Das Klügste, was jemals zum Thema Mobilität gesagt wurde, kann man sich vorm Waldlauf aufs Smartphone laden. Es ist der Film „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ nach dem Roman von Alan Sillitoe.

Und man tut gut daran. Weil man sonst vielleicht in Versuchung käme, statt dessen wertvolle Download- und Lebenszeit mit Apps zu verplempern. Denn es muss sie wohl wirklich geben, Leute, die solch seltsame Apps auf dem Handy haben. Dessen ist man sich gewiss, wenn man wieder einmal in einen frühen und trüben Tag hinausrennt und dabei etlichen anderen verdrahteten Läufern mit Knopf im Ohr begegnet. Was es da doch mittlerweile alles gibt! Apps, die Puls, Blutdruck, Strecke, Höhenunterschiede und Geschwindigkeit messen. Man kann seine gesammelten Körper- und Laufdaten ins Netz stellen und so gegen virtuelle Gegner in aller Welt antreten. Das ist Leistungswille!

Solche absonderlichen Gedanken gehen einem halt durch den Kopf, während Beine, Herz und Lunge langsam auf Touren kommen. Leistung ist Arbeit durch Zeit, fällt einem da - wohl wegen des vielen Sauerstoffs im Gehirn - aus längst vergangenen Zeiten des Schulunterrichts wieder ein. Arbeit, das kennt man. Das muss sein. Und es ist in Ordnung. Man hat etwas gelernt, kann es, erfährt dafür Anerkennung und verdient damit seinen Lebensunterhalt. Arbeit hat wesentlich zur Menschwerdung des Affen beigetragen, schrieb Friedrich Engels einmal. Recht hatte er.

Umgekehrt wiederum ist dieses ganze Leistungs-Getue doch ziemlich affig. Man relativiert sich, wenn man sich mit anderen vergleicht, und erst recht, wenn man seine Arbeit in Relation zur Zeit setzt. Trotzdem gibt es Leute, die können nicht ohne Gegner. Und wenn sie keine wirklichen haben, dann suchen sie sich welche im Internet und laufen gegen die virtuell um die Wette.

Aber gibt’s denn überhaupt einen Gegner, gegen den anzutreten, es sich für einen richtigen Mann lohnt? fragt man sich im Morgengrauen. Es gibt! Der innere Schweinehund ist dieser Angstgegner. Alle anderen kann man getrost hohlen Leistungsträgern überlassen.

Der innere Schweinehund allerdings erscheint früh morgens schier übermächtig, und man traut sich kaum, ihn zu treten, weil einem das ja auch selber weh tut. Da hilft es dann, aufs Smartphone-Display zu schauen: die Szene, wo Sillitoe’s Romanfigur sich darüber Gedanken macht, ob Langstreckenlauf überhaupt irgendwas mit Sport oder mit Leistung zu tun hat.

Er hat nicht, findet der einsame Langstreckenläufer. Und dann denkt er – im Film laut – diesen wunderbaren Satz: Ein richtiger Langstreckenläufer kann nur sein, wer sein Leben lang davongelaufen ist. Auf so etwas Kluges kann man halt nur kommen, wenn man einsam durch den Wald rennt.

Und vor lauter Freude über diese Erkenntnis tritt man dann den inneren Schweinehund besonders kräftig, woraufhin der winselt, den Schwanz einklemmt und sich aus dem Staub macht. - Und so kann man sich mit Hilfe eines ganz gewöhnlichen Mobiltelefons schon früh morgens darüber Gewissheit verschaffen, dass es bestimmt wieder ein prächtiger Tag wird.

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Achim Killer
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