Prof. Marc Rüger und Dr. Rainer Nägele vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO gehören zu den führenden Forschern im Bereich der betrieblichen Weiterbildung. Sie gehen davon aus, dass das deutsche Weiterbildungssystem in seiner jetzigen Form den Anforderungen von Unternehmen und ihren Mitarbeitenden in Teilen nicht mehr gerecht werden kann. Insbesondere im Bereich der Weiterbildung für Akademiker*innen gebe es eine bedrohliche Angebotslücke. Im Interview erklären sie die Situation und beschreiben Ansätze, die Verhältnisse deutlich zu verbessern.

Hallo Herr Rüger, Hallo Herr Nägele, es gibt derart viele Angebote zur beruflichen Weiterbildung, dass viele Unternehmen den Überblick verloren haben. Trotzdem haben Sie einen »weißen Fleck« in der Palette der Weiterbildungsmöglichkeiten ausgemacht.

Rüger: Es geht uns um die berufliche Weiterbildung von Akademikern. Denken Sie an beispielsweise Ingenieure und Ingenieurinnen, die vor 20 Jahren ihr Diplom gemacht haben und heute zusehends mit Aufgaben und Herausforderungen konfrontiert werden, für die der damalige Ausbildungsstand nicht mehr ausreicht.
Nägele: Natürlich will und muss sich auch diese Gruppe weiterbilden. Die Frage ist nur wie und wo, denn das Angebot ist meist nicht zielführend. Und das ist sowohl für die Akademiker*innen in den Unternehmen ein Problem wie auch für die Unternehmen an sich. Denn es ist offensichtlich und auch durch Zahlen in unseren Untersuchungen belegt, dass Betriebe immer größere Probleme haben, Personal zu rekrutieren und einzusetzen, das über Fähigkeiten verfügt, die vor allem bei jenen Akademiker*innen zu finden sind, die ihre Hochschullaufbahn erst vor Kurzem abgeschlossen haben und die deshalb vermehrt Zukunftskompetenzen einbringen können.
Rüger: Akademische Weiterbildung ist einerseits essenziell geworden, um eine Lücke zu füllen, die immer gravierender wird. Andererseits aber gibt es kaum Angebote oder bestenfalls so etwas wie berufsbegleitendende Masterstudiengänge.

Sie arbeiten nicht nur intensiv daran, diese Lücke aufzudecken, zu beschreiben und zu verifizieren, sondern beschäftigen sich auch und vor allem mit Lösungsansätzen.

Rüger: Richtig. Es ist Teil unserer Aufgabe, Trends und Technologien zu erforschen, wie die Weiterbildung der Zukunft so geformt werden kann, dass Unternehmen die Möglichkeit haben, Lücken wie diese qualifiziert zu schließen. Und das sowohl inhaltlich als auch didaktisch.

Welche Entwicklungen oder möglicherweise auch Fehlentwicklungen machen Sie dabei aus?

Rüger: Einer der wichtigsten Trends sind die sogenannten Weiterbildungs-Nuggets. Es geht also um kleinteilige Weiterbildungs-»Happen«, die auch parallel zum Job leicht verdaulich sind. Wichtig dabei ist allerdings, dass diese einzelnen, kleineren Lektionen einem Gesamtkonzept folgen. Sie müssen aufsummierbar sein. Und sei es auch »nur«, um mit einem Zertifikat abschließen zu können, weil das vor allem in Deutschland immer noch einen ausgesprochen hohen Stellenwert hat.
Nägele: Inhaltlich spielt bei der akademischen Weiterbildung vor allem das Thema KI und Digitalisierung eine zentrale Rolle. Im Grundsatz geht es sehr häufig um die Fragen: »Wie gehe ich strukturiert mit Daten um?«, »Wie müssen diese Daten aussehen?«, »Wie müssen sie aufbereitet sein?«, »Wie kann ich sie zueinander bündeln?« und »Mit welchen Algorithmen kann ich arbeiten?«. Hier ist es wichtig, ein grundlegendes Verständnis zu vermitteln und Wissen auch kleinteilig und aufgabenäquivalent zu vermitteln.
Rüger: Es gibt dafür zwar US-Anbieter, wie beispielsweise Udacity – eine Online-Universität, die sogenannte MOOCS (»massive open online courses«) anbietet, aber auf baden-württembergische oder deutsche Belange spezialisierte Angebote gibt es bislang kaum oder besser: gar nicht. Wir brauchen unbedingt eigene Institutionen, die Entsprechendes anbieten.

Gehen Sie davon aus, dass der Einsatz von KI bei der Erstellung entsprechender Angebote helfen kann?

Nägele: KI wird vor allem die Möglichkeit ausbauen, den konkreten Weiterbildungsbedarf zu ermitteln und personenbezogene Kurse zu entwickeln. So werden eventuelle Wiederholungen oder die Vermittlung eigentlich nicht nötigen Wissens, wie sie bei allgemeinen Weiterbildungsmaßnahmen fast schon die Regel ist, gezielt vermieden. In Projekt KIRA des Fraunhofer IAO untersuchen wir derzeit, wie Lernangebote mithilfe Künstlicher Intelligenz gezielt auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten werden können.

Inwieweit muss sich durch die Entwicklung hin zu den Weiterbildungs-Nuggets und der KI-gestützten Individualisierung der Bildungsangebote auch die Art der Wissensvermittlung verändern?

Nägele: Eine vermehrt individualisierte Weiterbildung für Akademiker*innen korreliert mit einem erhöhten Einsatz von Ressourcen. Denn wenn jeder anders ist und jedem andere Inhalte vermittelt werden sollen, dann muss eigentlich auch die Zahl der Vermittler und Vermittlerinnen zunehmen, die das leisten sollen. Da wir hier aber schnell an betriebswirtschaftliche und personelle Grenzen stoßen müssen wir Methoden entwickeln, um den erweiterten Bedarf durch den Einsatz von Technologien abzufedern.
Rüger: Das Stichwort dazu heißt »Learning Companion«. Damit sind technische Systeme gemeint, die mich beim Lernen begleiten. Hier kann ich nicht nur angeben, was ich als Nächstes lernen soll, sondern ich kann auch die Art und Weise definiere, wie ich lerne. Außerdem werden meine Lernfortschritte ausgewertet und veranschaulicht. Dann sehen Sie beispielsweise, wie schnell Sie gelernt haben, an welcher Art von Inhalten es noch hakt, wo Wiederholungen nötig sind und was Sie eher zügig durcharbeiten können. Sie sehen auch, ob sie eher der repetitive Lerntyp sind und kreative Lernmethoden bei Ihnen nicht so gut funktionieren. Dieses individualisierte Profil kann dann auch für das zukünftige Lernen genutzt werden.

Das alles hört sich so logisch und nachvollziehbar an, dass ich mich frage, warum es in Deutschland offensichtlich so schlecht bestellt ist mit der akademischen Weiterbildung.

Rüger: Ein Grund dafür ist, dass wir nach wie vor in tradierten Strukturen denken. Einen schwachen Lichtblick sehe ich bei den Hochschulen für angewandte Wissenschaften, also den ehemaligen Fachhochschulen. Sie scheinen die Lücke wenigstens etwas füllen zu können, weil sie zunehmend auch akademische Weiterbildungsangebote schnüren und anbieten.
Nägele: Eine andere, positive Entwicklung sind akademische Weiterbildungsangebote, die mit dem Erwerb einer weiteren akademischen Qualifikation verknüpft sind. Berufsbegleitende Masterstudiengänge beispielsweise setzen auf dem vergangenen Studienabschluss auf und bieten die Möglichkeit, nun einen weiterführenden Abschluss draufzusetzen. Dafür müssen die Akademiker allerdings bereit sein, ein hohes Maß an Motivation und Leidensbereitschaft aufzubringen.

Das laut Ihrer Studie präferierte kleinteilige »Nebenher-Lernen« würde damit aber kaum möglich.

Nägele: Es ist in der Tat eher ein Angebot für Akademiker, denen ein weiterer Abschluss wichtig ist. Das Problem mit der Weiterbildungslücke wird nur in Ausnahmefällen gelöst.

Aber ist die von Ihnen geschilderte Situation nicht eine mögliche Goldgrube für private Weiterbildungsinstitutionen, die entsprechende Angebote kreieren und verkaufen?

Rüger: Das kann ich mir gut vorstellen. Im Gegensatz zu Weiterbildungsangeboten etwa für den Bereich Lehre/Meister, wo sich ein echter Weiterbildungsmarkt etabliert hat, sehen wir bislang kaum private Anbieter im akademischen Weiterbildungsbereich.

Sie haben im Jahr 2021 damit begonnen, eine Weiterbildungsplattform auf akademischem Niveau für Baden-Württemberg und dann Deutschland zu entwickeln, die ebenfalls in dieses Horn stößt.

Rüger: Richtig. Wir haben mit der Dieter-Schwarz-Stiftung einen finanzstarken Investor gewinnen können und arbeiten aktuell an der Umsetzung.

Parallel sind aber auch Initiativen entstanden wie beispielsweise Global Upskill.

Nägele: Global Upskill wird eine Denkfabrik am Bildungs- und Forschungsstandort Heilbronn, die wir bis zum Jahr 2026 zu einem Leuchtturm-Projekt zur beruflichen Weiterbildung ausbauen wollen. Es geht dabei einerseits um eine Plattform zur Förderung des lebensbegleitenden Lernens bei hoher Veränderungsgeschwindigkeit. Gemeinsam mit Weiterbildungsanbietern wollen wir die Innovationskraft sowie eine erstklassige Fachkräftebasis mit zukunftsorientierten Berufsprofilen sichern und dafür hochwertige Weiterbildungsangebote und -nachfragen zusammenbringen. Außerdem wird ein Schaufenster entstehen, in dem wir die technologischen Möglichkeiten vorstellen, um die Zukunft der beruflichen Weiterbildung zu verbessern und zu sichern.

Wann habe ich als Unternehmen und als akademischer Mitarbeiter die Chance, von Global Upskill zu profitieren?

Nägele: Es wird noch etwas dauern und schrittweise vorangehen. Grund dafür ist unter anderem, dass wir als Forschende natürlich nicht zu einem reinen Bildungsanbieter werden wollen. Wir sind die Initiatoren und Vermittler, die mithelfen, etwas auf die Beine zustellen und wir schaffen die wissenschaftliche Grundlage dafür, dass die Erfolgsaussichten hoch sind.
Rüger: Wir setzen dabei unter anderem auf ein breites Netzwerk an Hochschulen, mit denen wir bereits in Kontakt sind. Die eigentlichen Angebote sollen dann aber von einem Partnernetzwerk kommen, das wir gerade aufbauen.

(aku)

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Dr. Rainer Nägele
  • Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
Prof. Marc Rüger
  • Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
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