Die Faszination Fußball „lebt“ nicht nur von der sportlichen Leistung der Mannschaften. Unverzichtbar dafür ist auch das Gemeinschaftserlebnis beim Zuschauen. Dies ist nicht nur im Stadion so: Deutschlandweit treffen sich Millionen zum Public Viewing. Die Stimmung dabei gleicht der Atmosphäre im Stadion, die Fernsehübertragung auf der Großleinwand allerdings mehr dem Sportschauerlebnis im Wohnzimmer daheim. Immersive Videotechnik und 3D-Sound machen nun möglich, Fußballspiele beim Public Viewing nahezu so zu erleben, wie live im Stadion.


Anstoß zum Finale: Sonntagabend, 20:45 Uhr im Frauen-WM-Stadion Frankfurt. Der gesamte Fanclub ist da und fiebert von der ersten Minute an mit. Allerdings: Die 63 Frauen und Männer aus Berlin hatten dieses Mal kein Ticket-Glück. Das Spiel war bereits ausverkauft, der Anstoß im Stadion findet also ohne sie statt. Und doch sind sie beim großen Finale des Turniers so gut wie live dabei: Gebannt blicken sie die vollen 90 Minuten auf das Spielfeld, in denen die beiden Finalisten um den Ball und die begehrte Trophäe der weltbesten Fußballerinnen ringen. Jeder von ihnen scheint dabei auf dem besten Platz im Stadion zu sitzen, direkt an der Mittellinie, direkt hinter und wenige Meter über den Coaching-Zonen der Teams und mit optimaler Sicht auf den gesamten Platz. Möglich macht dies eine High-End-Panoramaprojektion im TiME Lab am Fraunhofer HHI. Für das realistische Seherlebnis projizieren vierzehn HD-Projektoren mit einer Auflösung von 2.000 mal 7.000 Pixel das Spielgeschehen in 3D auf eine 180 Grad Leinwand. Mit einer speziellen Blendtechnik werden die Einzelbilder zu einem einzigen hochaufgelösten Panoramavideo vereint. Die Projektion auf der gekrümmten Leinwand füllt das gesamte Blickfeld der Fans aus. Sie tauchen vollständig in die Szenerie im Stadion ein und erleben jeden Zweikampf und jeden Angriff so, als wären sie mittendrin. Die innovative Tontechnik im TiME Lab bringt den gesamten Fanclub auch akustisch virtuell vor Ort ins Stadion. Dafür sorgen 128 Lautsprecher, die im Kreis um die Zuschauer herum angeordnet sind. Die IOSONO-Soundtechnologie von Fraunhofer IDMT erzeugt ein Wellenfeld, das jeden Ton und jedes Geräusch punktgenau im ganzen Raum erklingen lässt. Durch die gezielte Überlagerung von Schallwellen „erhören“ die Fans den Jubel von der Gegentribüne ebenso wie den Fanchor des Favoriten, der direkt hinter ihnen nur ein paar Reihen weiter oben zu sitzen scheint, exakt so wie auf dem besten Platz im Stadion.

Technisch wäre das Public Viewing in Premiumqualität für Fanclubs bereits umsetzbar. Beim Finale der Frauen-Weltmeisterschaft 2011 müssen sich die Berliner dennoch noch mit dem „normalen“ Gemeinschaftserleben vor einer Großleinwand an einem anderen Ort begnügen. Denn eine Fast-wie-live-dabei-Vorführung im TiME Lab setzt voraus, dass das Ereignis auch mit entsprechender Ton- und Bildtechnik aufgezeichnet wird. Wie dies möglich ist, demonstrierten die Fraunhofer Institute HHI und IDMT etwa bei einem Bundesligaspiel zwischen Borussia Dortmund und 1899 Hoffenheim im Dortmunder Westfalenstadion. Für die Tonaufnahmen verteilten die Technikspezialisten ihre Mikrofone unmittelbar an beiden Seiten der Kamera und weitere im gesamten Stadion. Die Bilder für die 180-Grad-Projektion lieferte die am Fraunhofer HHI entwickelte Kamerasystem Omnicam. Die Herausforderung bei der Bildgenerierung: Um das komplette Gesichtfeld des Zuschauers auf dem besten Platz im Stadion zu erfassen, wäre entweder eine sehr aufwendige Spezialkamera notwendig. Oder es werden mehrere Kameras eingesetzt, die ab dann naturgemäß nicht exakt am selben Platz positioniert werden können. Neben- und übereinander installiert stimmen die Blickrichtungen der Objektive jedoch nicht mehr überein. Den Forschern von Fraunhofer HHI ist es dennoch gelungen, eine Lösung zu finden: Ihr 180-Grad-Kamerasystem besteht aus sechs Einzelgeräten, die auf einem Ring angeordnet sind. Über ein spezielles Spiegelsystem werden die zueinander versetzen Kamerapositionen so angeglichen, als ob alle Aufnahmegeräte am selben Platz stünden. Durch eine feine Kalibrierung und die Nachbearbeitung mit einer speziellen Software werden zusätzlich Ungleichheiten der Kameras bei der Aufnahmequalität egalisiert. Eine Weiterentwicklung von Kamerasystems mit doppelter Anzahl an Kameras und der dazugehörigen Projektionstechnik ermöglicht inzwischen auch ein immersives Erlebnis in 3D. Bei Präsentationen des Bundesligaspiels im Berliner TiME Lab konnten sich bereits zahlreiche Besuchergruppen von der Leistungsfähigkeit des perfekten Zusammenspiels zwischen Aufnahme- und Wiedergabetechnik live überzeugen.

Public Viewing in Premiumqualität ist bei weitem nicht die einzige Einsatzmöglichkeit, die die Forscher mit ihrem System künftig ermöglichen wollen. Als Kooperationspartner des TiME Lab konnten bereits die Berliner Philharmoniker und die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ gewonnen werden. Praxistests absolvierte die Technik am TiME Lab zum Beispiel bei einem Kurzfilmprojekt der Filmstudios Potsdam-Babelsberg und Philharmonie-Konzerten. Noch ist die Technik im Berliner Vorführraum ein Unikat und dient den Technikspezialisten als Testbed für die Weiterentwicklung der Systemkomponenten und als Demonstrationsplattform für ihre Techniklösungen. Für die Zukunft ist aber denkbar, dass rund um den Globus Kinos und Veranstaltungsräume mit entsprechender Technik ausgerüstet sind. Eine Liveübertragung einer Weltpremiere in der Berliner Philharmonie könnte dann zeitgleich auch in Tokio, New York und Dubai miterlebt werden. Und die Fans unserer Nationalmannschaft könnten dann „gefühlt live“ mit dabei sein, wenn ihre Stars zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien auflaufen oder die Frauen wieder 2015, dann in Kanada um den Titel in der Fußball-Weltmeisterschaft kämpfen.

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  • Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik Heinrich-Hertz-Institut HHI
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  • Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT
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