E-Health- und Telecare-Systeme ermöglichen eine bessere medizinische Betreuung von älteren Menschen in ihrem eigenen Zuhause. Das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT hat eine Plattform entwickelt, die einen sicheren Datenaustausch über einen Smart-TV gewährleistet. Das System integriert Erfassung, Darstellung und Auswertung verschiedener Vitalparameter, etwa Gewicht, Aktivität, Blutdruck, Blutzucker, sowie Videotelefonie und Datenaustausch mit dem Hausarzt.

Ein voll besetztes Wartezimmer ist in deutschen Hausarztpraxen keine Seltenheit. Und besonders in ländlichen Gegenden müssen Patienten immer weitere Wege für einen Arztbesuch auf sich nehmen. Das ist vor allem für ältere Menschen problematisch, die wenig mobil, aber überproportional häufig auf eine gute Ärzteversorgung angewiesen sind. Hier bieten Online-Lösungen wie die E-Health-Plattform, die vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT entwickelt wurde, praktikable Alternativen für Ärzte und Patienten. Die Plattform dient der Kommunikation und ermöglicht es dem Arzt, den Gesundheitszustand seines Patienten zuhause zu überwachen. So können Arztbesuche reduziert werden. Vielen Kranken bleiben lange Wege und Wartezeiten erspart. Und auch Praxen und Krankenkassen werden dadurch entlastet.

»Der praktische Aufbau der Plattform lässt sich mit wenigen Worten erklären«, sagt Projektleiter Fouad Bitti. »Patienten können ihr bluetooth-fähiges Smart-TV-Gerät nutzen, das bereits heute in vielen Wohnungen steht. Alternativ wird ein Computer an den Fernseher angeschlossen. Der Arzt arbeitet mit einem internetfähigen Endgerät sowie einer klassischen Webcam, wie sie in jedem Smartphone oder Tablett eingebaut ist, oder er schließt einfach eine Kamera an den Rechner an.« 

CeBIT: FIT-Wissenschaftler Fouad Bitti (links) präsentiert der Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen Svenja Schulze und Prof. Michael ten Hompel, Institutsleiter Fraunhofer IML, FITs E-Health- und Telecare-System. Bild: Fuchs | Fraunhofer FIT

Arztbesuch via Webcam

Die E-Health-Plattform ermöglicht nicht nur einen Videochat mit dem Arzt. Sie erlaubt auch die Erfassung, Auswertung und Übertragung von Vitalwerten des Patienten. Zum Einsatz kommen handelsübliche Messgeräte, etwa Schrittzähler, Blutdruckmessgeräte, Diagnosewaagen oder Lungenmonitore, mit denen das Sauerstoffvolumen in der Lunge bestimmt wird, die lediglich bluetooth-fähig sein müssen. So können beliebig viele Geräte integriert werden können. Die Übertragung der Daten erfolgt dann via Bluetooth an die E-Health-Plattform. Dort ist festgelegt, wer Zugriff auf die Daten hat. »Der Nutzer muss also lediglich seinen Blutdruck messen, wie er es gewohnt ist, und die Daten werden automatisch an das System übermittelt«, sagt Bitti. Ein Protokollieren durch den Patienten selbst oder einen Pflegedienst ist nicht nötig. So hat der Arzt die Werte im Blick und kann den Patienten wenn nötig auffordern, persönlich in der Praxis zu erscheinen. Über ein so genanntes Vital-Tagebuch kann der Patient auch jederzeit selbst alle erfassten Gesundheitsdaten anschauen und seinen Gesundheitszustand überwachen.

Eigener Info-Channel

Das System kann auch zur Kontaktaufnahme mit Familienmitgliedern oder Freunden genutzt werden. In einem Info-Channel werden außerdem Texte, Bilder und Videos zur Verfügung gestellt, die Informationen zu verschiedenen chronischen Erkrankungen und Anleitungen von geschultem Personal enthalten; etwa wie man sich mit einfachen Bewegungsübungen fit halten kann.

Um die Plattform auf dem Smart TV aufzurufen und beispielsweise mit dem Arzt in Kontakt zu treten, muss der Patient lediglich die Fernbedienung seines Fernsehers zur Hand nehmen. Auch das Absetzen eines Notrufs ist über die Fernbedienung möglich. Zusätzlich können sich Angehörige (mit Einverständnis des Patienten) in das System einloggen, um zum Beispiel bestimmte Daten auf ihr Smartphone herunterzuladen.

Die Gesundheitsdaten werden bei Bedarf an den zuständigen Arzt oder Verwandte des Benutzers weitergeleitet. Bild: Fraunhofer FIT

Datenschutz hat Priorität

Besonderer Wert wird auf die digitale Souveränität der Patienten gelegt. Um sicherzustellen, dass der Nutzer die Kontrolle über seine Daten behält, kommt eine im Rahmen der Fraunhofer-Initiative »Industrial Data Space« entwickelte Software-Architektur zum Einsatz. Diese ursprünglich für die Industrie entworfene Architektur erlaubt einen sicheren Datenaustausch und verhindert, dass die Daten von Unbefugten genutzt werden können.

Geplant sind nun die Weiterentwicklung des Systems sowie eine Studie, die das Nutzungsverhalten von Senioren und Patienten im Umgang mit der Plattform untersucht. Da das System modular aufgebaut ist, lässt es sich außerdem beliebig erweitern. Es könnte also auch anderen Altersgruppen zur Kommunikation mit ihrem Arzt dienen. Während sich der klassische Aufbau mit Smart TV und Fernbedienung speziell an Senioren richtet, wäre für jüngere Zielgruppen beispielsweise ein Austausch via App denkbar. (mdi)

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