Das Deutsche Zentrum für Notfallmedizin und Informationstechnologie entwickelt Lösungen zur präklinischen Prozessoptimierung. Das Fraunhofer IESE betreibt hier unter anderem einen Server, auf dem die Akutkliniken in Rheinland-Pfalz aktuelle Verfügbarkeiten eingeben können. Auf diese Weise kennen Disponenten der verschiedenen Leitstellen jederzeit die nächstgelegene und aufnahmebereite Klinik. Das System wird nun derzeit um ein weiteres Tool ergänzt: Das MANV – Modul soll die verantwortlichen medizinischen Koordinatoren dabei unterstützen, einen Massenanfall von Verletzen abzuarbeiten.

Wer schwer verletzt ist, muss ins Krankenhaus. Dafür sind die rund 2.000 Krankenhäuser mit ihren insgesamt 500.000 Betten in Deutschland da. Nur: In welches kann, in welches sollte ein Verletzter gebracht werden? Denn Krankenhäuser unterscheiden sich – in ihren Kapazitäten, ihren Spezialisierungen, ihrer Personaldecke und natürlich auch in der Entfernung vom Wohn- oder Unfallort. Solche Fragen müssen also sehr häufig beantwortet werden. Allein Notärzte müssen jeden Tag knapp 6.000 Mal entscheiden, welches Krankenhaus in ihrer Region angefahren werden soll. Unter Umständen, mit dem Risiko, dass es in Sonderfällen nicht die richtige Klinik war oder das Haus ohnehin an der Belastungsgrenze arbeitet, weil Personal fehlt. Und auch die Übergabe des Patienten ist mitunter problematischer, als Laien das auf den ersten Blick annehmen würden. Denn viele Informationen liegen noch in handschriftlicher Form vor, wesentliche Daten sind nicht digital dokumentiert.

»Oft vergehen viele, wertvolle Minuten, bis eine geeignete Klinik gefunden wird. Auch werden Patienten immer wieder – sei es aus Unkenntnis oder behelfsmäßig – in Krankenhäuser transportiert, die zwar in der Nähe liegen, aber bezüglich der gestellten Diagnose nicht optimal ausgestattet sind. Das ist natürlich ungünstig. Auch, dass ein Rettungseinsatz in der Regel immer noch nur handschriftlich auf Papier dokumentiert wird, ist wenig effizient«, bestätigt Rolf Hendrik van Lengen vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE. Deshalb hat das Fraunhofer IESE gemeinsam mit dem Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern für das Bundesland Rheinland-Pfalz das »Deutsche Zentrum für Notfallmedizin und IT« (DENIT) eingerichtet.

Versorgung bei einem Massenanfall von Verletzten

Die Ziele des mittlerweile vor über zehn Jahren ins Leben gerufene Zentrum sind vielfältig. Sie reichen von der weiteren Optimierung der Prozessketten bis hin zu Stärkung der Infrastrukturen für Logistik und Kommunikation im Rettungswesen. Dazu gehört beispielsweise auch der Zentrale Landesweite Behandlungskapazitätsnachweis ZLB. Über diese webbasierte Plattform werden Daten zum Aufnahmevermögen bei den Abteilungsbetten und der klinischen Infrastruktur aller Akutkliniken in Reinland-Pfalz gesammelt und angezeigt. Für kontinuierliche Anpassungen und Verbesserungen werden sie zudem auch analysiert. Entscheidend ist dabei aber vor allem, dass die Disponenten der Rettungsdienste sowie Notärzte und Notfallsanitäter jederzeit wissen, welches Krankenhaus in der Nähe die nötige Kapazität bereitstellen kann und, dass die Prozesse verstärkt digitalisiert werden.

In einem Notfall müssen Rettungskräfte schnell entscheiden, in welches Krankenhaus ein Patient gebracht werden kann. Das am Fraunhofer IESE entwickelte Tool soll bei der Entscheidung helfen, indem es Auslastung und Kapazitäten der im Umkreis liegenden Krankenhäuser anzeigt. Bild: Fraunhofer IESE

Doch so gut das System mittlerweile funktioniert, es hat eine Grenze. Während alltägliche Notfälle nun gut koordiniert werden können, ist ein Massenvorfall wie etwa bei einem Zugunglück oder bei (mehreren parallel verlaufenden) Terroranschlägen nicht zu handhaben. »Im Gesundheitssystem haben wir es nie mit einer statischen Situation zu tun. Das gilt vor allem im Krisenfall«, betont van Lengen. Es käme je nach Vorfall im Minutentakt immer wieder zu einer neuen Datenlage, die man mit einer hohen Wahrscheinlichkeit nicht genau voraussehen könne. Beispielsweise bei der Frage, welche Klinik bei einem schweren Massenunfall auf der Autobahn aktuell angefahren werden sollte. Bei einem Massenunglück sei der übliche Krankenhaus-Alarm- und Einsatzplan nur noch eine sehr grobe Richtlinie. So könnte es beispielsweise sein, dass sich während des Klinikalarms mehr Mitarbeiter gemeldet haben, als dann tatsächlich zur Verfügung stehen, weil sie wegen blockierter Anfahrtswege nicht schnell zum Krankenhaus kommen können. Und die üblicherweise zugrunde gelegten Transportzeiten eines Patienten vom Ort X könnten sich wegen der Situation vervielfachen, so dass der Weg in ein anderes Krankenhaus sinnvoller sei. Oder es kommt zu zusätzlichen katastrophalen Ereignissen wie einem weiteren Terroranschlag. Auch das verändert das Meldebild immer wieder.

»Gerade bei Massenvorfällen gibt es eine Vielzahl von Unwägbarkeiten und verschiedene Inputgeber, so dass wir unter Umständen auch mit Parallel-Szenarien arbeiten müssen«, erklärt van Lengen. Um die Lage schneller und besser einschätzen zu können und die Leitstellen dabei zu unterstützen, die Situation möglichst umfassend zu beherrschen, entwickeln van Lengen und sein Team vom Fraunhofer IESE im Rahmen von DENIT und als Teil von ZLB das Informations-Zusatz-Modul MANV. Dieses Modul für den »Massenanfall von Verletzten« soll die bisherige »Schwachstelle« des Notfallsystems beseitigen und es optimal ergänzen.

Disposition im Katastrophenfall

»Mit diesem Tool wollen wir eine umfassende und einsichtige Visualisierung der Lage gewährleisten und so wesentlich dazu beitragen, dass Fehler bei der Disposition möglichst vermieden werden«, sagt van Lengen. Das Modul wird so programmiert, dass es in die bislang bewährten Dispositionssysteme problemlos integriert werden kann und sich bei einem Massenvorfall selbstständig zuschaltet.
Noch befindet sich die Modulentwicklung allerdings erst am Ende der Konzeptionsphase. Ein Problem dabei: »Vor allem die Datenerhebung bei rund hundert Kliniken und die Harmonisierung der Prozesse war und ist teils sehr aufwändig«, begründet van Lengen. Trotzdem können erste Tests nun voraussichtlich im Herbst beginnen. Anfang kommenden Jahres könnte es dann in Rheinland-Pfalz eingesetzt werden.

Erweiterungen im Covid-19-Ernstfall

Auch in besonderen Fällen ist das Notfallsystem des Fraunhofer IESE noch erweiterbar. Aufgrund der aktuellen Lage mit einer zunehmenden Anzahl an Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2 ist der Zentrale Landesweite Behandlungskapazitätsnachweis beispielsweise kurzfristig um die Meldung und Anzeige von Behandlungskapazitäten für Patienten mit der Diagnose COVID-19 ergänzt worden. Eine bettengenaue Erfassung sowohl der prinzipiell verfügbaren, als auch der tatsächlich belegten Kapazitäten für Intensiv- und Normalbetten ist nun möglich. Gleiches gilt für den Einsatz der Herz-Lungen-Maschinen. Diese Daten sind eine grundlegende Informationsquelle für die Disposition von COVID-19 Patienten: Sie ermöglichen jederzeit ein klares Lagebild für die Landesregierung, die Rettungsdienstbehörden, Rettungsleitstellen und Kliniken.


(aku)

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