Der Einsatz von Augmented Reality-Lösungen ist in der Produktion oder der Logistik längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Dabei lassen sich Datenbrillen beispielsweise auch im medizinischen Bereich nutzen. Für die Sterilgutversorgung in Kliniken hat ein Konsortium aus Unternehmen, Kliniken und dem Fraunhofer FIT nun Erfahrungen gesammelt, welche Möglichkeiten sich durch den Einsatz von Smart Glasses ergeben – und wo aktuell Hürden beim Einsatz der Technik liegen.

Rund 20.000 Operationen werden derzeit in Deutschland durchgeführt. Jeden Tag. Das berichtet das Statistische Bundesamt. Rund 20.000 Mal muss dafür der Operationssaal gereinigt und desinfiziert werden. Rund 20.000 Mal muss das jeweils passende Operationsbesteck bereitgelegt werden. Und 20.000 Mal am Tag gilt: Nur bei einer absolut peniblen und sterilen Vorbereitung der Instrumente ist die optimale Voraussetzung dafür geschaffen, dem Patienten durch den Eingriff tatsächlich zu helfen. Dabei sind es längst nicht nur die in Fernsehserien häufig erwähnten »Klassiker« Klemme, Tupfer und Schere, die bereitliegen sollten. OP-Helfer müssen aus Hunderten von Instrumenten das richtige Set zusammenstellen. Aufhaltende, fassende, klemmende, schneidende Instrumente müssen dabei genauso passend ausgewählt werden wie beispielsweise Nahtgeräte, Optiken und kombinierte Geräte wie Nadelhalter oder Endostapler und Klemmnahtgeräte.

Aber mit jedem neuen medizinischen Gerät und jeder neuen, feiner abgestimmten Größe der Instrumente steigt auch die Gefahr, das Falsche bereitzulegen oder die Geräte nach der Operation nicht so sachgemäß zu zerlegen, zu reinigen, zu sterilisieren und wieder zusammenzusetzen, wie das zwingend erforderlich ist. Eine Konsequenz daraus: Die Zeit, die OP-Helfer und andere medizinische Assistenten für Ausbildung und Prozesse aufwenden müssen, steigt. Und auch die Verantwortung, die sie übernehmen.
Auf Handbücher oder Schaubilder zu verweisen, in denen bei Bedarf nachgesehen werden kann, ist in diesem Fall bestenfalls eine Behelfslösung. Eine »Live-Unterstützung« vor Ort wäre deutlich effektiver: Ein erklärender Assistent, der erläutert, wie was zu zerlegen, zu reinigen und wieder zusammenzubauen ist und der das Bereitlegen der je nach Operation spezifischen Sets unterstützt. Und das im Idealfall nicht nur in Bezug auf die Versorgung mit Sterilgut, sondern auch in anderen Einsatzfeldern eines Krankenhauses. Im Lager beispielsweise oder bei der Nutzung weiterer Geräte.

Wichtige Informationen und Prozessschritte könnten via Datenbrille eingeblendet werden. Bild: Frank Deinet | Wolfartklinik Gräfelfing

Qualitätssicherung mit der Datenbrille

An diese Überlegung knüpft das im Mai 2017 gestartete Verbundforschungsprojekt »Smart Glasses in der Sterilgutversorgung« im Rahmen des Leitmarktwettbewerbs »IKT.NRW« an. An ihm ist unter anderem auch das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT beteiligt, um Interaktionskonzepte über klassische Bildschirmanwendungen hinaus zu entwickeln. »Das langfristige Ziel ist eine praktikable Lösung, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich der zentralen Sterilgutversorgung in Kliniken und Krankenhäusern mit passenden Informationen zur richtigen Zeit am jeweiligen Arbeitsplatz zu versorgen«, erklärt Veronika Krauß vom Fraunhofer FIT, die die technische Leitung des im Juli 2019 abgeschlossenen Projekts übernommen hat. Die Grundidee dabei: Der Einsatz von Smart Glasses, also Datenbrillen, die mit Hilfe von Augmented Reality (AR) Zusatzinformationen in das Sichtfeld des Trägers einblenden: Kurzvideos, Übersichten oder Checklisten beispielsweise. In Zukunft könnte es auch möglich werden, dass über AR einzelne Stellen eines Gegenstandes exakt lokalisiert und bestimmt werden können – beispielsweise, um eine einzelne Schraube zu fixieren oder schrittweise und exakt virtuelle Hinweise zu geben, um einen fachgemäßen Zusammenbau des medizinischen Instruments durchzuführen.

Weitere Vorteile dabei: Beide Hände wären immer frei, denn der Input durch die Einblendungen in das Sichtfeld könnte über Sprache, Kopfbewegungen oder jedes beliebige Eingabegerät gesteuert werden. Eine Benutzung von Maus, Tastatur und zusätzlichem Bildschirm ist überflüssig. Zudem ist ein Wechsel des Arbeitsortes jederzeit und ohne Verlust zum Zugang zu Informationen möglich. Und die eingespielten Informationen könnten über eine Aktualisierung der medizinischen Datenbank stets auf dem neuesten Stand gehalten werden. Auch ein gezieltes Navigieren innerhalb eines definierten Bereichs oder eines Raumes und das Suchen einzelner Instrumente und Einweg-Artikel zur Wundversorgung in einem Lager würden so deutlich erleichtert – ähnlich wie das in der Logistikbranche längst gängig ist.

Dank AR wären wichtige Daten immer abrufbar. Bild: Frank Deinet | Wolfartklinik Gräfelfing

Smart Glasses eignen sich – zumindest theoretisch

Eine erste, in mehreren Praxis-Workshops an den Unikliniken Aachen, Düsseldorf, Köln sowie der WolfartKlinik Gräfelfing erfolgreich erprobte Lösung setzt dabei auf die bewährten und auch in anderen Bereichen oftmals genutzte Microsoft HoloLens-Brillen. »Das Feedback der Fachleute auf die praktische Arbeit mit diesen Demonstratoren war eindeutig«, betont René Reiners, Projektleiter am Fraunhofer FIT. »Wir wissen jetzt, dass intelligente Datenbrillen im Kontext der Sterilgutaufbereitung an gewissen Prozessschritten sehr gut unterstützend eingesetzt werden können.« Für den tatsächlichen Einsatz müsste die Eignung aber auch vor dem Hintergrund von Datenschutzbestimmungen und einer Zertifizierung der Soft- und Hardware nach medizinischen Bestimmungen geprüft und zertifiziert werden. Derzeit erfüllt noch keine Datenbrille die Anforderungen an Robustheit und Desinfizierbarkeit für den Gebrauch in der Sterilgutversorgung.

(aku)

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