Die roten Hilti-Koffer – seit Jahrzehnten sind sie ein Synonym für eine Technologieführerschaft, die das Liechtensteiner Unternehmen für sich in Anspruch nimmt. Die Produkte des Werkzeugherstellers gelten bei vielen Handwerkern als Maßstab für Ideenreichtum und Qualität. Und das Unternehmen will auch in Zukunft Innovationstreiber der Branche bleiben. Für sein neues Innovationszentrum hat Hilti mit Forschern des Fraunhofer IAO zusammengearbeitet, um dort eine neuartige Arbeits- und Bürowelt zu konzipieren.

»Zzzzzzzzzbrrruummm« - mit 120 Dezibel und mehr. Wer kann schon konzentriert denken, wenn nebenan ein Düsenjet durchstartet? Und das im Minutentakt? Im neugebauten Hilti-Innovationszentrum wurde eine vergleichbar widersprüchliche Situation ganz bewusst umgesetzt. Und das mit Erfolg: Für diejenigen, die denken wollen und diejenigen, die Lärm verursachen (müssen). Im Liechtensteiner Ort Schaan sind nun Hilti-Testzentrum, Besprechungsräume und die Büros für die Entwicklungsingenieure, Designer und Marketing-Fachleute in einem Gebäude vereint. Von vielen Schreibtischen aus haben die Mitarbeiter freie Sicht in die zentral im Gebäude liegende Versuchshalle, in dem neue Produkte an unterschiedlichsten Baumaterialien intensiv und lautstark erprobt werden. Das Dröhnen, Kreischen und Hämmern kommt dabei durchaus an den Lärmpegel eines Düsenjets heran. Dass trotz der unmittelbaren Nähe zu den Produkttests in den darum gruppierten Büros konzentriertes Denken möglich ist, ist das Ergebnis durchdachter architektonischer Konzepte und intelligenter Bautechnik: So ist beispielsweise die Bodenplatte der Versuchshalle im Zentrum vollständig vom Fundament des übrigen Gebäudes entkoppelt, um eine Schwingungsübertragung zu verhindern. Daneben sind zweischalige Wände, Schallschutzverglasungen, Akustikpaneele usw. verbaut. »Weil Theorie und Praxis in Blickweite agieren, ist das Hilti-Innovationszentrum eine ideale Plattform für neue Entwicklungen. Hier sind sowohl der Zuschnitt des gesamten Gebäudes als auch die Vernetzung der Arbeitsbereiche konsequent auf das Finden und Ausarbeiten neuer Ideen ausgerichtet«, erklärt Dr. Jörg Kelter vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO.

Von der Vision bis zum Bau auf Innovationsförderung fokussiert

Hilti hat die Expertise der Fraunhofer-Forscher in der Gestaltung multifunktionaler Bürowelten frühzeitig für sich genutzt, um seine neuartigen Visionen für eine Denkfabrik gewinnbringend umzusetzen. In einem Strategieworkshop mit Geschäftsleitung und Management erarbeitete das Fraunhofer IAO zunächst die Zielanforderungen sowie die strategischen Leitplanken für das zukünftige Arbeitsszenario in dem Neubau. Das Gebäude sollte ein Arbeitsumfeld bieten, das Teamarbeit und Kommunikation gezielt fördert und die organisatorischen Prozesse von der Idee bis zum fertigen Produkt effizient unterstützt. Komposition und Ausgestaltung der Räumlichkeiten sollten zudem das Gefühl der Begeisterung für die Arbeit an technischen Ideen bei Mitarbeitern und Besuchern steigern. An den detaillierteren Planungen der Gebäude- und Raumstrukturen waren deshalb auch die Angestellten unmittelbar beteiligt. Die Fraunhofer-Experten für Arbeitsorganisation gehen dabei nach einer speziellen Methodik vor, mit der sie die unternehmensspezifischen Arbeitsprozesse und deren organisatorischen Rahmen systematisch bestimmen. Bei Hilti führten sie dazu Workshops durch, an denen rund 20 Prozent aller Mitarbeiter, die in dem Gebäude später arbeiten, teilnahmen. Über diese Vertreter wurden alle Mitarbeiter im Nachgang auch kontinuierlich informiert. Abgeleitet aus den Erkenntnissen der Workshops sowie einer umfassenden Anforderungsanalyse für die neuen Arbeitswelten entwickelten die Fraunhofer-Experten ein Konzept für die Gebäude- und Raumstrukturen, das von der Idee eines multifunktionalen Netzwerk-Büros geprägt ist. Das Ergebnis war ein rund 100 Seiten umfassendes Pflichtenheft, das die zugrunde liegenden Module und Anforderungen an die Architektur beschreibt.

Erkenntnisse der Arbeitsforschung individuell umgesetzt

Das Team des Fraunhofer IAO nutzte dabei auch die Erfahrungen früherer Beratungsprojekte und Erkenntnisse aus Forschungsprojekten wie OFFICE 21, bei dem beispielsweise auch die Vorteile flexibler, multifunktionaler Bürowelten mit unterschiedlichen Settings wie Projekt- und Kreativflächen, Silent-Boxen, übergreifend genutzten Besprechungsbereichen oder Meeting-Points im Rahmen unterschiedlicher Zukunftsszenarien und Nutzerstudien erforscht wurden. »Um die richtige Mischung etwa aus offenen Bürobereichen und Arbeitsplätzen für konzentrierte Stillarbeit oder vertrauliche Telefonate planen zu können, ist trotzdem eine exakte Ist-Soll-Analyse der Arbeitsprozesse in den Abteilungen und Teams des einzelnen Unternehmens erforderlich«, betont Kelter. Auch Aufenthaltsbereiche wie eine Teeküche, Dachterrasse oder eine Lounge-Ecke können die Kommunikation nur dann gezielt fördern, wenn sie zum einen in einer dafür offenen Arbeits- und Unternehmenskultur glaubhaft verankert sind, und zum anderen diese Angebote genau in Bereichen positioniert sind, in denen sich Mitarbeiterwege verschiedener Teams und Abteilungen in der täglichen Arbeit auch tatsächlich kreuzen. Deshalb – so Kelter – sei es auch wesentlich für die angestrebten kommunikativen Prozesse gewesen, laute Bereiche wie die Versuchshalle und leise Areale wie Büros in Blickweite zusammenzuführen.

Großzügige Verglasungen statt Mauern eröffnen im gesamten Gebäude vielfältige Sichtachsen zwischen Versuchshalle und Büros ebenso wie innerhalb der Büroarbeitsbereiche. Und nicht zuletzt überzeugen die hohen Funktionalitäten und die attraktiven Umsetzungsqualitäten der neuen Bürowelt die Mitarbeiter. Zum Beispiel Yijun Li, Chief Scientist Numerical Simulation bei Hilti: »Mit den Kollegen in den verschiedenen Abteilungen zu kommunizieren ist viel einfacher geworden, was die Zusammenarbeit erheblich erleichtert. Ich kann problemlos kurz in einem Labor vorbeischauen, und oft ist es für die eigene Arbeit hilfreich, ein Projekt aus der Nähe mitverfolgen zu können.« (stw)

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