Kaum eine Branche ist stärker darauf angewiesen, die Konsummuster von vielen Millionen Menschen tagtäglich zu verstehen und in die Dienstleistung einzubeziehen, als der eCommerce. Was traditionelle Tante-Emma-Läden durch menschliche Intelligenz und Improvisation leisten konnten, scheint im eCommerce ein datengetriebenes Revival zu erhalten. Jüngste Fortschritte in der Analyse großer, veränderlicher und unterschiedlicher Datenbestände sind unter dem Schlagwort Big Data ein weltweites Thema geworden. Ein Zukunftsworkshop des Fraunhofer IAIS hat mit Vertretern der Handelsbranche die verschiedenen Aspekte dieser Entwicklung für Deutschland zutage gefördert und sie zu einer Branchenroadmap zusammengefasst, die am 10. Dezember in Berlin präsentiert wird.

Big Data ist ein Phänomen, das noch am Anfang steht. Die »frühe Marktphase«, nennt das ein Leitfaden des IT-Branchenverbandes Bitkom zu Big Data, der dieses Jahr veröffentlicht wurde. Darin heißt es jedoch auch, dass das Marktvolumen 2012 weltweit bei 4,5 Mrd. Euro liegen und bis 2016 weiter auf 15,7 Mrd. Euro anwachsen wird. Big Data ist derzeit der stärkste Wachstumssektor der IT überhaupt. Denn das Potenzial, das in großen Datenmengen, die heute unweigerlich von allen Unternehmen angehäuft werden, steckt, ist noch von den wenigsten erkannt worden. Der Bitkom sieht dabei vor allem die ECommerce-Branche in einer Vorreiterrolle. Denn der Handel hat schon immer Daten ausgewertet und über viele Angaben zu seinen Kunden verfügt. Beim Online-Handel potenziert sich diese Menge. 

Im Zukunftsworkshop Big Data hat nun das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS am 26. November zusammen mit den Teilnehmern diskutiert, wo genau Nutzen und Probleme von Big Data liegen. Diese wurden analysiert, gebündelt und in eine Roadmap speziell für die Branche gegossen. Im Workshop wurden Antworten auf viele Fragen der Praxis von Big Data im E-Commerce gefunden: Welche Daten sollten in die Analyse einbezogen werden? Wie kann man den Konsumenten zu besseren Konsumentscheidungen verhelfen? Welche Maßnahmen müssen zum Datenschutz ergriffen werden? 

Denn die Möglichkeiten, Big Data im E-Commerce zu nutzen, sind vielfältig. Allein für die Geschäftsabläufe kann eine Auswertung der vorhandenen Daten wichtig sein. So erhalten Entscheider detaillierte Trendprognosen über den aktuellen Verkauf und es können Echtzeit-Analysen über die Verfügbarkeit bestimmter Artikel bei verschiedenen Händlern erstellt werden. 

Aber auch für den Verkauf birgt Big Data Vorteile. Die Produktpräsentationen in Online-Shops werden zunehmend komplexer. Videos, verschiedene Darstellungen, die Möglichkeit, ein Foto des Kunden einzufügen, um »anzuprobieren« – das alles erfordert Kapazitäten für das Verarbeiten großer Datenmengen. Vor allem aber für das Multi-Channel-Geschäft, also den Vertrieb über verschiedene Kanäle, können Daten fruchtbar gemacht werden. Eine Analyse der Verkaufsdaten kann zum Beispiel das effizientere Verknüpfen der Kanäle vereinfachen, indem das Unternehmen herausfindet, welche Kunden welche Kanäle präferieren. Dabei sind just- in-time-Analysen genauso wichtig wie Zusatzdaten, etwa Informationen über die Konkurrenz oder sogar das Wetter. 

Das Aufarbeiten und Analysieren ihrer Daten löst bei Kunden jedoch Skepsis in Bezug auf Datenschutz aus und die Angst, auf Schritt und Tritt von Anbietern im Netz verfolgt zu werden. Deswegen sind das Befolgen von Datenschutzrichtlinien und ein sinnvoller Umgang mit den Daten wichtig. Ziel sollte ein, den Kunden zu kennen, um Angebote auf ihn zuzuschneiden, ihn jedoch nicht mit Informationen zu überlasten. Privacy Preserving Data Mining heißt hier das Stichwort: Es beinhaltet zum Beispiel das Anonymisieren von Daten, indem dafür gesorgt wird, dass sie nicht mehr einer bestimmten Person zugeordnet werden können. Eine andere Methode ist das Verwenden von Pseudonymen. Denn gerade für den Handel ist Vertrauen ein entscheidender Faktor. Verliert es der Kunde, dann trägt er sein Geld woanders hin. Er muss das Gefühl haben, dass mit seinen sensiblen Daten umsichtig umgegangen wird. Denn besonders im Online-Handel lautet der Anspruch – wie früher im Tante Emma Laden – Kunden mit individuellen Leistungen, Diskretion und gleichzeitig persönlicher Ansprache langfristig für sich zu gewinnen.

Die Ergebnisse aus dem Zukunftsworkshop für den eCommerce werden zusammen mit den Roadmaps weiterer Branchen als Teil einer umfassenden Untersuchung zur Nutzung von Big Data in deutschen Unternehmen am 10. Dezember 2012 im THESEUS-Innovationszentrum in Berlin präsentiert. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie im Rahmen des THESEUS-Programms gefördert. Teil der Arbeiten ist außerdem die Entwicklung einer Experimentierplattform für Big-Data-Anwendungen, die es Unternehmen ermöglicht, über Schulungen verschiedene Big Data-Anwendungen zu testen und sich mit den Technologien vertraut zu machen. (kda)

Weitere Informationen

Keine Kommentare vorhanden

Das Kommentarfeld darf nicht leer sein
Bitte einen Namen angeben
Bitte valide E-Mail-Adresse angeben
Sicherheits-Check:
Fünf + = 9
Bitte Zahl eintragen!
image description
Expertin
Alle anzeigen
Katrin Berkler
  • Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS
Weitere Artikel
Alle anzeigen
Quo Vadis Big Data
Daten-Treibstoff, oder doch nicht?
Zwischen Hype und Realität – Die Big Data Days 2018
Stellenangebote
Alle anzeigen