Wenn man es etwas salopp ausdrücken will, dann ist Telemedizin schlicht der „kleine Bruder“ der Kommunikationstechnik. Denn auch die Telemedizin orientiert sich an dem Leitgedanken, große Distanzen zwischen den beteiligten Partnern zu überwinden. Allerdings gehören die beteiligten Akteure in der Telemedizin zu einem besonders sensiblen und kostenintensiven Bereich unserer Gesellschaft. Patienten, medizinische Leistungserbringer, Kostenträger und telemedizinische Dienstleister lassen sich schwer zu einer „Zielgruppe“ zusammenfassen, wie dies bei der Entwicklung anderer Kommunikationstechniken wie dem Telefon oder elektronischer Massenmedien der Fall ist. Dafür sind die jeweiligen Krankheitsbilder, Befindlichkeiten, Ansprüche und Kalkulationen zu unterschiedlich. Vermutlich liegt darin auch ein Grund, warum seit 1998 zwar über 130 telemedizinische Projekte initiiert wurden, diese - teils sehr anspruchsvollen - Projekte aber auch 130 „Einzel“-projekte geblieben sind. Das zumindest zeigt ein Blick auf den Telemed- Atlas des Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen (ZTG). Rund 130 Mal sind die jeweils entwickelten Lösungsansätze also kaum über ein Angebot von einzelnen Diensten hinausgekommen. Und ebenso oft wurden voneinander unabhängige Szenarien zu Anwendungsbereichen wie Telemetrie, Teleradiologie, Telechirurgie oder Telemonitoring aufgesetzt, ohne dass hierfür eine gemeinsame Plattform existieren würde. Weil selbst auf rein technischer Ebene kaum ein Austausch von Know-how stattfindet, müssen also auch Grundbausteine wie etwa Sicherheits- oder Datenspeicherdienste immer wieder neu entwickelt und finanziert werden. In der Regel sind mit Ablauf eines telemedizinischen Projekts die finanziellen Mittel soweit reduziert oder gar erschöpft, dass die entwickelte Lösung kaum mehr auf ein tragfähiges Geschäftsmodell überführt werden kann. Zudem fehlt es an einer ganzheitlichen Vernetzung von haushaltsnahen medizinischen Dienstleistungen im häuslichen Umfeld. Diesen Missstand einzudämmen, ist Ziel der Arbeiten des Fraunhofer ISST. Die Grundidee dabei: Es soll eine Art telemedizinischer „Baukasten“ mit Softwareprodukten entwickelt und angeboten werden, aus dem alle für ein weiterführendes Projekt nötigen Basisdienste „entnommen“ und für die eigenen Zwecke eingesetzt werden können. Auf diese Weise wird eine Grundlage geschaffen, auf der neue telemedizinische Verfahren aufsetzen können. Die Entwicklung und der Einsatz von telemedizinischen Fachanwendungen muss also nicht bei (annähernd) „null“ starten, sondern kann auf einem Fundus bereits etablierter Bausteine aufbauen. Exemplarisch illustriert wurde dies in einem Leitszenario zum Thema Wundmanagement. Die Forscher hatten dafür eine Projektgruppe mit dem Evangelischen Krankenhaus in Witten und der ärztlichen Qualitätsgemeinschaft Witten etabliert. In einem interdisziplinären Team spezifizierten sie zuerst die spezifischen Anforderungen des Wundmanagements an medizinische Anwendungen, um diese dann nach informationstheoretischen Gesichtspunkten zu systematisieren. Dabei wurden mehrere Ebenen mit unterschiedlichen Kernmodulen definiert, die ähnlich wie bei einer russischen Matruschka wieder aus kleineren „Submodulen“ bestehen können. Eine dieser Ebenen umfasst technische Problembereiche, die sich aus dem medizinischen Alltag in Kliniken oder bei niedergelassenen Ärzten ergeben. Dazu gehört unter anderem ein Modul zur Sicherheit der Übertragung und eines zur sicheren Speicherung von Daten. Für die Datenübertragung wurden beispielsweise Anwendungen programmiert, die einen effizienten Transport auch großer Datenmengen möglich machen, indem diese so gestückelt und zeitversetzt übertragen werden, dass der Praxisbetrieb ungehindert weiterlaufen kann. Zudem werden Anwendungen zur Verschlüsselung von Daten oder zur Authentifizierung von Ärzten und Patienten angeboten. Da gerade im Rahmen des Wundmanagements Fotos der betroffenen Regionen eine wichtige Rolle spielen, wurde ein weiterer Baustein entwickelt, mit dessen Hilfe Bilder skaliert und farblich richtig eingeschätzt werden können. Auf diese Weise wird nicht nur der Heilungsverlauf nachvollziehbar dokumentiert. Die Wunde lässt sich auch gut mit Referenzbildern vergleichen. Ein Arzt, der mit diesem Modul arbeitet, verwendet eine spezielle Karte, die neben die Wunde gelegt wird, um beide zu fotografieren. Auf dieser Karte finden sich nicht nur die entsprechenden Legenden für eine Skalierung, sondern auch die anonymisierte Kennung des Patienten, sodass später eine automatische Zuordnung möglich wird. Nach einem ähnlichen Prinzip arbeitet auch ein anderes Modul, mit dem Dokumente oder Arzneien anonym mit einem bestimmten Patienten „gekoppelt“ werden, indem sie gemeinsam mit dessen anonymisierten Barcode abfotografiert werden.

Mittlerweile sind rund 25 derartiger Module entwickelt. Auf Grundlage der so gewonnenen Erkenntnisse sollen nun weitere Szenarien bearbeitet werden, um die Idee eines Telemedizin-Baukastens systematisch auszubauen und die Module auch anderen Fachärzten anbieten zu können. Dabei orientiert sich die weitere Entwicklung nicht allein an rein medizinischen Anforderungen. Parallel dazu sollen entsprechende Baukästen auch für den Bereich des Ambient Assisted Living entwickelt werden. Eine der Kernaufgaben wird es zudem sein, Geschäftsmodelle zu entwickeln, mit denen ein dauerhafter Betrieb der einzelnen telemedizinischen Anwendungen dieses Baukastens sichergestellt werden kann.

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