Die interaktive Wiedergabe von dreidimensionalen Hörerlebnissen auf beliebigen Lautsprechersystemen sowie die Akustik eines Raumes waren in der Regel die beiden limitierenden Faktoren, wenn es um perfekten Sound und das »Spiel« mit Audioeffekten ging. Eine neue Software zur Produktion und Wiedergabe von Musik und Ton ermöglicht es Tontechnikern nun, Audio-Objekte frei im Raum zu positionieren. Das System nutzt das Prinzip der Wellenfeldsynthese, um Stimmen, Töne und Geräusche exakt von der vorgesehenen Position im Raum erklingen zu lassen oder sogar die gesamte Raumakustik zu verändern.

Gerade noch verspricht sich das Paar in der behaglichen kleinen Taverne ewige Treue. Der Vorhang schließt sich und wenige Sekunden später schreitet das Brautpaar in einer scheinbar weiträumigen Kathedrale zum Altar. Am Theater tragen verschiedene Szenerien und kunstvolle optische Übergänge wesentlich zum Gelingen eines Schauspiels bei. Die Einfälle, mit der Regisseure ihre Zuschauer durch verschiedenste Bühnenbilder auf eine Reise durch die Erzählhandlung nehmen, sind dank moderner Bühnentechnik immer phantasievoller geworden. Eines allerdings bleibt auch nach einem Umbau oder dem Weiterdrehen des Bühnenbodens bisher gleich: Der Klang des Raumes, in dem das Publikum sitzt und den Worten oder Gesängen auf der Bühne lauscht. Die am Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT entwickelte »SpatialSound Wave-Technologie« erlaubt es Tontechnikern und Regisseuren nun, den Besuchern ihrer Theater auch ein Hörerlebnis zu bieten, das klanglich zum jeweiligen Bühnenbild passt. So wird etwa der verhältnismäßig kleine Zuschauerraum des Stadttheaters von einem Moment auf den anderen zum hallenden Kirchenschiff. Die Besucher einer Vorführung sind also zumindest akustisch gemeinsam mit den Protagonisten im selben Raum. Nur wenige Berührungen auf einem Tablet-Display genügen, um aus den in der Software hinterlegten Raumklängen einen spezifischen Klang auszuwählen und individuell anzupassen. Das Gefühl, nah am Geschehen zu sein, wird für die Zuhörer deutlich intensiver.

Im Produktionsstudio erstellte Klangeffekte lassen sich dank »SpatialSound Wave« mit unterschiedlichen Lautsprecheranordnungen wiedergeben, ohne den räumlichen Klangeindruck zu verlieren. Bild: Fraunhofer IDMT

Das Spiel mit dem Klang

Ein Problem aber bleibt: Von den Stuhlreihen aus ist das akustische Geschehen immer noch alleine auf die Bühne konzentriert. Räumliche Klänge, die auf der Bühne durch Bewegungen bei einer erregten Diskussion oder etwa durch eine Flucht vor einem Angreifer nuanciert entstehen, verschwimmen zu einem akustisch, eher zweidimensionalen Pulk. Die »SpatialSound Wave-Technologie« bietet Tontechnikern und Regisseuren deshalb spezielle Möglichkeiten für ein kreatives »Spiel« mit dem Klang. Die Beschallung kann dabei so verändert werden, dass Theaterbesucher das Bühnengeschehen so erleben, als wären sie direkt neben den Schauspielern oder Sängern auf der Bühne. Solch ein Eindruck lässt sich beispielsweise dadurch erreichen, dass die Stimme des Sängers nicht von vorne auf der Bühne, sondern direkt über den Köpfen der Zuhörer mitten im Zuschauerraum »schwebt« und bei jeder Bewegung der Darsteller mit durch den Zuschauerraum wandert.

Flexible Soundobjekte statt starrem Equipment

Auch für diesen Effekt können die Tontechniker ein mit der Beschallungsanlage verbundenes Tablet nutzen. Sie tippen mit dem Finger auf die Schallquelle und bewegen sie akustisch auf dem Display entlang der gewünschten Bahn durch den Saal und das Publikum.

Wellenfeldsynthese

Basis für die neuen akustischen Möglichkeiten durch die von den Fraunhofer-Forschern entwickelte objektbasierte Audiowiedergabe ist das Prinzip der Wellenfeldsynthese. Dabei werden die Schallwellen mehrerer Lautsprecher so aufeinander abgestimmt und überlagert, dass der hörbare Klang an frei wählbaren Punkten im Raum entsteht. »Die Zuhörer hören die Stimme, das Instrument oder das Geräusch an einer definierten Position im Raum, die für alle gleich ist«, erklärt Christoph Sladeczek vom Fraunhofer IDMT. Jede Stimme, jedes Instrument oder eingespieltes Geräusch lässt sich als eigenes Soundobjekt definieren und über den interaktiven Nutzerbildschirm frei im Raum positionieren. Die Soundwiedergabe nach dem Prinzip der Wellenfeldsynthese hatte bisher allerdings einen gewichtigen Nachteil: Um an einem Veranstaltungsort von ihr zu profitieren, musste der Raum rundum mit einer Vielzahl an Einzellautsprechern ausgestattet werden. »Mit ›SpatialSound Wave‹ ist es uns nun gelungen, eine Software zu entwickeln, die nahezu jedes vorhandene Lautsprecher-Setup für die objektbasierte Audiowiedergabe nutzen kann«, sagt Sladeczek.

Mit dem SSW(»SpatialSound Wave«)-Animationsmanager können Klangobjekte während Musikproduktionen und Liveanwendungen einfach und intuitiv gesteuert werden. Bild: Fraunhofer IDMT

Flexible Klangregie für Musikproduktion und Live-Event

Musikproduzenten eröffnet die objektbasierte Audioverarbeitung völlig neue Möglichkeiten: Einmal erstellte Soundobjekte und Klangeffekte lassen sich problemlos an verschiedenen Veranstaltungsorten mit unterschiedlichen Lautsprecheranordnungen wiedergeben, ohne den räumlichen Klangeindruck zu verlieren. Ein perfekter Surround-Sound erfordert nun beispielsweise nicht mehr, dass die Lautsprecherausstattung exakt den Vorgaben des Produktionsstudios entspricht. Die Soundtechnologie des IDMT verarbeitet alle Signale zudem in Echtzeit. Die objektbasierte Audiowiedergabe ist damit auch für die Tonregie während Live-Veranstaltungen einsetzbar. Um Effekte, wie eine ad-hoc Anpassung des Raumklanges oder ein sich durch den Saal bewegendes Geräusch, zu erzeugen, muss nicht mehr eine Vielzahl an Reglern am Mischpult in kürzester Zeit richtig eingestellt werden. (stw)

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