Wer an technischen Neuerungen arbeitet, sollte sich unter Umständen nicht allein auf die Herangehensweise von Forschern verlassen. Er könnte auch unkonventionelle Ideen von Künstlern nutzen. Im europäischen Projekt STARTS wird diese Option auf unterschiedliche Arten gefördert. Der Fraunhofer-Verbund IUK-Technologie hat die organisatorische Verantwortung für STARTS RESIDENCIES übernommen, wo Technologieprojekte und Künstler über Monate gemeinsam an Weiterentwickelungen arbeiten. Im Interview erklärt Forschungskoordinator Thomas Bendig die Hintergründe.

Hallo Herr Bendig, es gibt ein interessantes Zitat von Vincent van Gogh, das ich zu Beginn des Gesprächs gerne nutzen würde: »Normalität ist wie eine gepflasterte Straße. Man kann gut auf ihr gehen – doch es wachsen keine Blumen auf ihr.«

In der Tat. Auf ausgetretenen Wegen ist es schwierig Neues zu entdecken. Für eines unserer aktuellen Fraunhofer-Projekte passt das Zitat ganz besonders gut.

Es geht um STARTS, eine Initiative der Europäischen Kommission im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms »Horizont 2020«. Ziel ist es, durch unterschiedliche Initiativen Wissenschaft, Technik und Kunst zusammenzubringen, um das gegenseitige Verständnis zu fördern und Sichtweisen auszutauschen.

Um Ihr Zitat aufzugreifen: Viele Forscher gehen bei ihrer Entwicklungsarbeit eine gepflasterte Straße und sind erfolgreich damit. Aber es entgehen ihnen dabei viele Chancen und ungewöhnliche Ideen, auf die man meist erst abseits üblicher Wege kommt. 

Für Außenstehende scheinen die Projekte, die im Zusammenhang mit STARTS initiiert werden, etwas verwirrend.

Die Projekte lassen sich in vier Bereiche zusammenfassen, die alle auf ihre Weise Science+ Technology+ARTS zusammenbringen. STARTS RESIDENCIES hat langfristige Kooperation im Blick. STARTS LIGHTHOUSE orientiert sich an konkreten Herausforderungen und STARTS ACADEMY fokussiert stark auf die Einbeziehung der Bürger. Ziel sind innovative  Kooperationen zwischen Wissenschaft, Technik und Kunst. Der STARTS PRIZE ist ein Wettbewerb, der die tollsten Ergebnisse solcher Kooperationen auszeichnet. Für uns vom Fraunhofer Verbund IUK-Technologie geht es vor allem um den Bereich STARTS RESIDENCIES.  

Hier sind sie Teil des Konsortiums, das aus sieben europäischen Institutionen besteht.

Richtig. Die Führung des Konsortiums hat das Institute for Research and Koordination in Acoustics/Music IRCAM in Paris übernommen. Der Fraunhofer Verbund IUK ist ein Partner. Ziel von STARTS RESIDENCIES ist es, einzelne Künstler mit konkreten Technologieentwicklungsprojekten oder auch Unternehmen rund sechs Monate lang zusammenzubringen, um neue Impulse zu erhalten und neue Perspektiven auf anstehende technische Entwicklungen zu ermöglichen.

Das Projekt »Wind Avatar« bietet blinden Menschen taktile sensorische Wahrnehmung von visuellen Phänomenen durch das Gefühl des Windes auf der Haut. Bild: STARTS

Warum beteiligt sich Fraunhofer?

IRCAM hatte einen Partner gesucht, der umfangreiche technische Fachkompetenz auf verschiedensten Gebieten besitzt, auf dem Feld technischer Innovationen am Puls der Zeit ist und mit der umfangreichen Forschungslandschaft in Europa gut vernetzt ist. Das waren grundlegende Kriterien, denn unsere Aufgabe ist, einerseits Startups, Unternehmen und Forschungsorganisationen mit passenden Technologieprojekten zu finden. Andererseits sollen wir Künstler mit ins Forschungs-Boot holen. Dafür haben wir beide »Seiten« gebeten, ihr jeweiliges Forschungsprojekt beziehungsweise ihre künstlerische Idee zu beschreiben, um eine geeignete Vorauswahl treffen zu können.

Eine Art »Tinder« für Wissenschaft, Technik und Kunst?

Nicht ganz, wir wollten keine Beliebigkeit. Uns ging es darum, gute Voraussetzungen dafür schaffen, dass ein Mehrwert für Unternehmen, Künstler und hoffentlich auch die Entwicklung von Innovationen entsteht.

Eine Parallele zum Beziehungsleben gab es aber doch: Sie haben ein Speed-Dating angeboten.

Es war uns wichtig, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Technologieprojekten und in Frage kommende Künstler nicht unvorbereitet ins kalte Wasser springen müssen. Dafür ist das Projekt zu richtungsweisend. Deshalb haben wir das Kennenlernen in Form eines Speed-Datings organisiert. Auf diese Weise ist offensichtlicher geworden, welche technische Entwicklung und welche Kunstidee zusammenpassen könnten und ob die beteiligten Menschen miteinander können. Trotzdem war das Speed-Dating nur ein Schritt. Letzten Endes hat eine Jury entschieden, welche Kombination aus Künstler und Projekt am erfolgversprechendsten wirkt und entsprechend gefördert werden sollte.

Das Projekt kostet aber auch Ressourcen. Was hat Fraunhofer davon?

Auch wenn bei uns unterschiedlichste Fachrichtungen zusammenarbeiten: letztlich ist die »Denke« unserer Mathematiker, Physiker, Informatiker und Ingenieure meist sehr ähnlich und sehr technisch ausgerichtet. Künstlerische Fantasie spielt bei unserer Arbeit bisher kaum eine Rolle. Aber sie ist wichtig, um neue Perspektiven zu gewinnen und neue Herangehensweisen zu entwickeln.

Das alles hört sich nach einer reizvollen Aufgabe an.

Ja. Aber sie ist auch komplexer, als man sich das auf den ersten Blick vorstellt.

Das Kooperationsprojekt »Magic Linning« stellt Fragen zur Bedeutung von Kleidung durch die Verbindung von Neurowissenschaften, Mensch-Computer-Interaktion (HCI) und realen intelligenten Textilien. Bild: STARTS

Warum?

Wissenschaftler und Künstler sind sehr unterschiedliche Typen. Sie denken anders, agieren anders und sind natürlich auch anders organisiert. Künstler sollen verstehen lernen, welche Probleme mit der jeweiligen Technologie gelöst wird, um sich einzumischen, den Einsatzzweck mit eigenen Ideen zu ergänzen und den Lösungsraum der Ingenieure zu erweitern. Das ist an sich schon eine Herausforderung und führt neben positiven Auswirkungen eben auch zu kreativen Auseinandersetzungen. Um die Reibungen im Rahmen zu halten haben wir best practice-Vorgehensmodelle für beide Seiten entwickelt.

Dann ist es also grundlegend, beide Seiten in die fremde Kultur des jeweils anderen einzuführen?

Ich würde das nicht ganz so dramatisch ausdrücken. Aber allein die Arbeitsorganisation ist in der Regel sehr unterschiedlich. Auf solche Aspekte weisen wir im Vorfeld hin. Zudem hatten wir zumindest am Anfang viel damit zu tun, dass das Projekt von Seiten der Forschungsgruppen falsch interpretiert wurde: Die Künstler sollen eben nicht als gesponsorte Designer für technische Produkte zur Verfügung stehen. Ihre Aufgabe ist es, Vielfalt einzubringen und durch andere Sichtweisen die Produktentwicklung aus der Gefahr zu befreien, sich in einem technischen Elfenbeinturm zu bewegen.

Das hehre Ziel ist klargeworden, aber konkret: Was hat ein Forschungsteam davon, wenn nun ein Künstler mit am Tisch sitzt und durch seine Herangehensweise eingespielte Prozesse »stört«.

Diese »Störung« ist durchaus gewollt. Denn wenn eingespielte Sichtweisen hinterfragt oder durch neue ergänzt werden, erzeugen wir einen Mehrwert für alle Beteiligten. Aber natürlich hat STARTS auch einen eher experimentellen Charakter. Ein »Erfolg« ist nicht garantiert. Was aber gesichert ist, ist ein Zuwachs an Erfahrungen und Einsichten. Und den gibt es sozusagen »kostenfrei«, weil die Künstler über das STARTS RESIDENCIES Programm honoriert werden.

Und das Kunstwerk, das dabei entstehen soll?

Das soll und wird von allen Beteiligten genutzt werden. Es bleibt als Impulsgeber zunächst bei dem jeweiligen Entwicklerteam, um an die gemachten Eindrücke zu erinnern. Aber der Künstler kann es auch einsetzen, um sich Wettbewerben zu stellen oder das Werk auf Ausstellungen zu präsentieren.

Das Projekt »Plants Sense« entwickelt eine Schnittstelle, die es uns ermöglicht, am eigenen Körper nachzuempfinden, wie sich eine Pflanze fühlt und wie gut es ihr geht. Bild: STARTS

Die Kunstprojekte für STARTS RESIDENCIES laufen noch. Gibt es trotzdem schon entstehende Objekte, die Sie persönlich beeindrucken?

Wir haben 2017, 2018 und 2019 insgesamt 45 Einzelprojekte initiiert, die sich in verschiedenen Phasen befinden. Deshalb ist es schwierig, jetzt schon einzelne Eindrücke herauszunehmen. Interessant aber sind mit Sicherheit Projekte wie »Magic Lining«, bei dem smarte Kleidungsstücke entwickelt werden, in denen man sich fühlt, als wäre man von Wasser, von Wolken oder von Steinen umschlossen. Denn das Kunstwerk zeigt in einem sehr konkreten Sinn, was ich mit Perspektivwechsel meine: Im Gegensatz zu herkömmlichen Kleidungsstücken, die darauf ausgelegt sind, wie sie von außen wahrgenommen werden, geht es nun um den Blick von innen, also das Gefühl, das sie beim Träger auslösen. Andere Beispiele sind Projekte wie »Print Your City«, bei dem Plastikmüll zum Rohmaterial für das Bauen im öffentlichen Raum wird oder »ORS«, eine Skulptur in Form eines Rettungsrings, die eine Station zum Sammeln von Gewässereigenschaften beinhaltet.

Wie geht es nun weiter mit STARTS RESIDENCIES?

Mit den drei Calls und der Durchführung der Einzelprojekte nähert sich STARTS RESIDENCIES dem Ende. Zumindest offiziell. Aber ich gehe davon aus, dass die Nachwirklungen bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an den Projekten noch andauern werden und sich positiv auf ihre Sicherweisen und ihre Arbeit auswirken. Wir suchen außerdem nach Möglichkeiten, Kunst und Kreativität in Zukunft stärker in Forschungsprojekte zu integrieren.

(hen)

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Thomas Bendig
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