Immer mehr elektronische Geräte zur Untersuchung, Datenerfassung und Diagnose machen das Arbeitsumfeld von Ärzten erheblich vielschichtiger und komplexer. Wie sich das erweitere Aufgabenspektrum trotzdem effizient beherrschen lässt, analysierten Forscher am Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medien MEVIS am Beispiel der Versorgung von Brustkrebspatientinnen. Im Interview spricht Dr. Markus Harz über die Ergebnisse und erklärt, wie handelsübliche Tablets im medizinischen Alltag eine Schlüsselrolle übernehmen könnten.

Hallo Herr Dr. Harz. Die Stärken des Tablets wie mobiler Zugriff aufs Internet, die Mails oder soziale Netze checken nutzen sicher auch viele Ärzte ...

… aber in der Regel nur für klassische Büroaufgaben. Die Ergebnisse unserer Untersuchungen am Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medien MEVIS legen aber nahe, dass die Einsatzmöglichkeiten viel umfangreicher sind. Dazu gehören beispielsweise die Sichtung von Patientenakten oder die Befundung der Untersuchungsergebnisse der bildgebenden Verfahren.

Aber dafür sollten doch große, hochauflösende Screens verwendet werden. Ist der Einsatz eines Tablets mit seinem kleinen Bildschirm nicht eher ein Schritt zurück?

Als Ausgabemedium für die Befundung von komplexen CT- oder MRT-Aufnahmen wäre das Tablet fehl am Platz. Wir nutzen die Geräte vielmehr als eine Art Fernbedienung, mit denen sich die Ansicht auf den Bildschirmen und die ganz unterschiedlichen Analysetools besonders einfach und intuitiv steuern lassen. Ein Beispiel: Bei der Befundung arbeiten Mediziner in der Regel mit mehreren Anwendungen und Bildschirmen gleichzeitig. Für die Interaktion über Tastatur und Maus hat jede Anwendung ihre eigene Syntax. Der Arzt muss also hin und her switchen und sich jedes Mal neu umstellen, damit er die Patientenakte durchsuchen, die MRT-Bilder auf den Screen holen, das Tumorgewebe vermessen oder Markierungen und Annotationen anbringen kann.

Touchbedienung am Tablet erleichtert dem Arzt das Handling der Softwaretools für die Analyse der Untersuchungsdaten von Brustkrebspatientinnen. Bild: Fraunhofer MEVIS

Das Tablet wird also zu einer einheitlichen Interaktionszentrale.

Nicht nur das. Über eine am Fraunhofer MEVIS entwickelte App und eine im Hintergrund laufende Integrationslösung hat der Arzt Zugriff auf den gesamten Datenbestand einer Patientin an seinem Arbeitsplatz. Auf dem Mobilgerät sind die Patientendaten auf einer Timeline angeordnet und lassen sich per Touchbedienung auswählen, auf dem gewünschten Screen anzeigen und ebenfalls über den Touch-Screen mit den am Befundungsarbeitsplatz installierten Analyse-Systemen bearbeiten. Anhand eines Demonstrators haben wir prototypisch gezeigt, wie sich der gesamte Workflow im Klinikalltag über das Tablet unterstützen und steuern lässt. Routineaufgaben wie Systemanmeldung oder Dokumentenabruf an den verschiedenen Systemen übernimmt das Tablet für den Arzt selbsttätig. Zusätzlich belegt eine von uns durchgeführte Praxisstudie, dass Ärzte die Vermessung und Markierung in den Untersuchungsbildern mit der von uns entwickelten Touchbedienung schneller und einfacher durchführen können als mit der gewohnten Interaktion über Tastatur und Maus.

Beim Fraunhofer MEVIS Konzept unterstützt das Tablet den Arzt nahtlos über die gesamte Prozesskette bei Befundung und Therapie hinweg. Bild: Fraunhofer MEVIS

Wo sehen Sie weitere Vorteile?

In der Mobilität. Die Arbeit des Arztes beschränkt sich ja nicht auf den Befundungsraum. Mit seinem Tablet hat er seinen aktuellen Arbeitsstand immer mit dabei. Am Bett seiner Patientin etwa genügt ein Fingertipp auf das Tablet, um am Großbildschirm des Zimmers das MRT-Bild anzuzeigen und ihr die bevorstehende Operation zu erklären. Die dafür notwendige Verbindung mit dem Screen stellt sein Tablet automatisch her. Zudem hat der Arzt etwa im Besprechungsraum nicht nur Zugriff auf die Patientendaten, sondern kann ohne Zwischenschritt die komplette, dort installierte Technikinfrastruktur verwenden, um mit Kollegen die Untersuchungsergebnisse und das weitere Vorgehen zu besprechen. Durch die Vernetzung mit der aktuellen Technikumgebung kann das Tablet gleichzeitig erkennen, in welcher Arbeitsumgebung sich der Arzt gerade befindet und so Umfang und Art der bereitgestellten Informationen situationsgerecht aufbereiten.

Sie sehen auch Einsatzmöglichkeiten am Operationstisch.

Eine Augmented Reality Anwendung auf dem Tablett kann dazu beitragen, die schwierige Lokalisierung des erkrankten Gewebes etwa bei einer Brustoperation zu erleichtern: Dafür erfasst die Kamera die Brust der Patientin auf dem Operationstisch. Auf dem Bildschirm des Mobilgeräts werden dann Livebild und die im Vorfeld in den Mammographie- oder MRT-Aufnahmen gesetzten Markierungen übereinandergelegt. Das allerdings ist technisch sehr anspruchsvoll, denn die verschiedenen Bilder der Brust müssen exakt übereinander liegen. Am Fraunhofer MEVIS entwickeln wir deshalb spezielle Algorithmen, mit denen wir das Verformungsverhalten der Brust berechnen können – selbst wenn sich die Patientin in den unterschiedlichen Liegepositionen befindet. Erste Tests zur Tablet-Unterstützung im Operationssaal führten wir mit unserem amerikanischen Kooperationspartner am Womens Center des Boca Raton Regional Hospitals in Florida durch.

(stw)

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Interviewpartner
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Dr.-Ing. Markus Harz
  • Fraunhofer-Institut für Digitale Medizin MEVIS
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