Die Informatik hat sich von einer technisch-mathematisch orientierten Wissenschaft zu einer Strukturdisziplin entwickelt, die viele Aspekte des Alltags nicht nur berührt, sondern aktiv mitgestaltet. Mit rund 20.000 Mitgliedern ist die im Jahr 1969 in Bonn gegründete Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) die größte Fachgesellschaft der Informatik im deutschsprachigen Raum.

In rund 120 verschiedenen Fachgruppen und 30 Regionalgruppen treten die Mitglieder, die aus der Wissenschaft, der Informatikindustrie, aus dem Kreis der Anwender sowie aus Lehre, Forschung, Studium und Ausbildung kommen, in einen intensiven fachlichen Austausch. Neben der gegenseitigen Unterstützung bei der Arbeit und Weiterbildung arbeiten die Mitglieder gemeinsam daran, die Informatik in Forschung, Lehre und Anwendung weiter zu fördern. Anlässlich der feierlichen Eröffnung des GI-Hauptstadtbüros im November unterhielt sich InnoVisions mit dem Präsidenten der Gesellschaft für Informatik, Prof. Oliver Günther, Ph.D., der seit Anfang 2012 im Amt ist.

Herr Professor Günther, Sie sind seit Januar dieses Jahres Präsident der Gesellschaft für Informatik. Welches sind Ihre vorrangigen Ziele, um die Informatik in Deutschland weiter voranzubringen?

Zunächst einmal ist es mir ein besonderes Anliegen, ein geschärftes Bewusstsein für die veränderte Rolle der Informatik in der Gesellschaft zu schaffen. Informatik umgibt uns überall, bestimmt unseren Alltag und ist der unumstrittene Innovationstreiber für die deutsche Wirtschaft schlechthin. Außerdem ist die Informatik mit ihren unzähligen Anwendungsbereichen ein Jobmotor von immenser Bedeutung für Deutschland. Und in Zukunft wird dieser Beitrag der Informatik zur Bedeutung des Wirtschaftsstandorts Deutschlands noch weiter steigen.

Nehmen wir das Beispiel der »Energiewende«. Dezentrale Energiegewinnung macht ein intelligentes Stromnetz notwendig, es wird ein »Internet der Energie« entstehen. Zeitgleich werden Verbraucher infolge des zunehmenden Einsatzes von sogenannten Smart Metern, also intelligenten Stromzählern in jedem Haushalt, neue, sich vernetzende Produkte fordern, um so ihr eigenes lokales Energiemanagement in ihren vier Wänden vornehmen können. Lösungen der Informatik werden hierbei eine zentrale Rolle spielen.

Es besteht jedoch auch noch ein immenser Forschungsbedarf zur sicheren und zuverlässigen Umsetzung derart komplexer Innovationen. Hier gibt es keine Lösungen aus der Schublade, aber ich habe keinen Zweifel daran, dass die Erfindungen und Entwicklungen unserer Informatikerinnen und Informatiker auch weiterhin zum Wohle der Gesellschaft beitragen werden.  So wird der angesprochene Umgang mit der Energiefrage das 21. Jahrhundert global prägen und »Software made in Germany« wird hierbei, wie auch in anderen zentralen Zukunftsfragen, ihren Anteil zur Lösung der gesellschaftlichen Herausforderungen beitragen.

Und wie lassen sich diese Ziele, unter Berücksichtigung aller gesellschaftlichen Schichten, in die Tat umsetzen?

Dies ist in der Tat die größte Herausforderung, der wir uns als Fachgesellschaft stellen. Wir wollen das Image der Informatik korrigieren: Informatik ist keine männliche »Nerd-Disziplin«, sondern ein interdisziplinär ausgerichtetes Fach mit unzähligen Anwendungsbereichen –der Medizin, der Internetwirtschaft, genauso wie in der Informations- und Kommunikationstechnik, der Luft- und Raumfahrt, der Automobilindustrie, im Maschinenbau, in der Logistik und vielen mehr. Um den zukünftigen Bedarf an klugen Köpfen in der Informatik auch in absehbarer Zukunft mit qualifizierten Fachkräften aus Deutschland befriedigen zu können, ist das primäre Ziel unserer Aktivitäten: »Mehr Nachwuchs in den MINT-Fächern – vor allem für die Informatik«. Dies schaffen wir natürlich nicht alleine, daher lautet unser Motto hier: Erfolg durch Kooperation. Bereits Kinder und Jugendliche sprechen wir mit unseren (spielerischen) Aktivitäten an. Hier erwähne ich immer gerne den Informatik-Biber, ein außerordentlich erfolgreiches Kooperationsprojekt mit dem Fraunhofer-Verbund IuK- Technologie, mit dem Max-Planck-Institut für Informatik und dem BMBF – mit über 150.000 teilnehmenden Schülerinnen und Schülern. Eine ideale Nachwuchsförderung für Jungen und Mädchen. Für ältere Jugendliche gibt es den Bundeswettbewerb Informatik, der mit anspruchsvollen Aufgaben besonders Interessierte ansprechen soll.

Für Studierende der Informatik finden nunmehr zum 13. Mal unsere Informatiktage statt. Neben dem fachlichen Austausch sind die Informatiktage auch eine gute Gelegenheit für den akademischen Nachwuchs, mit Unternehmen und deren Anforderungen in Kontakt zu kommen. Um wissenschaftliche Leistungen zu würdigen, zeichnen wir gemeinsam mit dem German Chapter of the ACM, der Schweizer Informatik Gesellschaft und der Österreichischen Computergesellschaft die beste Informatik-Dissertation im deutschsprachigen Raum aus. Um praktische Arbeiten zu würdigen, lobt die GI den GI-Innovations- und Entrepreneurspreis aus, der junge und innovative Unternehmen auszeichnet und die Brücke aus der Forschung in die Praxis schlägt

Darüber hinaus fördern wir den Diskurs auf der politischen Ebene zur Bedeutung der Informatik für den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland. Dies tun wir unter anderem durch unsere aktive Teilnahme am IT-Gipfel der Bundesregierung, durch kontinuierlichen Austausch mit den relevanten Ministerien, Vereinen und Verbänden und durch unsere Präsenz in Berlin.

Sie waren in den Jahren 1979 und 1980 Bundessieger im Bundeswettbewerb Mathematik. Inwiefern haben Sie von der Teilnahme an diesem Wettbewerb profitiert, und welche Rolle spielen Nachwuchswettbewerbe bei der Gesellschaft für Informatik?

Der damalige Erfolg im Bundeswettbewerb Mathematik hat mein Leben fundamental verändert. Zum einen bedeutete es für mich einen enormen Motivationsschub – für mich war damit ganz klar, dass ich im Bereich der Mathematik und ihrer Anwendungen tätig werden wollte. Des Weiteren hat mir der Bundessieg wohl dabei geholfen, ein paar Jahre später in Berkeley als Master- und Promotionsstudent angenommen zu werden. Und schließlich hatte sich die schwierige Finanzierungsfrage mit meiner Aufnahme in die Studienstiftung des deutschen Volkes geklärt – sonst hätte ich mir so einen Auslandsaufenthalt gar nicht leisten können. Also: Ohne den Wettbewerb wäre mein Leben sicherlich ganz anders verlaufen, und Präsident der GI wäre ich auch nicht geworden. Ungeachtet meiner persönlichen Erfahrung ist aber festzuhalten, dass Wettbewerbe für den Auf-  und Ausbau einer Disziplin unverzichtbar sind. Sie helfen zum einen, viele junge Menschen auf ein Fach aufmerksam zu machen. Allein schon die Teilnahme bindet so manchen an das Fach und hat einen Einfluss auf die spätere Studienfachwahl. Zum anderen wird neben dieser Breitenwirkung auch Spitzenförderung betrieben – Talente werden früh entdeckt und gefördert, was langfristig gut für das Land insgesamt ist. Das ist in der Informatik nicht anders als in der Mathematik, im Sport oder der Musik.

Die Gesellschaft für Informatik vernetzt sich mit anderen nationalen und internationalen Organisationen, die sich ebenfalls mit Informatikthemen befassen. Können Sie uns mehr über diese Kooperationen erzählen?

Gerne, obwohl die Darstellung all unserer Aktivitäten an dieser Stelle sicherlich den Rahmen sprengen würden. Aber neben unseren klassischen Partnern, wie etwa der Schweizer Informatikgesellschaft, sind wir seit Jahren auch eng mit dem German Chapter of the ACM vernetzt. Aktuell haben wir uns gemeinsam mit dem IEEE an der UN-Initiative »Sustainable Energy for all« beteiligt.

Bei der Nachwuchsförderung arbeiten wir im bereits erwähnten Bundeswettbewerb Informatik eng mit dem Fraunhofer Verbund IuK-Technologie zusammen. Diese Partnerschaft wird sich sicherlich in nächster Zeit noch ausweiten, da sich unser neu eröffnetes Berliner Büro in direkter Nachbarschaft des Fraunhofer IUK-Verbunds befindet und die thematischen Schnittmengen beträchtlich sind.

Bei der engeren Zusammenarbeit mit der Wirtschaft kann ich unter anderem auf die Zusammenarbeit mit dem BITKOM, dem Bundesverband IT Mittelstand (BITMi) sowie der Initiative D21 verweisen. Hier stehen die Themen Nachwuchsförderung in den MINT-Berufen und Fachkräftesicherung durch Weiterbildung sowie der Transfer aus der Forschung in die Praxis im Mittelpunkt der Zusammenarbeit.

Sie sprachen gerade das Berliner Büro an. Warum wurde in Berlin ein Hauptstadtbüro der Gesellschaft für Informatik geschaffen?

Wir möchten damit unsere Rolle als Informatikfachgesellschaft und als Mittlerin zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik in der Informatik weiter ausbauen. Zukünftig zeigen wir deshalb über unser neues Berliner Büro unter Leitung von Alexander Rabe in der Hauptstadt verstärkt Präsenz. Für viele Ansprechpartner in Ministerien, Wirtschafts- und Wissenschaftsverbänden schafft die GI mit dem Hauptstadtbüro kürzere Wege. So lassen sich Standpunkte zu aktuellen Fragen schneller kommunizieren, und es lässt sich auf aktuelle Entwicklungen in dem sich rasant verändernden Umfeld von IT und Informatik zeitnah reagieren.

Im Rahmen der feierlichen Eröffnung des Hauptstadtbüros am 29. November 2012 im Spreepalais wird es eine Podiumsdiskussion zum Thema »IT & Informatik – Vom Jobkiller zum Jobmotor« geben. Was verbirgt sich hinter diesem Thema, und welche Podiumsgäste und Ehrengäste werden erwartet?

Wie eingangs erwähnt, hat sich die Bedeutung der Informatik rapide verändert. In den 80er Jahren wurde die Informatik aufgrund der mit Informatikanwendungen einhergehenden Automatisierungsprozesse als der große Jobkiller betrachtet. Heute wissen wir, dass Informatik Zukunft und Arbeitsplätze schafft: Derzeit gibt es in Deutschland je nach Schätzart etwa 800.000 IT-Arbeitsplätze. Diese Zahl wird weiter steigen, wenn wir die anstehenden Zukunftsthemen wie etwa die Energiewende, die digitale Vernetzung unseres Lebens und die Bedeutung der Internetwirtschaft nicht als Bedrohung, sondern als zu gestaltende Chance betrachten. Ich freue mich über diese Wandlung der Rolle der Informatik und darauf, ihre Zukunft mit Vertretern aus Politik, Ministerien, der angewandten Forschung und der Wirtschaft diskutieren zu können.

An diesem Abend werden an der Diskussion teilnehmen: Dr. Thomas Endres (Vorsitzender des Präsidiums von Voice e.V.), Prof. Dr. Matthias Jarke (Vorsitzender des Fraunhofer-Verbund IuK-Technologie), Prof. Dr. Wolf-Dieter Lukas (Ministerialdirektor und Abteilungsleiter Schlüsseltechnologien – Forschung für Innovationen des BMBF), Jimmy Schulz (MdB und Obmann der FDP-Fraktion in der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft) und Hannes Schwaderer (Managing Director Central Europe der Intel GmbH und Präsident der Initiative D21).

Ich freue mich schon jetzt auf die Diskussion und die darauf folgenden Kooperationen. Und ich bin mir sicher: Dieser Abend wird nicht der letzte dieser Art seitens der Gesellschaft für Informatik in Berlin sein.


Prof. Oliver Günther, Ph.D., ist Präsident der Universität Potsdam und war bis Ende 2011 Professor und Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind IT-Strategie, Unternehmenssoftware, IT-Wirtschaftlichkeit, IT in der Wertschöpfungskette, IT-Architekturen sowie Sicherheit und Datenschutz. Laut Handelsblatt-Ranking ist Günther einer der führenden Wirtschaftsinformatiker im deutschsprachigen Raum. Er erhielt zahlreiche Rufe an Universitäten im In- und Ausland und ist Mitherausgeber mehrerer Zeitschriften. Zudem ist Günther als IT-Strategieberater tätig und war an mehreren Unternehmensgründungen beteiligt, unter anderem als Aufsichtsratsvorsitzender der Berliner Poptel AG, Deutschlands erstem VoIP-Unternehmen und als Chief Technology Officer des kalifornischen SaaS-Anbieters TeamToolz, Inc. Zudem ist er Mitglied des Auswahlausschusses der Studienstiftung des deutschen Volkes. Im Jahr 1984 ist Günther der Gesellschaft für Informatik beigetreten, von 2010 bis 2011 war er deren Vizepräsident.

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