuellen Browsertechnologien umgesetzt und sichert so eine komfortable Nutzung auch auf Mobilgeräten.

Über die Plattform haben Seminarteilnehmer auch Zugang zu ergänzenden Übungen, Videobeiträgen und Tests. Für Kursleiter stellt das Portal Unterrichtsmaterialien insbesondere Videos in Gebärdensprache zur Verfügung. Integriert ist zudem eine Blogfunktion, die es den Seitennutzern ermöglicht in Gebärdensprache Beträge zu erstellen und zu teilen.

Portal DeafExist Bild: SignGes RWTH Aachen, Fraunhofer FIT

Im selben Seitenlayout präsentiert sich »DeafExist«. Im Fokus dieses vierten Webportals stehen Themen zur Existenzgründung. Auch hier ist das Online-Angebot zentrale Anlaufstelle und Kommunikationsmedium für Blended Learning Seminare und Informationsplattform für Gehörlose und Schwerhörende.

Um die Nachhaltigkeit aller vier Plattformen auch technisch möglichst komfortabel sicherstellen zu können, verwenden die Forscher von Fraunhofer FIT das Open Source Content Management System Joomla und erweiterten dieses noch um spezielle, eigene Komponenten und Module. Alle Projekte der Kooperation des SignGes Kompetenzzentrums mit Fraunhofer FIT werden über die Laufzeit hinaus als dauerhafte Angebote weiter geführt. »Insbesondere der langjährigen Unterstützung durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie dem Engagement gehörloser Mitarbeiter und Praktikanten am Kompetenzzentrum SignGes verdanken wir es, dass wir eine Sprachbarriere nach der anderen abbauen konnten und so Gehörlosen helfen können, ihre Lebenschancen zu ergreifen«, resümiert Kramer. (stw)

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