In der japanischen Kampfkunst gibt es drei Stufen des Lernens. Shu ist wie „gehorche“ – alles wird genau nach Rezept oder „Prozess“ ausgeführt und bis zu absoluter Fehlerfreiheit eingeübt. Ha steht für „probiere“ – man weicht von der Lehre ab, sammelt Erfahrungen durch Variation und versteht langsam die Kunst an sich. Ri bedeutet „verlasse“ – der Meister löst sich von den Formen, den Lehren und Stilen seiner Vorbilder und vollendet sich.

Shu ist wie Rezeptkochen, Schönwetterfliegen, Fließbandarbeit und Flachbildschirmrückseitenberatung, bei der der Mitarbeiter dem Kunden mündlich verkündet, was der Computer beschließt. Auf Ausnahmen oder Schlechtwetter kann nur in Stufe Ha begegnet werden, und wirkliche Innovationen brauchen mindestens einen Hauch von Ri

Die Betriebswirte und Prozessfanatiker, die Zahlenmanager und Messgrößenprüfer haben in der zurückliegenden Zeit alles „prozessorientiert“, sie haben die Arbeit so gnadenlos strukturiert, dass sie fast von jedermann ohne viel Ausbildung auf Stufe Shu betrieben werden kann – womit auch die Löhne gesenkt werden konnten und noch immer können. Ausnahmen und Variationen sind unerwünscht! Dann aber wird niemand mehr Meister, dann ist niemand mehr da, wenn es zu Krisen und Projektproblemen kommt. Die Meister von einst sind in Pension, die niedrigbezahlten Prozessbefriediger können nicht Meister sein und in ihrem täglichen Shu-Job niemals werden.

Wenn die Manager nur Prozesse bauen und keine Variationen zulassen, Innovationen behindern, alles an Zahlen messen und nur auf Arbeitsverdichtung sehen, trocknet die Meisterklasse aus. Das ist nie klar analysiert worden, nur die Meister („die Erfahrenen“) haben das allezeit kommen sehen und ahnungsvoll gefühlt. Ihre Klagen wurden barsch abgekanzelt, es wurde weiterhin ausgedehnt optimiert und industrialisiert. Nun betreibt man die Prozesse mit Kaumausgebildeten und gerät in „Komplexitätsprobleme“, die ein Symptom der kollektiven Unfähigkeit bei „Variationen“ und Ausnahmen sind. Plötzlich wird erkannt, dass Professionalität und Meisterschaft fehlen. Man nennt diese Erkenntnis in Unkenntnis der eigenen Dauerfehlleistung „Fachkräftemangel“ und jammert, dass es keine Meister „am Markt zu kaufen“ gäbe. Es hilft jetzt nichts, Masters & PhDs von der Uni einzustellen, weil auch sie nicht gleich auf Stufe Ha und ganz sicher nicht auf Stufe Ri losarbeiten können.

Das alles ist kein bloßer Fachkräftemangel! Es ist der Schmerz des Aufpralls auf die Wand, gegen die man alles gefahren hat.

Die neue Welt „nach dem Internet“ wird voller Innovationen sein. Umbrüche und Branchenbeben sind gerade die Regel. Wohl dem, der seine Meister hat. Die neue Zeit verlangt das Aufbauen neuer Exzellenz in immer neuen Feldern. Der bisherige Weg, möglichst alle Arbeit betriebswirtschaftlich als „Commodity“ zu organisieren, führt jetzt in die falsche Richtung, eben nach unten. Wer nach oben will, muss „Premium“ gestalten, Neues hervorbringen und Zukunft gestalten. Es ist leicht, vorhandene Ressourcen auszubeuten – immer auswringender und zerstörerischer (Menschen & Umwelt). Die wahre Kunst des Unternehmertums liegt im Erschließen neuer Ressourcen! Ha! Ri!

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Autor
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Prof. Dr. Gunter Dueck
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