Die Weltbevölkerung wird noch einige Jahrzehnte lang ansteigen, so schätzt der United Nations Population Fund UNFPA. Seit dem Aufsehen erregenden 5-Milliarden-Tag der UN vor 25 Jahren stellt der 11. Juli einen alljährlichen Anlass dar, Bevölkerungstrends und angrenzende Themen weltweit zu ergründen. Bereits 2011 wurde auch die 7-Milliarden-Grenze überschritten – mit der Konsequenz zahlreicher neuer Möglichkeiten und Herausforderungen: Menschen leben länger und gesünder, zugleich haben Paare weniger Kinder und es gibt mehr junge Menschen in Ländern mit hoher Geburtenrate. »We are living in a world of unprecedented demographic change«, erklärt der UNFPA. Immerhin habe sich die geschätzte Weltbevölkerung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts trotz sinkenden Wachstums mehr als verdoppelt. Damit stellt sich die Frage nach den speziellen Bedürfnissen heutiger und zukünftiger Generationen.

Täglich wächst die Weltbevölkerung um schätzungsweise etwa 227.000 Menschen. Nicht nur in Europa begleitet diese Entwicklung eine anhaltende Dynamik der Verstädterung. Für 2010 gibt die UN an, dass die urbane Bevölkerung in den stärker entwickelten Ländern noch bei 75 Prozent, in den weniger entwickelten bei 45 und in den am wenigsten entwickelten Ländern, bei 29 Prozent lag. Jedoch wird zugleich von einem jährlichen Wachstum zwischen circa 1 und 4 Prozent ausgegangen. Der urbane Anteil der Bevölkerung wird demnach in allen Teilen der Welt auch weiterhin ansteigen – und einen Ausbau der städtischen Infrastrukturen verlangen. Stichworte sind hier etwa »Urban Living« und »Smart Cities«. So benötigen Städte mit großer Bevölkerungsdichte unter anderem ausgeklügelte öffentliche Nahverkehrssysteme, die sich ebenso für den regulären Betrieb wie auch im Fall von Großveranstaltungen oder gar für gefährliche Ausnahmesituationen intelligent steuern lassen. Mehr noch müssen diese Systeme die vielfältigen Bedürfnisse ihrer Passagiere berücksichtigen: Pendler, Eltern mit Kinderwagen oder auch ältere Reisende reisen je unterschiedlich. Hier sind umfassende IT-Lösungen gefragt. Ansätze, um derartigen Aufgaben zu begegnen, beinhalten etwa durchgängige Simulationsumgebungen, wie die von Fraunhofer Austria für die »Wiener Linien« eingeführte: Die Visualisierungstechnik mped+ ermöglicht eine ständige Analyse auf Übersichts- wie Detailebene, vom Streckennetz wie von einzelnen Stationen – auch simultan. In derartigen Gesamtmodellen verfügt jede Perspektivenebene über je geeignete Visualisierungstools einschließlich 3D-Ansichten, um tatsächlich transparente und nachvollziehbare Daten zu liefern. Diesen integrierten Ansatz verfolgen auch städteplanerische Modelle wie DeepCity3D vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD. Das Softwaretool erweitert die Möglichkeiten der Städteplanung, indem unterirdische Stadtstrukturen berücksichtigt und visualisiert werden. 

Ebenso stellt die veränderte Altersstruktur nicht nur in Regionen wie Europa ganz neue Aufgaben: UN-Erwartungen zufolge wird es 2045 weltweit erstmals mehr ältere als junge Menschen geben. In den stärker entwickelten Regionen leben bereits seit 1998 mehr ältere Menschen als Kinder. Selbst angesichts hoher Geburtenraten in den am wenigsten entwickelten Ländern stellt die Alterung der Bevölkerung demnach einen universellen Trend dar: Die globale Bevölkerung der Über-60-Jährigen wächst mit 2,6 Prozent pro Jahr tatsächlich mehr als doppelt so schnell wie die Gesamtbevölkerung. Die UN sieht deshalb eine besonders wichtige Aufgabe darin, unterstützende und die Selbständigkeit ermöglichende Umgebungen zu schaffen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF hat sich dementsprechend im November 2011 dem ressortübergreifenden Forschungskonzept »Das Alter hat Zukunft« verschrieben und betont: »Ein steigender Anteil der Seniorinnen und Senioren kann und will bis ins hohe Alter aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.« Zugleich betonte die UN im April, dass sich die medizinischen Handlungsfelder angesichts von Alterung weltweit kaum unterscheiden: In allen Regionen der Welt betreffen insbesondere nichtübertragbare Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und chronische Niereninsuffizienz die ältere Bevölkerung. IT kommt hierbei im Zusammenhang von Assistenzsystemen, dem sogenannten Ambient Assisted Living, auch in Kombination mit »Personal Health«-Komponenten aus dem Bereich Telemedizin, zum Einsatz. Diesem umfassenden Ansatz haben sich in der Fraunhofer-Allianz Assisted Living AAL 13 Institute verschrieben und arbeiten gemeinsam an modularen Systemen. Das Projekt PERSONA des Fraunhofer IGD, welches nun auch in das EU-Projekt universAAL einfließt, widmet sich etwa intelligenten Wohnumgebungen. Sensoren auf Fußböden, Spültischen und in Herden warnen, falls ein Wasserhahn oder eine Herdplatte nicht ausgeschaltet wurde. Zudem werden die Bewohner an die Einnahme ihrer Medikamente erinnert – für ein selbständiges Leben auch ohne Pflegekräfte. WohnSelbst vom Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST wiederum widmet sich der Früherkennung von Gesundheitsrisiken, indem Vorsorge mittels Vitalsensoren etwa zu Gewicht, Blutdruck und Blutzucker mit dem TV-Gerät verbunden und an ein telemedizinisches Kompetenzcenter angeschlossen werden. Getestet wird das Projekt im Raum Wiesbaden.

Sind Urbanisierung und Alterung auch nur zwei von vielen Themenfeldern rund um das Wachstum der Weltbevölkerung, so wird doch deutlich: Die Perspektive auf sich wandelnde Bedürfnisse bedeutet letztlich für uns alle mehr Lebensqualität – denn Herausforderungen stecken stets voller Möglichkeiten. (lre)

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