Pflegeutensilien aus dem Magazin holen, Bestände prüfen, Nachbestellungen organisieren, Routinearbeiten dokumentieren – das sind wichtige Aufgaben in Alten- und Pflegeheimen. Aber: wo bleibt der Mensch? Im Mittelpunkt der Arbeit des Personals sollte eigentlich die Betreuung von Patienten und Heimbewohnern stehen. Einen erheblichen Anteil ihrer Arbeitszeit sind sie jedoch mit »Turnschuhlogistik« und Verwaltungsaufgaben beschäftigt. Das verursacht Stress, ist körperlich anstrengend und kostet wertvolle Zeit. Intelligente, selbstfahrende Roboter könnten hier schon bald Erleichterung bringen.

Noch ist das Szenario ungewohnt und erinnert eher an Science-Fiction als an den Alltag in Pflegeheimen und Krankenhäusern: Ein Stationswagen, wie ihn gewöhnlich Klinikpersonal vor sich herschiebt, fährt alleine aus dem Materialdepot und den langen Gang entlang. Selbst das im Weg stehende Krankenbett ist kein Hindernis für ihn. Er umfährt es selbsttätig. Auch als sich eine Gruppe von Patienten oder Klinikmitarbeitern innerhalb seines Fahrweges aufhält, agiert der selbstfahrende Pflegewagen zuverlässig: Er stoppt kurz und bittet über seine Lautsprecher freundlich darum, ihm die Durchfahrt zu ermöglichen. Sobald der Weg frei ist, rollt er zielstrebig weiter bis vor die Tür eines der Patientenzimmer. Dort wartet bereits die Pflegekraft, welche den Pflegewagen mit einem Touch auf ihr Mobiltelefon angefordert hat. Bisher musste sie ihre Arbeit mit den Patienten unterbrechen und den Wagen mit den benötigten Utensilien selbst holen. Da ihr intelligenter Pflegewagen diese Aufgabe nun selbsttätig übernimmt, bleibt ihr mehr Zeit für die persönliche Betreuung.

Servicerobotik erleichtert Pflegearbeit

Noch gibt es den selbstfahrenden Roboterwagen lediglich als Prototyp. Bei Piloteinsätzen im Universitätsklinikum Mannheim und in Einrichtungen der Altenheime Mannheim GmbH aber konnten sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereits von den Vorteilen des Konzepts live überzeugen. Die Mannheimer Einrichtungen beteiligen sich als Anwendungspartner an dem Projekt »SeRoDi - Servicerobotik zur Unterstützung bei personenbezogenen Dienstleistungen«. Eines der zentralen Entwicklungskonzepte des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten und dem Projektträger Karlsruhe (PTKA) betreuten Forschungsvorhabens ist der intelligente Pflegewagen. »Dass der selbstfahrende Roboter die »Turnschuhlogistik« des Klinikpersonals deutlich abmildern kann, ist dabei sicher der augenscheinlichste Vorteil, bei weitem jedoch nicht der einzige«, sagt Christian Schiller vom Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement (IAT) der Universität Stuttgart. Mit dem intelligenten Pflegewagen etablieren die Forscher zusammen mit dem Universitätsklinikum Mannheim gleichzeitig ein umfassendes, neues Logistikkonzept für den Stationsalltag. Der intelligente Pflegewagen unterstützt dabei in erheblichem Maße die Dokumentation von Materialbewegungen über einen Tablet-PC. Dort können Pfleger und Krankenschwestern schnell und einfach alle Verbrauchsmaterialien erfassen, die sie aus dem Vorrat des Pflegewagens entnehmen. Die neueste Ausbaustufe des Serviceroboters besitzt sogar eine automatische Objekterkennung, über die entnommene Utensilien gescannt und ausgebucht werden können. Das System im Hintergrund hat damit die aktuellen Bestände laufend im Blick und warnt die Pflegekräfte rechtzeitig, wenn ein Material zur Neige geht.

Neben dem selbstfahrenden Pflegewagen entwickeln und erproben die Forscher auch einen selbstfahrenden ServiceAssistenten, der möglichst in direkter Interaktion mit den Bewohnern von Altenheimen kommuniziert. Auf seinem integrierten Tablet bietet er Senioren beispielsweise mitgebrachte Getränke an und fördert dadurch die Selbstständigkeit bei Pflegeheimbewohnern. Zur erfolgreichen Bewältigung dieser Aufgabe verfügt der Roboter, zusätzlich zum Tablet über eine Personenerkennung und eine Sprachfunktion.

Technikentwicklung für und mit den Anwendern

Im Mittelpunkt des Projekts steht allerdings nicht nur das technisch Machbare sondern auch die Bedürfnisse ihrer Anwender. »Oberstes Ziel ist es, dem Pflege- und Klinikpersonal optimale Unterstützung bei ihren Tätigkeiten zu bieten. Wir wollen ihnen Routineaufgaben erleichtern, Laufwege ersparen und körperlich belastende Arbeiten abnehmen«, so Schiller. Um die Entwicklungen zu verbessern und auf die spezifischen Erfordernisse vor Ort abzustimmen waren die Forscher deshalb regelmäßig direkt vor Ort anwesend und haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kliniken und Altenheimen während ihrer Arbeit begleitet. Zusätzlich führten die Forschungspartner mit den Anwendern Interviews und Workshops durch und beteiligten sie kontinuierlich an Lösungsfindung und Umsetzung.

Die Wissenschaftspartner von »SeRoDi« sind neben dem Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement (IAT) der Universität Stuttgart das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA sowie das Institut für Psychologie der Universität Greifswald und das Institut für Steuerungstechnik der Werkzeugmaschinen und Fertigungseinrichtungen an der Universität Stuttgart ISW. Anwendungspartner im Projekt sind die Universitätsmedizin Mannheim GmbH und die Altenpflegeheime Mannheim GmbH.

Die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentierte das »SeRoDi«-Konsortium gemeinsam mit dem parallel dazu laufenden Projekt »AQUIAS«. Beide Forschungsvorhaben stehen unter dem Motto »Robotik für den Menschen«, nutzen die Technologien der Robotik also gezielt dazu, den arbeitenden Menschen bei seiner Tätigkeit nicht zu ersetzen, sondern optimal zu unterstützen. Dazu kooperieren die wissenschaftlichen Einrichtungen auch über die Projekte hinaus, wie beispielsweise das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO mit dem IAT der Universität Stuttgart. Im Rahmen von »AQUIAS« entwickeln Forscher des Fraunhofer IAO und IPA Robotiklösungen mit dem Schwerpunkt auf die Unterstützung von schwerbehinderten Mitarbeitern in der Industrie. (mab)

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