Nein, Daten sind nicht das neue Öl oder das neue Gold. Leute, die das ausrufen, haben die Tragweite der Digitalisierung noch nicht erfasst. Daten sind viel wertvoller als Öl oder Gold, nämlich unendlich wertvoll. Das mag übertrieben klingen, ist es aber nicht.

Daten sind zwar auch heute noch nicht unbegrenzt verfügbar, aber sie lassen sich im Unterschied zu Öl und Gold beliebig oft verwerten, denn anders als physische Rohstoffe, nutzen sich Daten nicht ab. Während ein Barrel Rohöl oder eine Unze Edelmetall jeweils nur ein einziges Mal verkauft und verarbeitet werden können, kann man Daten beliebig oft verkaufen und in beliebig vielen Anwendungen verarbeiten – und das auch noch gleichzeitig. Ähnlich wie beim Öl gibt es Produzenten, Veredler und Verwender auch für Daten. Eine Voraussetzung dafür ist allerdings ein Markt für Daten, also ein Netzwerk von Akteuren, die wissen, wie man mit Daten umgeht und die sich auf einen Standard zum Austausch und Handel von Daten verständigt haben. Das ist enorm wichtig, denn beim Handeln mit Daten kommt es auf Millisekunden an. Die Aktualität vieler Daten beträgt manchmal nur wenige Tage, oft auch nur Sekunden oder gar Sekundenbruchteile. Sie werden von Diensten in Echtzeit ausgetauscht und verarbeitet. Manuelle Eingriffe sind also undenkbar.

Diese Datenmärkte entstehen gerade und sie etablieren eine neue Industrie, ja sogar eine neue Ökonomie – die Datenökonomie. Man könnte sich jetzt nach der Devise »Der Markt regelt das schon.« zurücklehnen und zusehen. Der Markt würde das auch »regeln«, aber er würde, ähnlich wie bei E-Commerce- oder Social Media Plattformen, ein Ungleichgewicht hervorbringen, bei dem wenige Anbieter das Monopol auf den Zugang zu vielen Daten hätten. Deshalb ist es jetzt wichtig, mit offenen Initiativen gegenzusteuern, bevor Quasi-Standards vom Markt etabliert werden.

Nur wenn viele Akteure auf der Basis einheitlicher offener Standards zum Austausch von Daten an solchen Märkten teilnehmen, entstehen pulsierende Datenökosysteme mit gleichberechtigten Teilnehmern. Entscheidend ist dabei, dass keine übergroßen Datenseen entstehen, sondern jeder im Besitz seiner Daten bleibt und nur standardisierte Schnittstellen zum automatisierten Abruf geschaffen werden. Vor dem Abruf der Daten wird von den Diensten genau ausgehandelt, welche Daten zu welchen Konditionen ausgetauscht werden: Wer möchte welche Daten nutzen und zu welchem Zweck? Welche Qualität haben die Daten? Sind die Daten frei zugänglich oder kosten sie etwas? Und wenn ja, wieviel? Erst dadurch entsteht ein wirklich freier Markt, in dem man nach bestimmten Daten suchen kann und die Angebote verschiedener Anbieter vergleicht, bevor man ins Geschäft kommt.

Solche offenen Datenökosysteme wie z.B. auf der Basis von GAIA-X und den International Dataspaces sichern nicht nur die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands und Europas, sondern können mit Transparenz auch IT-Sicherheit, Datenschutz und Nachhaltigkeit besser gewährleisten als Blackbox-Systeme einzelner Hersteller. Die Dokumentation der Datenformate und Schnittstellen erlaubt einer großen Community Einblicke und sorgt für kontinuierliche Weiterentwicklungen.

Hinzu kommt: Wenn bestimmte Daten möglichst vielen Interessenten zugänglich gemacht werden können, wird außerdem vermieden, dass diese Daten ständig unnötigerweise neu erhoben oder errechnet werden müssen. Damit ergibt sich ganz nebenbei auch ein großes Einsparpotenzial von Energie und CO2, wenn man bedenkt, dass es hier um Daten jeglicher Art geht. Das können neben reinen Zustands- und Prognosedaten zu Wetter, Umwelt, Verkehr, Energie, Medizin, Gesellschaft usw. auch Bilddaten, 3D-Daten sowie standardisierte Simulationsmodelle und vortrainierte KI-Modelle sein.

Die Offenheit sollten wir dabei in alle Richtungen denken und vorleben, und auch nichteuropäische Interessenten einladen, daran teilzunehmen. Das Wichtigste ist jedoch, dass keine Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern entstehen, und damit die Digitale Souveränität der Datenanbieter, der beteiligten Unternehmen und ganzer Volkswirtschaften gewahrt bleibt.

Technische Standards sind aber nur ein Teil im Gesamtgefüge. Wenn wir Europäer in der Datenökonomie zukünftig eine relevante Rolle spielen wollen, brauchen wir auch ein digitales Ökosystem der Köpfe, der Ideen, der Forschungsförderung, der Start-up-Finanzierung und des Vertrauens in Europa und darüber hinaus. Offene und transparente Datenökosysteme können eine gute Grundlage und Ausgangsbasis dafür bilden.

(tbe)

Datenökosysteme werden in diversen gesellschaftlichen Bereichen immer wichtiger - ob Medizin, Handel, Industrie: Die Anwendungsmöglichkeiten sind fast unbegrenzt. Im Zuge des Tags der Datenökosysteme am 26.11.2020 geben wir einen tieferen Einblick in dieses Forschungs- und Anwendungsgebiet. Mehr Informationen zum Thema und zur Anmeldung finden Sie hier.

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