Das Gesundheitssystem ist zunehmend überlastet. Ein großer Anteil der Kosten wird durch Krankenhausaufenthalte chronisch kranker Patienten verursacht. Experten am Fraunhofer FIT arbeiten deshalb an Monitoring-Systemen, die es ermöglichen, Patienten in akuten Phasen ihrer Erkrankung im gewohnten Umfeld der heimischen Wohnung zu beobachten und zu versorgen. Das erhöht die Patientenzufriedenheit und senkt die Pflegekosten - bei gleichbleibender Versorgungsleistung.

Die Zahlen sprechen für sich. Die Gesamtkosten des deutschen Gesundheitssystems beliefen sich 2014 auf 328 Milliarden Euro. Über die Hälfte dieser Summe machen ärztliche und pflegerische Leistungen aus, zu denen auch die stationäre Versorgung chronisch kranker Patienten gehört. Gerade dieser Posten ließe sich reduzieren, denn zur Beobachtung der Patienten in akuten Phasen ihrer Krankheit ist ein stationärer Aufenthalt nicht immer zwingend notwendig. Länder wie Spanien und Frankreich haben bereits Jahre Erfahrung mit der sogenannten »home hospitalization«, bei der Pflegedienste in Zusammenarbeit mit dem Hausarzt die Versorgung des Patienten in der gewohnten Umgebung des eigenen Zuhauses übernehmen. Dabei fällt nicht nur die Reduzierung der Kosten ins Gewicht. »Ein entscheidender Vorteil ist auch, dass die Patienten in ihren eigenen vier Wänden bleiben können. Denn natürlich sind Menschen viel lieber zuhause als in einem Krankenhaus«, sagt Dr. Yehya Mohamad vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT. Wie die Umsetzung dieser Idee auch in Deutschland angegangen werden kann und welche technischen Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen, untersucht er im Projekt PolyCare (POLY-stakeholders integrated CARE for chronic patients in acute phases). »Ziel von PolyCare ist es nicht Krankenhäuser zu ersetzen«, betont Mohamad. Vielmehr gehe es darum, chronisch Kranke so intensiv und so lange wie möglich daheim zu versorgen. »Wir wollen erreichen, dass das Krankenhauspersonal entlastet wird und wieder Zeit für die Menschen hat, statt ständig messen zu müssen«, sagt Mohamad.

Home sweet home hospitalization

Eine von Yehya Mohamad mitentwickelte Technik erweitert das Konzept der home hospitalization deshalb um eine Mischung aus organisatorischer und informatischer Lösung: Hard- und Software verbinden den Patienten dabei mit Pflegedienst und niedergelassenem Arzt. »Der Patient erhält ein Brustband, in dem Sensoren integriert sind, die seine Vitalfunktionen wie Atemvolumen, Puls, EKG und andere überwachen«, erklärt Mohamad. Je nach Diagnose und den vorgenommenen Einstellungen messen die Sensoren in unterschiedlichen Abständen automatisch. Zusätzlich können Geräte eingesetzt werden, die nicht am Körper getragen werden. Mit ihnen misst der Patient beispielsweise Blutzucker oder Blutdruck. Die Daten werden über eine sichere Webanbindung an den mobilen Pflegedienst und den Arzt geschickt, der so über den Vitalzustand des Patienten informiert ist. Sollte innerhalb des Zeitintervalls eine ungewöhnliche Entwicklung entstehen, erhält der Arzt oder Pfleger eine Nachricht mit der Aufforderung sofort nach dem Patienten zu sehen.

Große Daten verlangen große Sicherheit

Um Effizienz und Sicherheit des Systems zu gewährleisten, haben die Forscher eine Vielzahl technischer Schwierigkeiten gelöst. »Wir mussten die ganze Sensorik in einen kleinen Brustgurt integrieren«, erklärt Mohamad. Auch die Technik zur Übertragung und Speicherung großer Datenmengen musste entwickelt werden. Und natürlich ist auch die Sicherheit beim Umgang mit sensiblen Patientendaten ein zentraler Aspekt: »Wir senden die Daten über sichere Internetverbindungen an die Fraunhofer Datenbanken, damit sie dort gespeichert und ausgewertet werden.« Die Daten werden dabei verschlüsselt, die Forscher können die persönlichen Informationen also nicht einsehen. Das können ausschließlich Pflegedienste und Ärzte für lediglich ihre jeweiligen Patienten. Aber selbst sie können die Daten weder herunterladen noch speichern. Den Fraunhofer Forschern obliegt neben den technischen Tests auch die Entwicklung des sogenannten Entscheidungs-Unterstützungs-Systems (decision support systems DSS), für das sie die Algorithmen schreiben. »Wir integrieren alles in einer Datenbank, die im Fall einer ungewöhnlichen Entwicklung eine Meldung an Patient, Pfleger oder Arzt generiert, dass es Zeit ist, ein Medikament einzunehmen oder nach dem Patienten zu sehen«, sagt Mohamad. Im Mai 2017 startet der erste Pilotversuch. Dabei geht es nicht nur um die Funktionalität des Systems. »Wir wollen vor allem wissen, ob das System angenehm für die Patienten ist.« (jmu)

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