Die digitale Vernetzung im Gesundheitsbereich bringt viele Vorteile: von der App, die chronisch Kranke und ihre Ärzt*innen bei Routinechecks unterstützt über den Datenaustausch zwischen Fachpraxen und Kliniken bis zur Information von Pflegenden und der Datennutzung für die medizinische Forschung. Keine dieser Vernetzungen darf dabei zu Lasten des Daten- und Persönlichkeitsschutzes gehen. Die Fraunhofer-Initiative Medical Data Space entwickelt deshalb eine sichere Infrastruktur, die vertrauenswürdig vernetzt und jedem die volle Souveränität über seine Gesundheitsdaten gewährleistet.

Alle vier Stunden eine Messung des Augeninnendruckes. Über mehrere Tage hinweg. Bei einer Glaukom-Erkrankung ist solch ein Prozedere wichtig, um zu erfassen, ob und wie stark der Augeninnendruck im Tagesverlauf schwankt. Die Messwerte ermöglichen es den Augenärzt*innen, therapeutische Maßnahmen individuell auf die Patient*innen auszurichten, um Schäden an der Netzhaut nachhaltig zu vermeiden. Für die Patient*innen bedeutete dies bisher einen mehrtägigen Aufenthalt in einer Augenklinik. Eine Ausnahme dabei bilden knapp 1.000 Glaukom-Betroffene im Kreis Westfalen-Lippe: Sie können die Messungen nun komfortabel zuhause selbst durchführen. Möglich macht das »SALUS«. Das Universitätsklinikum Münster erprobt dieses telemedizinische System gemeinsam mit Augenkliniken, Krankenkassen und Augenärzt*innen der Region und führt dafür eine klinische Studie durch. Eingesetzt wird dabei unter anderem ein neuartiges, mobiles Messgerät zur Selbstmessung des Augeninnendrucks (Selbsttonometrie). Eine andere Besonderheit des Projekts ist die von Forschenden des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT eingerichtete Infrastruktur zum Datenaustausch zwischen den Beteiligten. Per App oder dem Browser haben die Patient*innen, ihre Ärzt*innen und ihre Augenklinik Einsicht in die zu Hause gemessenen Ergebnisse und deren Auswertungen. »Der Austausch und die weitere Verarbeitung der Daten erfüllen dabei umfassend höchste Anforderungen an den Datenschutz und gewährleisten allen Studienteilnehmenden Datensouveränität«, erklärt Prof. Dr. Thomas Berlage vom Fraunhofer FIT. Das telemedizinische Messsystem für Glaukom-Betroffene ist einer der ersten Praxiseinsätze des Fraunhofer Medical Data Space, der von Berlage und seinem Team maßgeblich mitentwickelt worden ist.

Vertrauenswürdige Infrastruktur für Gesundheitsdaten

Der Medical Data Space ist Kern einer gleichnamigen Initiative, in der Institute der Fraunhofer-Verbünde IUK-Technologie und Life Sciences eine zuverlässige und vertrauenswürdige Infrastruktur für den sicheren Austausch von Gesundheitsdaten aufbauen. Die dafür erforderlichen Systemkomponenten sowie die technische und organisatorische Vorgehensweise spezifizieren und erproben die Fraunhofer-Forscher*innenteams gemeinsam mit Industrie- und Wissenschaftspartner*innen in verschiedenen Projekten. Eine der ersten Anwendungen dabei ist das beschriebene Projekt SALUS. »Die Infrastruktur mit den grundlegenden Datensystemen ist aber bereits so gestaltet, dass sie auch für andere Gesundheitsapps, für verschiedenste Telemedizinanwendungen sowie für die Vernetzung zwischen IT-Systemen in Arztpraxen, Kliniken und Forschungseinrichtungen flexibel angepasst und eingesetzt werden kann«, betont Berlage. Basis dafür sind Vernetzungslösungen des von Fraunhofer Forschenden und weiteren Expert*innen aus Wissenschaft und Industrie gegründeten Vereins »International Data Spaces«. Die im Rahmen dieser Kooperation definierten Vorgaben und Mechanismen für Sicherheit und Vertrauen in der Datenzusammenarbeit zwischen Unternehmen und Institutionen sind damit auch die Grundlage für den Medical Data Space, der für SALUS genutzt wird. »Wir haben die Konzepte für den Datenaustausch zunächst genutzt, um ein einsatzreifes System zu entwickeln. Dieses System wurde dann an die spezifischen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen des Medizinbereichs angepasst«, so Berlage.

Die Patient*innen stehen im Fokus

Grundlegend für jeden Austausch von Gesundheitsdaten sei vor allem, dass die Patient*innen selbst entscheiden können, wer welche ihrer Daten für welche Zwecke nutzen darf. Zentrales Element des Medical Data Space ist daher die Zugriffs- und Berechtigungsverwaltung: In ihrem Benutzerkonto können die Patient*innen im Grundsatz alle verbundenen Apps und Anwendungen einstellen und so nachvollziehen, welche Daten wie genutzt werden. »Allerdings wäre es wenig nutzerfreundlich, wenn die Betroffenen jeden Datensatz, jedes Diagnoseprotokoll, jedes Rezept oder jeden Arztbrief einzeln anklicken müssten« erklärt Berlage. Zudem sei davon auszugehen, dass in wenigen Jahren praktisch alle ein Dutzend und mehr verschiedene telemedizinische Anwendungen und Apps nutzen werden. Entsprechend groß ist damit auch die Anzahl von Anwendungen und Dateien. Um den Überblick für Patient*innen grundlegend zu erleichtern, nutzt der Medical Data Space ein Rollenmodell: Bei der Glaukom-Nachsorge mit dem SALUS-System beispielsweise vergeben die Patient*innen in ihrem Benutzerkonto die Freigabe nach Berufskategorien. Etwa für Fach- oder Hausärzt*innen oder für die Rolle »klinische Forschung«. Welche Berechtigungen die einzelnen Rollen genau besitzen, ist in der Anwendung hinterlegt. Im Verlauf der Zulassung des Systems legt ein Gremium aus Expert*innen fest, welche Daten und in welcher Form die einzelnen Rollen einsehen können. Betreuende Augenärzt*innen erhalten beispielsweise die kompletten Messdaten der Patient*innen, während für Forschungszwecke lediglich anonymisierte Kennwerte der Messergebnisse gebildet und übermittelt werden.

Intelligentes Datenmanagement statt Zentraldatenbank

Wichtig ist zudem, dass ein Missbrauch persönlicher Gesundheitsdaten verhindert wird. Der Medical Data Space ist daher nicht als System konzipiert, das auf eine einzige zentrale Datenbank zurückgreift, in der alle Gesundheitsdaten der Nutzenden gesammelt und gespeichert sind. Der Medical Data Space ist vielmehr »lediglich« als Plattform für zentrale Serverdienste angelegt, die die Verwaltung der Accounts der Patient*innen sowie einen Identifizierungsdienst umfasst. Alle Beteiligten, die auf Daten zugreifen wollen, müssen sich hier erst authentifizieren. Die Erfassung, Verarbeitung und Speicherung der konkreten Gesundheitsdaten bleiben in der Sphäre der jeweiligen Anwendung. Sie werden also dezentral beispielsweise in der Smartphone-App oder dem IT-System einer Praxis oder einer Klinik abgelegt. »Weil der Medical Data Space nur den Zugriff und Austausch einzelner Daten zwischen den Beteiligten steuert und nicht die Daten an sich beherbergt, ist ein Missbrauch kompletter Patient*innendatenbestände extrem erschwert«, sagt Berlage. Als datentreuhändisch beauftragte Personen nutzen die Systementwickler*innen Softwarekomponenten, die dafür sorgen, dass alle Beteiligten nur die der jeweiligen Rolle entsprechenden Daten abrufen können und dass die Daten vor der Übertragung entsprechend aufbereitet werden. Eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung sichert die Daten zudem auf dem Übertragungsweg ab.

Zukunftsfähige Infrastruktur für den gesamten Gesundheitsbereich

»Ziel unserer Initiative ist es, eine Vernetzungslösung für den Gesundheitsbereich aufzubauen, die zukunftsfähig ist. Das heißt, wir etablieren heute kein System, das nur die aktuell verfügbaren Anwendungen abdeckt«, betont Berlage. Der Medical Data Space sei vielmehr so flexibel gestaltet, dass er auch für Apps und Datendienste verwendbar ist, die erst in ein paar Jahren entwickelt werden. Dafür gebe es bereits Ideen und Beispiele: Ein Messengerdienst etwa, über den Ärzt*innen, Klinikpersonal oder Pflegedienste einrichtungsübergreifend kommunizieren können. Im Gegensatz zu WhatsApp und Co. könnte dieser mit dem Medical Data Space als Basis nachweislich die strengen Sicherheitsanforderungen des medizinischen Datenschutzes erfüllen. »Entscheidenden Mehrwert kann der Medical Data Space zudem für die medizinische Forschung bieten«, ergänzt Berlage. Dank seines umfassenden Datenschutzkonzepts sei es künftig möglich, persönliche Gesundheitsdaten von Patient*innen automatisiert so aufzubereiten, dass sie für medizinische Studien genutzt werden können und dürfen. Für die Forschung sind diese Daten besonders wertvoll, da es sich um Ergebnisse von Untersuchungen handelt, deren Richtigkeit von Ärzt*innen fachlich geprüft und bestätigt ist.

(stw)

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