Hören mit den Augen. Diese Methode ist Alltag für Gehörlose. Für sie ist das Fehlen des Hörsinns aber nicht nur ein akustisches Problem. Es wirkt sich auch auf das Auge, also das Lesen und Verstehen der Schriftsprache aus. Denn Gehörlose können beim Lesen auch nicht in Gedanken mitsprechen beziehungsweise mithören. Ausgewählte Webangebote unterstützen Gehörlose deshalb mit speziell aufbereiteten Informationen und Lernmedien. Möglich macht dies die bereits mehr als zehnjährige Entwicklungskooperation von der RWTH Aachen und dem Fraunhofer FIT.

Ist das Internet nicht ideal für Gehörlose? Hier lassen sich problemlos umfangreiche Informationen finden zu Schulbildung, Ausbildung und Studium, Berufswahl oder Jobeinstieg. Und zu speziellen Unterstützungsangeboten für Gehörlose und Hörgeschädigte. Alles »barrierefrei«, denn das Lesen der vielfältigen Quellen ist doch kein Problem: Der Mensch liest ja mit den Augen und nicht mit seinem Hörvermögen. Oder?

Dieser Ansatz ist in der Tat (deutlich) zu kurz gedacht! Auch geschriebene Sätze stellen für Gehörlose in der Regel eine nur sehr schwer zu überwindende Barriere dar. Denn im Gegensatz zu Hörgeschädigten ist das Erlernen von Lesen und Schreiben für hörende Menschen ein verhältnismäßig kleiner Schritt: Die Schriftsprache ist das Eins-zu-Eins-Abbild der gesprochenen Sprache, wie wir sie täglich sprechen und hören. Die Gebärdensprache, mit der Gehörlose kommunizieren, dagegen hat vollkommen eigenständige Begriffe, Strukturen und Regeln. Lesen, Schreiben und Verstehen der Schriftsprache bedeutet für sie daher das Erlernen einer vollkommen unbekannten Sprache. Und während sich bei Hörenden schriftliches und mündliches Aneignen einer Fremdsprache ergänzen, ist ihr Lernen allein auf die Schriftform begrenzt.

Doppelte Sprachbarriere

»Diese doppelte Sprach- und Schriftbarriere erschwert Nutzern der Gebärdensprache nicht nur die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, sondern ganz allgemein das Lernen in allen Bereichen sowie den Zugang zu Wissen – und dies obwohl die nonverbalen Intelligenz bei Hörenden wie Gehörlosen gleich ist«, erklärt Dr. Florian Kramer vom Kompetenzzentrum für Gebärdensprache und Gestik SignGes an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen.

Das Internet könne für Gehörlose dennoch ein ideales Informations- und Lernmedium darstellen. »Der Schlüssel dazu sind spezielle Webangebote, die einen Zugang über die Gebärdensprache ermöglichen, gleichzeitig das Verwenden und Verstehen der Schriftsprache fördern und Gehörlose von der Schule bis zum Beruf mit Informations- und Lernmedien gezielt unterstützen«, so Kramer. Mit Förderung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales startete das interdisziplinäre Forscherteam der RWTH Aachen (unter der Leitung von Prof. Jäger, Prof. Willmes-von Hinckeldey und Prof. Huber) in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT (Prof. Jarke) und weiteren Partnern bereits vor mehr als zehn Jahren die Entwicklung und Umsetzung derartiger Internetangebote für die Gehörlosen-Community.

Portal Vibelle Bild: SignGes RWTH Aachen, Fraunhofer FIT

Die ersten gemeinsamen Projekte der Kooperationspartner legten den Fokus auf das barrierefreie Lernen von Lesen- und Schreiben, Mathematik, Englisch, Wirtschafts- oder Sozialkunde. Die eLearning-Module der Aachener Internet-Lernsoftware zur Berufsqualifizierung von Gehörlosen AILB richten sich insbesondere an die Zielgruppe gehörloser Jugendlicher. Das didaktische Konzept stellt Videos in Gebärdensprache ins Zentrum und überwindet so die Barriere der Schriftsprache.

Schriftsprache visualisieren

Parallel dazu entwickelten die Forscher die Struktur und die Funktionsbausteine einer Webplattform, die gezielt auf die Anforderungen von Nutzern der Gebärdensprache zugeschnitten ist. Eine auf den ersten Blick erkennbare Besonderheit ist die Darstellung und Funktionsweise des Seitenmenüs: »Anstelle von Karteireitern und Aufklapplisten am oberen Seitenrand konzipierten wir ein Kugelmenü, das die Themen und Unterpunkte in einem virtuellen Raum verortet«, erklärt Dr. René Reiners vom Fraunhofer FIT. Die Seitennavigation über das Kugelmenü stellt eine Analogie her zu den in der Gebärdensprache üblichen Kommunikationsmustern. Bei einem Gesprächsverlauf über Gesten zählt es zu den gängigen Methoden, dass Begriffe oder Themen im Erzählfluss mit einer Geste an einer gedachten Position im Raum abgelegt werden, um sie im späteren Gesprächsverlauf wieder aufnehmen zu können. »So unterstützt das Kugelmenü Nutzer der Gebärdensprache dabei, sich in den Angeboten der Webplattform schnell und problemlos zurechtzufinden«, betont Reiners.

12.000 Videos in Gebärdensprache

Das Portal »VIBELLE – virtuelles zu Beruf, Leben und Lernen« stellt zusätzlich zu den AILB-Lernmedien vielfältige Informationen zu Themen wie Beruf und Bewerbung, Weiterbildung, Rechte im Job zur Verfügung. Außerdem gibt es einen eigenen Terminkalender und eine eigene Jobbörse für die Gehörlosen-Community. Mit VIBELLE-TV bietet die Plattform zudem einen Informationskanal in Gebärdensprache mit inzwischen über 12.000 Videos zu verschiedensten Themen und aktuellen Geschehnissen.

Der nächste logische Schritt war, Gehörlose auch im weiteren Bildungsverlauf mit speziellen Informationsangeboten zu unterstützen. Über das Portal Gateway und seinen Nachfolgern auch für Menschen mit anderen bzw. ohne Beeinträchtigungen berichten wir im zweiten Teil des Artikels zur Kooperation des Fraunhofer FIT mit der SignGes Kompetenzgruppe für Gebärdensprache und Gestik.(stw)

Keine Kommentare vorhanden

Das Kommentarfeld darf nicht leer sein
Bitte einen Namen angeben
Bitte valide E-Mail-Adresse angeben
Sicherheits-Check:
Fünf + = 5
Bitte Zahl eintragen!
image description
Experten
Alle anzeigen
Dr. Florian Kramer
Dr. Klaudia Grote
Dr. René Reiners
  • Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT
Weitere Artikel
Alle anzeigen
Eins, zwei - barrierefrei!
Senioren-Netze 
Sicher zum Ziel
Stellenangebote
Alle anzeigen