In den vergangenen Jahren hat es kaum einen Schiffsunfall gegeben, bei dem Kommunikationsprobleme nicht eine wesentliche Rolle gespielt hätten. 2001 hatte die Internationale Maritime Organisation (IMO) Englisch als Standardsprache für den internationalen Sprachverkehr zwischen Schiffen und Landstationen empfohlen und mit den »Standard Marine Communication Phrases (SMCP) « eine standardisierte Kommandosprache eingeführt. Die Projektgruppe Hör-, Sprach- und Audiotechnologie des Fraunhofer IDMT stellt nun in Kooperation mit der Jade Hochschule Wilhelmshaven, Oldenburg, Elsfleth eine Online-Trainingsplattform für maritimes Englisch vor, die auf Spracherkennung basiert. Durch den Einsatz von Sprach- und Audiotechnologien wollen die Fraunhofer-Forscher zu mehr Sicherheit in der Seeschifffahrt beitragen.

Dass es bei der Kommunikation zwischen Personen gelegentlich zu Missverständnissen kommt, ist menschlich und damit normal. Allerdings gibt es immer wieder Momente, bei denen die Kommunikation nicht nur reibungslos ablaufen soll, sondern alle Inhalte auch sofort, klar und unmissverständlich verstanden werden müssen. Dazu gehören vor allem Situationen, in denen alle Beteiligten gezwungen sind, schnell und verantwortungsvoll zu handeln. Bei der Absprache von Rettungsmaßnahmen etwa, im Flugverkehr oder in der Schifffahrt. Allerdings gibt es Unterschiede: Bei einem Noteinsatz von Polizei oder Feuerwehr sind alle Beteiligten in der Regel eingespielt und sprechen deutsch. Und die Korrespondenzen zwischen Piloten und Verkehrszentralen finden zwischen speziell geschultem Personal statt und sind eintrainiert.  Im Gegensatz dazu ist die klare Verständigung auf und zwischen Schiffen oftmals deutlich problematischer. »Die Schifffahrt ist ein international geprägtes Arbeitsumfeld mit Menschen, die Hunderte verschiedene Nationalitäten vertreten. Hinzu kommen unzählige Dialekte und Aussprachevarianten«, erklärt Peter John vom Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT in Oldenburg. Wie groß die Verständigungsproblematik ist, verdeutlicht er mit zwei Zahlen: Danach sind bei mehr als 40 Prozent aller Unfälle und Zwischenfälle auf See Probleme in der Sprachkommunikation die Ursache. In über 90 Prozent der Fälle stellen sie einen erschwerenden Faktor dar.

Probleme mit der Verkehrssprache Englisch

Da hilft es auch nur wenig, dass die Internationale Maritime Organisation (IMO) Englisch zur offiziellen Verkehrssprache der Seefahrt bestimmt hat. Denn für viele der Seefahrer ist Englisch eine Fremdsprache. Das Erlernen von Sprachen aber ist für die eher auf die tagtäglich harte körperliche Arbeit an Bord fokussierten Seefahrer ein großes Problem. Selbst, wenn es »nur« um das Beherrschen einer nautischen Standardphraseologie (SMCP) geht, bei der zum Beispiel Uhrzeiten, Positionen, Zahlen, Entfernungen oder Funkanweisungen nach festen Regeln auf Englisch zu formulieren sind. Gemeinsam mit dem Bereich Seefahrt und Logistik der Jade Hochschule Wilhelmshaven, Oldenburg, Elsfleth entwickelt das Fraunhofer IDMT deshalb einen Chatbot für das computerbasierte Training des maritimen Englisch. Durch Spracherkennung bietet die Online-Trainingsplattform ein realitätsnahes, dialogbasiertes Lernen.

In Zukunft wollen die Forscher ihre Spracherkennungssysteme für die maritime Kommunikation weiter ausbauen, als eine Art »Absicherung« für die Standardkommunikation auf dem Schiff, zwischen Schiff und den Leitstellen an Land sowie zwischen Schiffen. Beispielsweise, wenn mehrere Schlepper ein Schiff in den Hafen bringen: Ein Spracherkennungssystem analysiert Dialoge auf der Brücke und gibt das Erkannte auf einem Monitor aus. So könnten Verantwortliche zusätzlich mitlesen und sich sicher (oder zumindest deutlich sichererer) sein, dass sie kritische Dialoge auch korrekt verstanden haben. Dies ist besonders in lauten Umgebungen oder beim Nachvollziehen eines verpassten Funkspruchs hilfreich. Zusätzlich können Anweisungen, Beobachtungen oder Korrespondenzen gleich als druckfähiges Protokoll »mitgeschrieben« werden.

Die neue Online-Trainingsplattform für maritimes Englisch soll zu mehr Sicherheit in der Schifffahrt beitragen. Bild: Daniel Schmidt | Fraunhofer IDMT

Klassische Spracherkennung reicht nicht

»Das Fraunhofer IDMT hat eine hohe Kompetenz im Bereich der Spracherkennung, so dass bereits Systeme zur Verfügung stehen, die durch normale Umgebungs- und Störgeräusche kaum mehr irritiert werden. Vor allem funktioniert unsere Technologie auch ohne eine Verbindung zum Internet, also lokal beim Nutzer. Allerdings müssen die Systeme für das Nutzen auf See weiterentwickelt und auf den spezifischen Kommunikationsalltag angepasst werden. Beispielsweise an die Umgebungssituation mit viel Motorenlärm und Wind oder Störungen bei der Funkübertragung «, erklärt Jens Appell, Abteilungsleiter der Projektgruppe Hör-, Sprach- und Audiotechnologie am Fraunhofer IDMT. Deshalb sei eine umfassende Sprachmodellierung der maritimen Kommunikation und die weitere Entwicklung geeigneter Verfahren zur Signalaufnahme und -verarbeitung zwingend.

Das Verstehen von Dialekten

Was aber vor allem fehlt, ist das Verstehen der nautischen Standardphrasen bei unterschiedlichsten Aussprachen. Denn selbst, wenn Seeleute SMCP nutzen, ist ein Verstehen bei weitem nicht garantiert. Zu unterschiedlich sind Sprachmelodie, Sprachfärbung und die (durch hunderte von Dialekten unterschiedliche gefärbte) Aussprache. »Durch die Kooperation mit dem Fachbereich Seefahrt an der Jade Hochschule und ein internationales Netzwerk ist es uns möglich, an nautischen Ausbildungsstätten rund um den Globus dialektspezifische Formulierungen und Aussprachen wichtiger Phrasen aufzunehmen und systematisch zu sammeln.«, erklärt Appell. Die Datenbank ist mittlerweile so umfangreich, dass das Spracherkennungssystem für die SMCP-Trainingsplattform bei der Shipbuilding, Machinery & Marine Technology SMM im September in Hamburg einem internationalen Publikum vorgestellt wird. (aku)

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