Wie kann das Potential der Verknüpfung von künstlerischer Kreativität und wissenschaftlicher Expertise zukünftig besser genutzt werden? Zwar ist es schon lange bekannt, jedoch scheuen sich viele Institutionen noch davor, Künstler aktiv in den Konzeptionsprozess für Technologien und Prozesse einzubeziehen und kommende Generationen an kooperative Arbeitsweisen heranzuführen. Das vom Fraunhofer MEVIS entworfene STEAM Imaging Projekt lässt die jüngeren Generationen experimentell mit Künstlern und Wissenschaftlern Erfahrungen sammeln und schafft neue Denkansätze. 

Wie aber finden Kunst und Wissenschaft zueinander? Eine Methode entwickelte das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS in Bremen: Die Mitarbeiter des Instituts bauten zusammen mit ihren Partnern auf bereits bestehende Fundamente und bezogen sich auf das Wissen vieler MINT-Workshops, die unter dem Schlagwort STEM – Science, Technology, Engineering und Mathematics – am Institut erarbeitet und angeboten werden. Jetzt wurde der Horizont um eine weitere entscheidende und oft nicht bedachte Komponente erweitert: die Kunst (Art). In Kollaboration mit der Ars Electronica in Linz und der Fraunhofer Talent School in Bremen haben Schülerinnen und Schüler in zwei »STEAM«-Workshops an jeweils zwei Tagen interdisziplinär gelernt und gearbeitet.

Generationenübergreifende STEAM-Workshops

Dazu digitalisierten sie beispielsweise 3D-Abdrücke ihrer Hände mit einem MRT-Scanner im Fraunhofer MEVIS, um sie als 3D-Modell auf Computern mit der medizinischen Bildbearbeitungsplattform MeVisLab zu bearbeiten. Das Innovative daran war der künstlerische Umgang mit dem Bildmaterial und darüber hinaus die Anbindung an eine Audiosoftware: Die Jugendlichen erstellten aus medizinischen Bildern künstlerische Motive und Videos. Mit Hilfe einer von der Künstlerin Yen Tzu Chang eingebrachten speziellen Audiosoftware wurden die Bewegungen der Videos in Klänge umgewandelt und durch selbsterzeugte Klängen und aufgenommene Umgebungsgeräusche ergänzt. Am Ende des Prozesses stand eine klangvolle künstlerische Darbietung. Bianka Hofmann, die das Projekt leitete, merkte an: » Es ist erstaunlich, wie weit man fachspezifisch mit Kindern und Jugendlichen gehen kann, wenn man den Raum und die Zeit hat, den Kontext zu beschreiben, die Möglichkeiten zu eigenständigem Arbeiten schafft und vor allem selbst neugierig ist und Spaß an der Sache hat.«

Zusammen mit der Workshop-Leiterin und Mathematikerin Sabrina Haase und weiteren wissenschaftlichen Mitarbeitern wurden die Schülerinnen und Schüler von der taiwanesischen Medienkünstlerin Yen Tzu Chang betreut. Sie hatte bereits mit den Wissenschaftlern die Workshops vorbereitet und verfügt über Erfahrungen bei der Verknüpfung von Software, Technologie, verschiedenen Materialien, Klang und wissenschaftlichen Methoden, um Kunst zu erschaffen.

Künstlerische Performance und Künstliche Intelligenz

Chang ist die Gewinnerin der Künstlerresidenz, welche vom Fraunhofer MEVIS und Ars Electronica ausgeschrieben wurde, um es Künstlern im Rahmen des »European Digital Art and Science Network« zu ermöglichen, an renommierten Forschungseinrichtungen tätig zu werden. Und das Ergebnis ließ sich sehen – und hören: Im September zeigte sie ihre Performance »Whose Scalpel« auf dem Ars Electronica Festival in Linz in Österreich, das sich dieses Jahr mit Künstlicher Intelligenz auseinandersetzte. Dort operierte Chang an ihrem Herzen – zumindest an einem 3D-Modell davon – das gleichzeitig die Eingabeschnittstelle für komponierte Klang- und Lichteffekte war, während die Stimme einer Künstlichen Intelligenz sie durch die Performance begleitete. Den Bypass am flutlichtartig bestrahlten Herzen legte sie mit Hilfe von Kabeln und zeigte live ihre multimediale Komposition im »Operationssaal«.

Chang wurde nach eigenen Worten von einer vom Fraunhofer MEVIS entwickelten auditiven, intelligenten Leitsoftware für Leberoperationen inspiriert. Die Künstlerin thematisiert in ihrer Arbeit im Projekt die Annahme, dass zukünftig mehr und mehr Operationen und Diagnosen von maschineller Intelligenz bestimmt sein würden, die durchaus für Kontroversen in der Gesellschaft und medizinischen Forschung sorgt. Die Arbeit an dieser Reibungsfläche von wissenschaftlichen Methoden, künstlerischer Gestaltung und ethischen Fragestellungen macht das STEAM Imaging Projekt so interessant und sorgte für Diskussionen zwischen der Künstlerin, den Mitarbeitern des Fraunhofer MEVIS und den Schülern und Schülerinnen: Wer wird künftig die Diagnosen für Patienten erstellen und Behandlungsmethoden vorschlagen: Mensch oder Maschine? Wie würde sich die Arbeit mit intelligenten Maschinen im Operationssaal gestalten?

Junge Generationen als Chance für mehr Transdisziplinarität

Klar ist: Eine nachhaltige Verzahnung der medizinischen Forschung mit ethischen Wertevorstellungen, die neue technologische Entwicklungen wie künstliche Intelligenz berücksichtigen, wird nur möglich sein, indem man nachfolgende Generationen umfassend an das Thema heranführt, ihr kreatives Potenzial individueller nutzt und sie mit Experten jetziger Generationen interdisziplinär zusammenarbeiten lässt. »Auch Schüler, die Psychologie studieren wollen, werden Mathematik und Statistik benötigen und angehende Künstler nutzen viele Werkzeuge, die allerdings grundlegendes Informatikwissen voraussetzen«, so Hofmann. Das Fraunhofer MEVIS, welches seit langem Brücken baut zwischen medizinischer Bildgebung, bildgestützten Therapien und Gesundheitsinformatik, ist mit den STEAM Imaging Workshops und der damit verbundenen Künstlerresidenz einen weiteren Schritt in diese Richtung gegangen. Zudem erkennt man im »visual storytelling« des Instituts, z.B. in Form von 2D- und stereoskopischen 3D-Kurzfilmen immer wieder die Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Diagnostik, intelligenten Algorithmen, bildgebenden Verfahren und künstlerischer Performance, wie der im »Deep Space 8K« des Ars Electronica Center als ständige Installation gezeigte 3D-Film »Virtuelle Reise durch das Herz« eindrucksvoll zeigt. Die Zusammenarbeit von Forschern, Schülern und einer Künstlerin war für das Fraunhofer MEVIS eine klare Bereicherung und Methode, um die tägliche, zielorientierte Routine der angewandten Wissenschaft für die nächste Generation zu öffnen und neue Dimensionen zukünftiger Forschung zu betreten.

Momentan ist am Fraunhofer MEVIS eine Flexibilisierung des Residency-Formats im Gespräch: Neben Künstlern könnten zukünftig auch Kliniker, Ethiker oder Rechtswissenschaftler mit den Forschern zusammen arbeiten. . Im Bereich der Wissenschaftskommunikation (SciCom) wird an weiteren dialogorientierten Formaten gearbeitet, um die nächste Generation einzubinden, beispielsweise durch den »Science Meets Fiction« Workshop, der Wissenschaftler, Vertreter der Filmindustrie und in einem zweiten Schritt Schüler zusammenbringen wird. (mal)

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Bianka Hofmann
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