Ein häufiger Anwendungsfall der Blockchain-Technologie ist die Umsetzung dezentraler digitaler Identitäten. Sie sind die Grundlage vieler anderer Blockchain-Anwendungen und daher zu einer zu einer regelrechten Kenngröße für die Alltagstauglichkeit von öffentlichen Blockchains geworden. In einem Forschungsprojekt haben Forscher des Fraunhofer-Instituts FOKUS das Identitätsmanagement ein einer öffentlichen Blockchain untersucht, um mehr über die weiteren Potenziale der Nutzung zu erfahren. Sie sind dabei auf Hindernisse gestoßen, die aber keinesfalls unüberwindbar sind.

Wie dicht Möglichkeiten und Grenzen auch im Fall der Blockchain-Technologie bei einander liegen, zeigt bereits deren bekanntestes Anwendungsbeispiel die Digitalwährung Bitcoin. Der Bitcoin beweist: vertrauenswürdiges Banking ist ohne Bank möglich. Er gibt aber auch – etwa mit Blick auf die aktuellen Transaktionszeiten – einen Hinweis darauf, welche Hürden ein Alltagseinsatz mit sich bringt.

Einer, der beide Seiten gut kennt und seit knapp zwei Jahren zur Blockchain forscht, ist Fabian Kirstein vom Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS. Öffentliche Blockchains, wie Ethereum oder Bitcoin, hält er grundsätzlich für einen wichtigen und richtigen Ansatz: „Solche sicheren dezentralen Strukturen für Daten und digitale Identitäten machen uns etwas unabhängiger.  Wir haben eine Alternative dazu, diese Daten alle in die Hand eines Unternehmens wie Facebook oder Google zu legen. Allerdings steckt die Technik teilweise noch in den Kinderschuhen. Für eine Alltagstauglichkeit sind noch einige Probleme zu lösen«, so Blockchain-Experte Kirstein.

Welche Probleme das konkret sind, hat der Berliner Wissenschaftler jüngst in einem Forschungsprojekt mit dem Berliner IT-Startup Jolocom untersucht. Konkret ging es darum, wie Blockchain-Technologie insbesondere auf der Plattform Ethereum geeignet ist, digitale Identitäten zu verwalten und einzusetzen. Dabei wurden auch der Nutzerkomfort und die Kosten betrachtet.

Die offene Kostenfrage

»Im Idealfall erlaubt uns die Blockchain-Technologie, den zentralen Mechanismus zur Erzeugung einer digitalen Identität, wie wir ihn vom Anmeldevorgang bei etwa den sozialen Netzwerken kennen, durch einen dezentralen Mechanismus zu ersetzen. Gelänge dies, dann wären unsere Daten nicht mehr in der »Hand« weniger Unternehmen, sondern fälschungssicher dezentral verfügbar und unter der vollen Kontrolle der jeweiligen Nutzer«, erklärt Kirstein. Allein: »Von dieser Entwicklung sind wir noch ein wenig entfernt.« Er identifizierte gemeinsam mit seinen Kollegen drei grundsätzliche Hürden, die dem erfolgreichen Einsatz der Blockchain-Technologie (noch) im Wege stehen: Zum einen funktioniere eine öffentliche Blockchain letztlich nur dann, wenn viele Menschen daran teilnehmen. Nur so würden der nötige Konsens und die nötige (technische und sozialpsychologische) Sicherheit gewährleistet. Deswegen würden beispielsweise mit Währungen wie Bitcoin oder Ethereum Anreize gesetzt, sich zu beteiligen. Das aber bedeute auch, dass die Anwendung dieser Blockchain-Technologien nun marktwirtschaftlichen und damit auch spekulativen Interessen unterworfen wird. »Die Preise für einen Dienst können sich deshalb jeden Tag ändern. Teilnahmekosten und Benefit werden schwer kalkulierbar«, fasst Kirstein zusammen.

Langsam und wenig nutzerfreundlich

Momentan ist ein zweiter grundlegender Nachteil die Komplexität und die damit verbundene »Langsamkeit«: Weil in der Blockchain jeder externe Eingriff und jede Transaktion von einer gewissen Anzahl an Teilnehmern validiert werden muss, um als »true« klassifiziert zu werden, kann es unter Umständen viele Minuten dauern, bis der Vorgang geprüft ist. Noch relevanter ist dies bei Änderungen in der Kette, etwa bei Transaktionen. Diese Zeitverzögerung dürfte sich – so erwartet Kirstein – zwar im Laufe der kommenden Jahre und im Zuge weiterer technischer Entwicklungen reduzieren. Damit wären einfache Verifikationen auch schneller möglich. Doch bereits die initiale Einrichtung der Identität oder eine Änderung wie die des Wohnorts würden die Geduld vieler Nutzer weiterhin lange strapazieren. Und eben dadurch würde der Einstieg in die Blockchain für potenzielle Anwender unattraktiv.

Hinzu kommt – drittens – ein Problem mit der Usability. Um eine öffentliche Blockchain zu nutzen, brauchen User nicht wie gewohnt einen Nutzernamen und ein klassisches Passwort. Sie benötigen einen kryptischen Schlüssel, der so kompliziert ist, dass ihn sich die wenigsten Nutzer merken würden. Auch das ist in Anbetracht der Usergewohnheiten eine derzeit noch zu überwindende Hürde für die Nutzung einer öffentlichen Blockchain.

Mittel- bis langfristig gute Perspektive

Dass die Blockchain-Technologie trotz der aufgezeigten Hürden eine Fülle an Chancen mit sich bringt, um künftig auf ein zentrales Management von Identitäten verzichten zu können und Datenbanken deutlich sicherer zu machen, steht für Fabian Kirstein fest: »Das Projekt hat aber auch gezeigt, dass eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Technologie nötig ist, bevor öffentliche Blockchains im Alltag eingesetzt werden können«. Deshalb – so die Empfehlung des Spezialisten – sollten nun konkrete Pilotprojekte unter Einbeziehung aller Akteure durchgeführt werden, um die Entwicklung der digitalen Identität in einer Blockchain zu unterstützen. Einige Einsatzszenarien, wie z.B. Blockchain-basiertes Identitätsmanagement auch von Staat und Verwaltung selbst genutzt werden können, sollen am 5. Dezember live in Berlin vorgeführt werden. Die Veranstaltung wird von Fraunhofer FOKUS gemeinsam mit Kooperationspartnern und Blockchain-Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz organisiert. (aku)

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