Technologien und Ideen sollten eingesetzt werden, um die drängendsten Probleme der Gesellschaft zu lösen. Dabei stünde nicht der maximale Gewinn im Vordergrund, sondern das selbstlose Teilen unseres Wissens. Diese Vision hat Hans Reitz im Kopf, wenn er auf dem Global Social Business Summit jedes Jahr Aktive aus dem Bereich des Social Business zusammen bringt. Auch die Forschung kann ihren Teil zu dieser Aufgabe beitragen, zum Beispiel bei der medizinischen Versorgung von Patienten.

Zum 7. Gloabal Social Business Summit war dieses Jahr auch das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS eingeladen. Das gemeinsame Ziel: Möglichkeiten ausloten, Medizintechnik, im Besonderen die automatisierte computergestützte medizinische Bildgebung, auch für die entlegensten Regionen der Erde nutzbar zu machen. Innovisions hat mit Prof. Dr. Horst Hahn, Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS, Alexander Köhn, Softwarearchitekt am Fraunhofer MEVIS und Hans Reitz, Kopf des Global Social Business Summits, gesprochen.

»Es gibt so viel Wissenskultur, die heute nur eingesetzt wird, wenn sie 11 oder 15 Prozent Rendite einbringt. Wissen, das so wertvoll wäre, um Menschen ein leichteres oder besseres Leben zu machen, wird nicht eingesetzt, weil es nur 3 oder 4 Prozent Rendite bringt.« Dabei sollte es auch ohne die pure kapitalistische Absicht nutzbar gemacht werden – der Summit soll Möglichkeiten dazu aufzeigen. Akademiker, junge Start-ups und insgesamt ca. 100 verschiedene Organisationen und Firmen sind vertreten, alle mit unterschiedlichen Beweggründen. »Die Idee des Summits ist es, den Teilnehmenden eine Plattform zu geben, auf der sie sich austauschen können.«, so Hans Reitz.

Warum Social Business so wichtig ist? »Das System, in dem wir jetzt leben, ist herausgefordert, auf die aktuellen Situationen einzugehen. Im Moment merken wir bei vielen sozialen gemeinschaftlichen Themen, dass das System es nicht alleine schafft. Also brauchen wir neue Werkzeuge – Updates sozusagen. Ich bin davon überzeugt, dass Social Business im Wirtschaftssystem ein bereicherndes Element sein kann. Es geht darum, dass Akteure die ihnen zugänglichen Technologien dazu nutzen, um die schlimmsten gesellschaftlichen Probleme zu überwinden, jenseits der Absicht, den maximalen Gewinn zu realisieren.«

Herr Prof. Dr. Hahn, mindestens 1 Milliarde  Menschen hat nach Einschätzungen der WHO keinen ausreichenden Zugang zur Gesundheitsversorgung, die sie benötigen. Welche Technologien können in unterversorgten Regionen eingesetzt werden, um diese Zahl zu verringern?

Prof. Dr. Hahn: Eigentlich machen wir zwei Dinge: Wir versuchen einerseits, Krankheiten insgesamt früher zu erkennen und andererseits den Menschen, die weit entfernt von Krankenhäusern oder ausgebildeten Ärzten leben, über moderne Technologien die Möglichkeiten zu geben, dass ihre Untersuchungsergebnisse trotzdem analysiert werden. Dazu muss man sagen, dass fast alle Regionen der Welt mittlerweile über einen ganz guten Internetzugang verfügen. So können wir medizinische Bilder, die oft gar nicht so große Datensätze sind, per Internet transportieren und dann an anderer Stelle analysieren und die Ergebnisse wieder zurückspielen. Es gibt ganz verschiedene Szenarien, wie das funktionieren kann.

Sie reden von medizinischen Bildern…

Prof. Dr. Hahn: Ja, es geht um Röntgen- und Ultraschallbilder zur früheren Erkennung oder Diagnose von Erkrankungen. Die medizinische Bildgebung ist allerdings nicht selbstverständlich. Natürlich geht es in erster Linie um die medizinische Grundversorgung, etwa mit wichtigen Medikamenten. Vor ein paar Jahren wurde nun damit begonnen, portable und kostengünstige Geräte einzusetzen, um flexibel und leicht dort, wo es gebraucht wird, Bildgebung anzubieten. So wird die Verfügbarkeit von medizinischer Bildgebung immer weiter verbreitet.

Für welche Untersuchungen werden portable Geräte bereits eingesetzt?

Prof. Dr. Hahn: Ein naheliegendes Thema ist, Komplikationen in der Schwangerschaft früh genug zu entdecken. Mit Ultraschall können Untersuchungen bei bestimmten Schmerzen oder Symptomen durchgeführt werden, um mögliche Probleme bereits früh abzuklären. Die Sterblichkeit durch Komplikationen in der Schwangerschaft betrifft in diesen Ländern oft eben nicht allein das Kind, sondern auch die Mutter.

Woran forschen Sie konkret?

Prof. Dr. Hahn: Die Telemedizin ist eine ganz wichtige Grundlage für unsere Arbeit. Darauf aufbauend kann man in Ländern wie beispielsweise Bangladesch ähnliche Konzepte umsetzen. Wir haben im Rahmen der nationalen Kohorte, der größten medizinischen Kohortenstudie in Deutschland, einen technologischen Ansatz entwickelt, der eine Variante von Telemedizin ist. Die Qualitätssicherung der Daten und die Betrachtung der Daten passieren in einem einfachen Webbrowser. Der Arzt kann sich – egal von wo aus in Deutschland – an einem beliebigen Computer in das System einloggen und hat sofort Zugang zu den aufgenommenen Bilddaten. Das unterscheidet sich vom klassischen Teleradiologie- oder Telemedizinansatz, bei dem es einen Sender und einen Empfänger gibt, also eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung. Bei uns handelt es sich jedoch um ein Netzwerk mit einem zentralen Knoten. Alle Menschen, die auf die Daten zugreifen müssen, können dies über einen einfachen Webbrowser tun, der passwortgeschützt und mit verschlüsselter Übertragung mit der zentralen Datenbank verbunden ist. Dabei werden verschiedene Prozesse durch spezielle Web-Anwendungen unterstützt. Menschen, die die Qualitätssicherung der Daten machen, haben andere Fragen, als beispielsweise die Ärzte, die nach Auffälligkeiten in den Bildern suchen.

Das heißt, der Arzt greift auf eine Datenbank zurück?

Prof. Dr. Hahn: Ja, alle Ergebnisse, die von verschiedenen Menschen mit diesen Bildern erzeugt werden, werden in der gleichen Datenbank gespeichert. Wir haben damit nicht mehr das Problem, dass wir die Ergebnisse, die an verschiedenen Orten produziert werden, wieder zusammenführen müssen, um sie gemeinsam auswerten zu können. Die Datenbank ist am gleichen Ort wie die Bilddaten und am gleichen Ort wie der Webserver, der diesen Zugang ermöglicht.

Welchen Vorteil hat nun die Netzwerkarchitektur?

Prof. Dr. Hahn: Der Ansatz ist deutlich flexibler. Dieses sternförmig organisierte Teleradiologieprinzip hat Vorteile, wenn man noch nicht genau absehen kann, welche Menschen mit den Daten in Verbindung kommen müssen und welche Ärzte zur Verfügung stehen und wo diese Ärzte sich aufhalten werden. Auch die Patienten sind mobil und es ist zudem wichtig, dass die Patientendaten auch dort verfügbar sind, wo die Menschen später behandelt werden.

Herr Köhn, was braucht es für eine Umsetzung in unterversorgten Regionen?

Köhn: Wenn wir Software und Hardware betrachten, dann geht es wirklich nur darum, einen handelsüblichen PC dort aufzubauen – keine spezielle Hardware – dort können dann unsere Software und die frei verfügbaren Datenbanken installiert werden. Die Endgeräte, die damit kommunizieren, sind schon vorhandene Smartphones und Laptops. Auf diesen Geräten muss nichts zusätzlich installiert werden, das heißt, es entstehen dort auch keine Kosten. Die Technologie ist also kostengünstig umsetzbar. Mit einem beliebigen Endgerät und Webbrowser können die Leistungen in Anspruch genommen werden.

Und abseits der Hard- und Software?

Köhn: Wenn in einer Krankenhaus-IT diese Infrastruktur zur Verfügung gestellt wurde, ist es wichtig, entsprechende Trainingsprogramme zu haben und die Software so aufzubereiten, dass sie leicht zu bedienen und leicht verständlich ist. Lehre und Fortbildung sind wesentliche Themen. Dass Menschen lernen, die Technologien auch bestmöglich einzusetzen, ist das Ziel. Wobei wir nicht von einem einseitigen Erkenntnisziel ausgehen – es geht um beiderseitiges Lernen. Es gibt vor Ort vielleicht andere Probleme, die wir hier zunächst nicht bedenken. Es steht außer Frage, dass wir mit Forschern vor Ort, die tief im Thema drin stecken, zusammenarbeiten.

Wie wirkt sich der Einsatz der Technologie auf den Ärztemangel aus?

Prof. Dr. Hahn: Neben der technischen Infrastruktur und der Aus- und Weiterbildung geht es auch darum, Strukturen aufzubauen, mit denen diese Ärzte deutlich mehr Patienten erreichen können. Das Stichwort ist Empowerment – Ärzte sollen durch Technologie die Möglichkeiten bekommen, die medizinische Versorgung in solchen Ländern flächendeckend und auf möglichst hohem Niveau leisten zu können. Um einen Einwurf vorwegzunehmen: Wir wollen die Länder möglichst unabhängig machen, und es soll eine nachhaltige und skalierbare Infrastruktur aufgebaut werden.

Eine zweite Technologie, die Sie einsetzen möchten, ist die sogenannte Computer Aided Detection, also den automatisierten Einsatz von Algorithmen in der Bildauswertung.

Köhn: Ja, es gibt Bereiche in der medizinischen Bildverarbeitung, in denen Computeralgorithmen gut mithalten können mit der menschlichen Performance – bei der Tuberkulose können wir das bereits einsetzen. Wenn das System im Röntgenbild des Brustkorbes Hinweise auf Tuberkulose findet, schließt sich eine Nachfolgeuntersuchung durch einen Experten an. Es geht auch hier nicht darum, den Radiologen zu ersetzen, sondern Untersuchungen auch von nicht ausgebildetem Personal vornehmen lassen zu können, das eine Unterstützung durch den automatischen Algorithmus erfährt.

Welche Krankheitsbilder wird der Computer in einigen Jahren erkennen können?

Prof. Dr. Hahn: In einigen Jahren werden wir weitere Softwaremodule haben, die Auffälligkeiten und Hinweise auf wichtige Krankheiten gut detektieren können. Weil das so ist, brauchen wir auch einen engen Zusammenschluss mit der Forschung. Wir haben heute keine abschließende Summe von Computermethoden, die man nur noch sauber installieren muss, sondern stehen eher noch am Anfang. Die ersten Anwendungen, wie die Tuberkuloseerkennung auf Röntgenbildern des Thorax, schaffen die Grundlagen. Weitere Krankheiten werden wir in Zukunft erkennen helfen, z.B. Krebs oder Frühformen der Erblindung. Diabetes beispielsweise kann eine Erkrankung der Netzhaut zur Folge haben, die zur Erblindung führt.

Wie können unterversorgte Regionen an diesen Forschungsaufgaben teilhaben?

Prof. Dr. Hahn: Wir müssen ein Netzwerk herstellen, in dem die kostenintensive Forschung, die oft in den reicheren Ländern durchgeführt wird, nutzbar gemacht wird für schlechter versorgte Länder. Außerdem muss darauf geachtet werden, dass die Forschungsergebnisse abgesichert werden hinsichtlich Genauigkeit und möglicher Risiken und medizinisch einsetzbar sind und dann aber auch nach und nach kostengünstig in diese Systeme eingebaut werden. Hier sehen wir unsere Rolle: die Softwareprobleme so zu lösen, dass sie erweiterbar sind für die Zukunft sowie kontinuierlich Forschungsergebnisse verfügbar zu machen. Insofern ist es für uns ganz wichtig, Organisationen als Partner zu finden, die die medizinische Grundversorgung zum Ziel haben.

Jedoch braucht es auch die medizinischen Geräte der Bildgebung vor Ort.

Prof. Dr. Hahn: Richtig, viele Firmen, die Röntgengeräte und Ultraschallgeräte herstellen, haben diese neuen Märkte noch gar nicht erschlossen. Es kann für sie unter Umständen eine große Investition bedeuten, ihre Geräte in diesen Ländern anzubieten. Die spannende Frage ist nun also: Welche Firmen sind bereit, die Social Business Idee als Wert zu begreifen? Es wird ein Prozess des Umdenkens sein, der in vielen Firmen notwendig ist, um sich über das bisherige Business hinaus zusätzlich auch für die Social Business Idee zu öffnen – mit dem Ziel, die sozialen und gesundheitlichen Probleme tatsächlich zu lösen. Genau durch diese Kombination aus einem kommerziellen Geschäft und einem Social Business können gesamte Organisationen robuster und zukunftsfähiger werden. Da müssen wir hin.

Wir danken Horst Hahn, Alexander Köhn und Hans Reitz für das Gespräch. (mk)

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Alexander Köhn
  • Fraunhofer-Institut für Digitale Medizin MEVIS
Prof. Dr. Horst Hahn
  • Fraunhofer-Institut für Digitale Medizin MEVIS
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