Schlagworte wie Digitalisierung, Industrie 4.0 und seit einiger Zeit auch Arbeit 4.0 füllen derzeit Zeitungen und Fachmagazine. Die Frage ist nur: Kommt das Thema auch tatsächlich dort an, wo es hingehört: In den Unternehmen? Das Fraunhofer IEM führt aktuell eine Studie bei 200 Vertretern mittelständischer Betriebe durch. Diese gibt einen Einblick, welche Chancen und Schwierigkeiten sie beim Thema Arbeit 4.0 erwarten. Im Interview erklärt Projektleiter Michael Bansmann erste Ergebnisse der bislang noch nicht veröffentlichten Studie. 

Hallo Herr Bansmann, vor sieben Jahren hat der Spitzencluster it’s OWL – Intelligente Technische Systeme OstWestfalenLippe seine Arbeit aufgenommen. Auch das Fraunhofer-Institut für Entwurfstechnik Mechatronik IEM beteiligt sich an dem Netzwerk und fokussiert dabei seit rund zwei Jahren auch das Themenfeld »Zukunft der Arbeit«.

Die Aufgaben des Clusters gehen natürlich weit über das Feld »Arbeit 4.0« hinaus. Ziel ist es generell, die Unternehmen der Region mit den hiesigen Hochschulen und Forschungsinstitutionen zusammenzubringen, um gemeinsam den Weg hin zur Industrie 4.0 zu gestalten. Im Themenfeld Arbeit 4.0 orientieren wir vom Fraunhofer IEM uns dabei vor allem an Fragen zur Auswirkung neuer Technologien und Organisationsformen auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Unternehmen. Und das sowohl während als auch nach der Umstellung auf Industrie 4.0.

In diesem Rahmen sind Sie unter anderem verantwortlich für eine Studie, die den Status Quo bei den Unternehmen und deren Wünsche und Befürchtungen in Bezug auf die Arbeitswelt in der Industrie 4.0 ermittelt.

Was Sie beschreiben ist nur der erste Teil, die Ist-Analyse. Der zweite Teil unserer Forschungen betrifft Schlussfolgerungen aus den erfassten Situationen: Wo haben Unternehmen Unterstützungsbedarf? Mit welchen Formaten können Forschungseinrichtungen ihnen unter die Arme greifen? Dafür haben wir nach einer grundsätzlichen Befragung von 200 Unternehmensvertretern zusätzlich detaillierte Fragen entwickelt und Experteninterviews geführt.

Die umfangreichen Ergebnisse sind noch nicht vollständig ausgewertet beziehungsweise veröffentlicht. Trotzdem: Was sind erste, grundlegende Erkenntnisse?

Der Begriff der Arbeit 4.0 ist nicht in der Industrie entstanden, sondern wurde vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geprägt. Wir wollten deshalb wissen, ob dieses zunächst akademische Thema im Alltag mittelständischer Unternehmen beispielsweise aus dem Maschinen- und Anlagenbau, der Elektro- und Elektronikindustrie oder dem Bereich Automotive auch tatsächlich eine Rolle spielt. Wichtigste Erkenntnis dabei: Die Unternehmen nehmen dieses Thema sehr ernst, können es aber aktuell schwer für sich einordnen. Es werden Orientierungshilfen nötig sein – sie werden sogar eingefordert. Deshalb ist die Idee entstanden, eine Art Masterplan of Action zu entwickeln, mit dem Unternehmen ihren individuellen Fahrplan für die Arbeitswelt von morgen aufstellen können. Daran arbeiten wir gerade.

Welche anderen grundsätzlichen Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Vieles ist auch hier noch nicht spruchreif, weil die Studie vermutlich erst im kommenden Jahr veröffentlicht wird. Aber es gibt eine Reihe von wichtigen Zwischenergebnissen. Dazu gehört beispielsweise, dass Unternehmen die Gefahr sehen, in Anbetracht aller Ansätze und Möglichkeiten, die mit Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 zusammenhängen, den Überblick zu verlieren. Zudem gibt es auch eine Vielzahl an Fragen zu spezifischen Themenfeldern wie etwa die Integration und der Einsatz der richtigen Assistenzsysteme: Wie gestalte ich die Zusammenarbeit zwischen Mensch und System? Ab wann soll das System die Entscheidungen treffen? Und natürlich bereiten den Unternehmen auch Fragen zur Akzeptanz durch die Belegschaft Kopfzerbrechen. Es scheint mitunter unklar, ab wann zum Beispiel Betriebsräte und Gewerkschaften eingebunden werden sollen. Damit hängen auch Fragen zur Arbeitsorganisation zusammen, denn die klassischen, eher starren Unternehmensstrukturen müssen sich zugunsten von mehr Agilität und Flexibilität deutlich weiterentwickeln. Es fehlt Betrieben also an Orientierungs- und Entscheidungshilfen für den je eigenen Weg, die wir mit dem bereits erwähnten Masterplan of Action geben wollen.

Hinzu kommt vermutlich, dass die einzelnen Unternehmen ganz verschieden sind.

Natürlich. Einige Unternehmen setzen ihre Akzente zum Beispiel im Bereich Robotik und KI-basierte Assistenzsysteme. Andere setzen agile Methodenbaukästen, um damit auf neue Verfahren im Projektmanagement zurückgreifen zu können. Oder Betriebe arbeiten ganz prinzipiell daran, ihre Strukturen zu flexibilisieren. Die Möglichkeiten sind vielfältig, entscheidend ist immer, dass Unternehmen Schritt für Schritt vorgehen.

Weil man sonst den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht …

Es ist grundlegend, das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren und die Entwicklung nach und nach voranzutreiben.

Unternehmen werden dafür Unterstützung von Institutionen brauchen.

Sie fordern diese auch explizit ein! Dabei kommen sie im Rahmen des Spitzenclusters auch aktiv auf Forschungsinstitutionen wie das Fraunhofer IEM zu.

Und was raten Sie?

Zunächst: Eine Pauschal-Lösung gibt es nicht. Jedes einzelne Unternehmen hat eigene Fragestellungen und Herausforderungen. Grundsätzlich kann ich aber drei Tipps geben: Erstens: Verschaffen Sie sich einen guten Überblick über Aufwand und Nutzen der möglichen Maßnahmen auf dem Weg zur Industrie 4.0 und Arbeit 4.0. Zweitens: Wählen Sie gezielt aus, was für Sie tatsächlich zielführend ist. Und drittens: Nehmen Sie die gesamte Belegschaft und den Betriebsrat möglichst von Anfang an mit auf ihren Weg.

(jmu)

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Michael Bansmann
  • Fraunhofer-Institut für Entwurfstechnik Mechatronik IEM
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