Infolge der Weiterentwicklung des Tele-Rehabilitationssystems MeineReha® und dem gegründeten Spin-off entsteht ein intelligenter Assistent, den Therapeuten nutzen können: Er unterstützt die Durchführung von praktischen Übungen der Patienten zu Hause – ohne, dass der Therapeut selbst dabei sein muss. Im Interview erklärt Anne Grohnert die Vorteile und Besonderheiten des Systems. Sie ist Forscherin am Fraunhofer Fokus und ist Teil der Geschäftsführung der neu aufgebauten Fraunhofer-Ausgründung eGeia GmbH.

Hallo Frau Grohnert, etwa jeder fünfte Bundesbürger nimmt im Laufe eines Jahres eine Physiotherapie in Anspruch. Und der Bedarf steigt: Im Juni 2019 waren laut Bundesagentur für Arbeit fast 6.000 offene Physiotherapeuten-Stellen gemeldet. Dank Ihres Projekts MeineReha® könnte die mittlerweile schwierige Suche nach einem Physiotherapeuten etwas leichter werden.

Ja und Nein. Denn unsere am Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS entwickelte Software und das physiotherapeutische Gesamtpaket, das nun durch unser Spin-off angeboten wird, kann eine richtige Physiotherapie nicht ersetzen. Wir sind sozusagen der verlängerte Arm des Therapeuten und erleichtern es Patienten auf diese Weise, ihre Übungen richtig durchzuführen. Gleichzeitig unterstützen wir Physiotherapeuten, diese Patienten möglichst unkompliziert zu betreuen.

Was genau bieten Sie an?

»MeineReha®« ist ein Teleassistenzsystem zur Prävention, Rehabilitation und Nachsorge. Kern ist eine zuverlässige, sichere und automatisierte Bewegungsanalyse mit Echtzeit-Feedback auf Grundlage eines optischen Sensors. Mit dem System wird es möglich, ausgewählte Therapiemodule am Fernseher durchzuführen und die Übungen so besser in den Alltag des Patienten zu integrieren.

So wie die Teletrainings auf TV oder Monitor, die seit den 80er Jahren angeboten werden?

Nein, es geht bei MeineReha® um etwas Anderes: Bei einer Telefitnesssendung schauen Sie zu und sind bei ihren Übungen auf sich allein gestellt. Wenn es lediglich darum geht, sich zu bewegen, ist das kein Problem. Aber im Rahmen einer Physiotherapie müssen die Übungen mit Bedacht vom Therapeuten ausgewählt und vom Patienten richtig durchgeführt werden. Nehmen Sie das Beispiel einer vermeintlich einfachen Kniebeuge: Sind Sie sicher, dass die Beine den physiotherapeutisch richtigen Abstand zueinander haben? Ragen die Knie zu weit nach vorne? Und der Rücken? Geht er mit oder bleibt er steif? All diese Informationen erfasst unsere Kamera. Die Bilder werden live ausgewertet, so dass Sie durch das System unmittelbar und automatisch Rückmeldung erhalten. Die Ergebnisse werden in aufbereiteter Form für den Therapeuten hinterlegt, so dass er den Trainingsverlauf gut rückverfolgen und analysieren kann. Der Therapeut erhält mit dem System nun vergleichbare Messdaten, die er in der klassischen Therapie nie sehen würde. Und der Patient kann so seinen eigenen Fortschritt sehen, was einen weiteren Motivationsschub auslösen kann. Außerdem bieten wir einen virtuellen Trainer an, der die spezifischen und auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten ausgerichteten Übungen genau erklärt. Dieses Gesamtpaket ist für Therapeuten und Patienten ein großer Vorteil.

Zumal ein anderer Faktor vermutlich nicht zu unterschätzen ist: Die zeitliche und lokale Unabhängigkeit, weil ich in häuslicher Umgebung bleiben kann …

Richtig! Sie können trainieren, wann Sie wollen, auch um 2:00 Uhr nachts. Wichtig ist das unter anderem für Menschen, die die herkömmliche Nachsorge nur erschwert nutzen können. Etwa, weil sie in ländlichen Regionen wohnen, weil es sich um Schichtarbeiter handelt oder weil die zeitliche Freiheit eingeschränkt ist. Das System dient aber auch als Ergänzung in der herkömmlichen Nachsorge. Beispielsweise, wenn die Patienten Hausaufgaben bekommen. Trotz Digitalisierung sollte es weiterhin den persönlichen Kontakt geben. MeineReha® ermöglicht es auch, dass der Therapeut immer wieder dabei ist: Er turnt vor und kann dem Patienten beim Nachturnen Tipps geben und sofort und persönlich seine Haltung korrigieren, beispielsweise über die integrierte Videokonferenz. Auf diese Weise können Patienten sogar häufiger mit dem Therapeuten in Kontakt treten als in der herkömmlichen Therapie, in der immer ein Termin vereinbart und die Anfahrt in Kauf genommen werden muss.

Inwieweit unterstützt das System den Therapeuten?

Der Therapeut kann jetzt aus dem Homeoffice arbeiten und kann gleichzeitig mehr Patienten effektiv behandeln. Das System vermisst die Bewegungen der Patienten in 3D und erkennt so richtige und falsche Bewegungsabläufe. Es meldet sich beispielsweise, wenn der Oberkörper des Patienten zu weit nach vorne geneigt wird. Das kann eine wichtige Zusatzinformation für den Therapeuten sein und leitet den Patienten in Echtzeit an, gegebenenfalls eine Haltungskorrektur vorzunehmen. Der Therapeut kann nun zeitversetzt Therapiehinweise oder -korrekturen geben und ist somit nicht mehr an Termine gebunden.

Das heißt, der Therapeut bleibt nach wie vor stark involviert?

Natürlich. Er stellt einen individuellen Trainingsplan aus derzeit schon über 100 verschiedenen MeineReha®-Übungen für den Patienten zusammen und bekommt nach durchgeführtem Training die Therapieergebnisse in aufbereiteter Form so zugesendet, dass er anhand der Ergebnisse den Therapieplan an den Erfolg anpassen kann. Wenn der Patient zustimmt, kann sich der Therapeut auch die vollständigen Video-Aufnahme des Patienten schicken lassen. Dabei wird übrigens der Hintergrund entfernt, so dass niemand sehen kann, was der Patient im Wohnzimmer hat. Für Außenstehende sind also keine Rückschlüsse auf das Umfeld des Patienten möglich.

Aber der Therapeut sieht den Patienten doch sowieso?

Mindestens bei der Eingangsuntersuchung und dem Abschlussgespräch und natürlich immer, wenn der Patient es möchte. Das System ist gemäß den Grundsätzen der Datensparsamkeit so ausgelegt, dass das Bild des Patienten nicht aufgenommen wird. Erst wenn der Patient es möchte, kann ein Video über die Trainingssequenz aufgezeichnet werden, das aber ausschließlich den Körper des Patienten zeigt. Alle anderen Bildinformationen werden verworfen. In der Grundeinstellung werden lediglich Messdaten über die Haltung und Bewegung der Patienten erfasst. Der Datenschutz wird somit vollumfänglich eingehalten.

Was ist mit Umgebung und Kleidung. Sind das unter Umständen Störfaktoren?

Das System ist intelligent und kalibriert sich im Betrieb selbst. Es spielt keine Rolle, ob der Sensor auf dem Fernseher oder davor steht, auch die Kleidung des Patienten spielt keine Rolle. Das System funktioniert berührungslos und ist außerdem so ausgelegt, dass sich die Kameraempfindlichkeit dem Umgebungslicht anpasst.

Wie ist die Akzeptanz von MeineReha® bei den Fachleuten?

Ärzte und Therapeuten sehen dieses System als eine sehr wichtige Ergänzung zur Reha-Nachsorge. Während unserer Tests haben wir gemeinsam mit 500 interessierten Patienten und Patientinnen das System erprobt. Wir haben dabei viel Zuspruch gewonnen. Außerdem ist unsere mittlerweile rund zehn Jahre dauernde Forschungsarbeit zu MeineReha® mit einer klinischen Wirksamkeitsstudie jetzt abgeschlossen. Sie belegt, dass unser System qualitativ gleichwertig ist zu einer herkömmlichen Bewegungstherapie, bei der ein Physiotherapeut im Raum ist und Anleitungen gibt. Dies ist ein zentrales Element bei der Akzeptanz unter den Fachleuten und ein wichtiger Schritt hin zur Zulassung zum Medizinprodukt.

Was sagen die Krankenkassen, die ja vermutlich auch die Kosten für eine derartige Behandlung übernehmen sollen?

Die Krankenkassen beziehungsweise die Kostenträger sparen erst einmal Geld für die Anfahrten der Patienten. Zudem können mehr Patienten in der gleichen Zeit versorgt werden. Außerdem sind wir froh, dass sich die politischen Rahmenbedingungen mittlerweile geändert haben. Die Deutsche Rentenversicherung beispielsweise hat bereits vor zwei Jahren ein Tele-Reha-Nachsorgekonzept veröffentlicht. Und für die Krankenkassen wurde mit dem »Digitale-Versorgung-Gesetz – DVG« nun eine Möglichkeit geschaffen, solche telemedizinischen Systeme auf schnellerem und einfacherem Wege in die Regelversorgung aufzunehmen, als es bisher der Fall war.

Aber wann kann ich als Patient oder besser: als Physiotherapeut das System nutzen?

MeineReha® war zunächst ein Forschungsprojekt. Erst mit der aktuellen Gründung unserer Firma eGeia GmbH können und dürfen wir daran arbeiten, das Produkt dem freien Markt zur Verfügung zu stellen. Zusammen mit Maciej Piwowarczyk vel Dabrowski habe ich die Geschäftsführung dieser Fraunhofer-Ausgründung übernommen. Zum Team gehören auch Benny Häusler, Christian Giertz und Dr. Michael John. Ziel ist es, dass ab Sommer 2020 die ersten Therapiezentren unser Angebot nutzen können. Danach sind wir auch in der Lage den internationalen Markt zu bedienen. Derzeit finalisieren wir einzelne Konzepte, um das System in den verschiedensten Indikationen anzubieten und dabei alle notwendigen Geräte inklusive einer Smartphone-App auch als Mietmodell zu vertreiben.

Parallel zum System MeineReha® haben Sie am Fraunhofer Fokus auch an weiteren Projekten geforscht.

Seit 2010 arbeite ich für die Fraunhofer-Gesellschaft in unterschiedlichen Forschungsprojekten rund um telemedizinische Assistenzsysteme, sowohl mit Fokus auf Sensorik und Daten als auch Datenschutz und IT-Sicherheit. Die aktuellen Projekte Onko-Reha und Telecura-Parkinson stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit unseren Erkenntnissen aus MeineReha®. Das Projekt Onko-Reha startete vergangenen Sommer. Ziel ist es, gemeinsam mit der Sächsischen Krebsgesellschaft und der MEDIAN Klinik Schmannewitz und der Paracelsus-Klinik am Schillergarten Bad Elster das MeineReha®-System auf die Nachsorge von Krebspatienten anzupassen. Und das Projekt Telecura Parkinson soll Parkinson-Patienten dabei unterstützen, erste Trainingsfortschritte schon bei der stationären Behandlung zu erreichen. Die Parkinsonklinik Beelitz-Heilstätten wird dafür die Plattform von MeineReha® nutzen.

(aku)

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Interviewpartner
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Anne Grohnert
  • Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS
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