»Wir sind nicht mehr Herr über unsere Daten, weil diese von wenigen großen, intransparent arbeitenden Unternehmen verwaltet werden.« Wer diese Befürchtung hat, dürfte sich über die Blockchain-Technologie freuen, die das Problem weitgehend lösen könnte. Trotzdem bleibt auch hier die Frage, wie unsere Identitäten verwaltet werden sollen. Im Interview sprechen Prof. Thomas Rose vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik und Dieter Rehfeld vom Partnerunternehmen regio iT über die neuen Chancen durch Blockchain und die Verwaltung multipler Identitäten. 

Hallo Herr Prof. Rose, allem Anfang liegt ein Zauber inne. Trifft das auch auf die Blockchain-Technologie zu?

Rose: Da muss ich Sie enttäuschen. Und das aus zwei Gründen. Zum einen ist das mit dem »Zauber« beim technischen Fortschritt so eine Sache – wir hier am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT sind Wissenschaftler. Zum anderen hat die Blockchain-Technologie mit Sicherheit immenses Potenzial. Aber der medialen Euphorie der vergangenen Jahre wollen wir einen wissenschaftlichen und – da darf ich wohl auch für Herrn Rehfeld von regio iT sprechen – unternehmerischen Pragmatismus entgegensetzen.

Was lässt Sie dieses »immense Potenzial« vermuten?

Rose: Fangen wir eher grundsätzlich an: Im Prinzip ist Blockchain-Technologie eine verteilte Datenbanktechnologie, bei der jede Veränderung genau erfasst wird. Die Informationen sind dezentral und transparent auf viele Rechner verteilt gespeichert. Aufgrund dieser Verteilung können die Daten nur mit immensen Aufwand oder gar nicht gefälscht werden. Aber die Blockchain-Technologie ist nicht nur eine sehr verlässliche Technik für die Speicherung von Daten. Mit ihren Algorithmen und der damit möglichen Konsensbildung kann sie letztlich auch Aufsichtsbehörden ersetzen, die die Korrektheit der Daten bislang überwachen und garantieren müssen. Begründetes und begründbares Vertrauen sind bei Blockchain sozusagen »all inclusive«. Dank Blockchain benötigen Sie keine Aufsichtsbehörde über die Daten mehr. In der Konsequenz bedeutet das, dass Sie im Netz vertrauensvoll auch mit Parteien zusammenarbeiten können, die sie nicht kennen. Die Technik gewährleistet, dass die Partner immer konsistent zusammenarbeiten.

Die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, waren der »Aufhänger« für die Gründung des Fraunhofer Blockchain-Labors?

Rose: Wir wollen hier neben den technischen Möglichkeiten vor allem untersuchen, für welche Bereiche sich Blockchain in besonderer Weise eignet. Also: Welche Anwendungen kann ich damit bauen, welche neuartigen Geschäftsmodelle kann ich damit umsetzen und wie steht es um die rechtlichen Rahmenbedingungen? Innerhalb dieses Dreiecks bietet das Fraunhofer FIT eine Plattform an, auf der use cases entwickelt werden können.

Herr Rehfeld, für Sie als Geschäftsführer eines IT-Dienstleisters steht das Thema Geschäftsmodelle vermutlich im Vordergrund.

Rehfeld: Wir müssen uns klarmachen, wie Blockchain-Technologie von der Anwenderseite her aussieht. Denn wir haben es hier sozusagen mit zwei Strängen zu tun. Zum einen mit dem Thema distributed ledger technology, also dem dezentralen Rechnen. Diese peer-to-peer-Technologie gibt es im Grundsatz ja schon lange – spätestens seit der Diskussion um den illegalen Tausch von Musik in den 2000er Jahren dürften die meisten schon einmal davon gehört haben. Und zum anderen haben wir es zu tun mit dem Thema Verschlüsselung. Erstmals wird es nun mit Blockchain möglich, diese beide Themen zu verknüpfen. Das ist keine Revolution, aber durchaus eine Evolution, die uns eine Vielzahl neuer, zukunftsweisender Möglichkeiten an die Hand gibt.

Dabei wird in den Forschungen immer wieder auch der »Problembereich« multiple Identitäten genannt.

Rose: Dieses Thema ist in der Tat entscheidend. Eine unserer Überlegungen sowohl im Blockchain-Labor des Fraunhofer FIT als auch in einem Lab bei Regio iT dreht sich beispielsweise um Dokumente wie den Personalausweis oder den Führerschein. Diese Unterlagen brauchen Sie, wenn Sie einen Wagen mieten wollen. Könnte Ihre Identität – sprich der Nachweis, wer sie sind und dass sie einen gültigen Führerschein besitzen – über ein System erbracht werden, können Sie die Papierdokumente im Wortsinn »vergessen«. Aber ein Netzwerk zum Nachweis von Identitäten hätte natürlich auch weitere Vorteile. Und sei es nur, dass offensichtlich wird, wenn ein Dokument abgelaufen ist und erneuert werden muss.

Rehfeld: Aber egal, ob Dateninhaber oder beispielsweise Wagenvermieter: ich muss mich in diesem Beispiel und generell darauf verlassen können, dass ich eine Auskunft bekomme, die valide ist. Aber um diese Frage zu klären, müssen wir uns zunächst ansehen, für was die zuständige Verwaltung hauptsächlich verantwortlich ist: Sie ist dafür zuständig, Auskunftsrechte zu verwalten. Nicht jeder darf und soll die Anzahl der Kinder wissen, das Geburtsdatum, die Adresse oder eben Angaben zum Führerschein. Und über die Blockchain wollen wir nun erreichen, dass der oft langwierige Prozess der optischen Verifikation, also das autorisierte Ansehen der Papiere zu einem automatisierten Validierungsprozess wird. Möglich wäre das, wenn sowohl die Verwaltung unserer Identitäten in der Blockchain wie auch die Zugriffsmöglichkeiten geklärt und abgesichert wären.

Der Bereich Führerschein ist ein prägnantes Beispiel …

Rose: … von denen es noch etliche weitere gibt: Denken Sie an einen LKW, der Gefahrengüter fährt und bei unterschiedlichen Behörden in verschiedenen Ländern Nachweise erbringen muss oder an die Musterzulassung von Piloten für bestimmte Flugzeugtypen. Oder generell an Zeugnisse und Konzessionen. Überall und immer wieder und in unterschiedlichsten Bereichen werden Zertifikate benötigt, die entweder in Form von Papieren umständlich mitgeführt und bereitgehalten werden müssen oder künftig durch ein behördliches Blockchain-Netzwerk permanent präsent sind, sobald die Identitäten klar nachgewiesen sind.

Bislang haben wir nur über die Vorteile und Möglichkeiten von Blockchain gesprochen, nicht aber über negativen Aspekte.

Rose: Nachteile in diesem Sinne sehe ich nicht. Aber es gibt eine Vielzahl von Schwierigkeiten, die wir überwinden wollen und Lösungen, die erst noch gefunden werden müssen. Ein Beispiel, mit dem wir uns beschäftigen, ist die Frage, wie sich verschiedene Blockchains verknüpfen lassen. Etwa, um auch Bezahlmöglichkeiten wie Bitcoin oder andere Kryptowährungen in derartige Prozesse zu integrieren. Ähnliches gilt auch für weitere sogenannte Konsensbildungsverfahren, also »Übereinkünfte« ähnlich einer Währung.

Rehfeld: Unklar ist auch noch, wie wir auf einer gleichen Blockchain-Infrastruktur verschiedene Anwendungsfälle generieren. Noch müssen wir sozusagen bei Null anfangen, wenn wir eine neue Blockchain etablieren wollen. Deshalb suchen wir nach Möglichkeiten, eine Systematik aufzubauen.

Dass die technischen Probleme in der gegenwärtigen Entwicklungsphase überwiegen, ist offensichtlich. Aber was die Umsetzung anbetrifft, wird es wohl auch organisatorische und akzeptorische Probleme geben.

Rose: Natürlich sind auch das Hürden, die genommen werden müssen. Aber eine Umsetzung und die Akzeptanz etwa des Einsatzes der Blockchain-Technologie im Bereich E-Government wird vor allem dann gepusht, wenn wir gute technologische Lösungen gefunden haben. Und genau das ist unsere Aufgabe.

Rehfeld: Geben Sie uns noch ein paar Jahre. Dann dürften erste Anwendungen etwa im Verwaltungsbereich eingeführt werden.

(aku)

Ein Kommentar

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  1. 1
    Praw Da

    An der Blockchain-Geschichte stimmt nichts. Es gibt keine Anwendungen dafür und kein Potenzial für solche Anwendungen. Es handelt sich nur um eine künstlich aufgebauschte Glaubensblase. Dahinter stecken Institutionen wie das Potjomkin-Institut, die von der Bewirtschaftung von Fördermitteln leben, sowie Beratungsunternehmen, die gleichermaßen für die Nützlichkeit ihrer Arbeit nicht haften. Ein Haufen Wichtigtuer läuft nackt durch die Straßen und jeder lobt die feinen Kleider des anderen. Die Zuschauer lachen und johlen ob des Schauspiels, aber die Akteure lassen sich davon nicht beirren.

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Prof. Dr. Thomas Rose
  • Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT
Dieter Rehfeld
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