Es ist schon eigenartig: Als der rechte Ort für die Phantasie gelten die Musik, die bildende Kunst und die Architektur. Die Technik hingegen hält man gemeinhin für die Sphäre der Datenblätter. So ist das nun mal. Aber es ist falsch. Technik ist zu wichtig, um auf Phantasie verzichten zu können.

Wir benennen schließlich geschichtliche Abschnitte nicht mehr nach künstlerischen Paradigmen wie Gotik, Renaissance oder Barock. Längst ist die Technik zur Epoche machenden Größe geworden, wie in den Begriffen Industriezeitalter und Informationsgesellschaft deutlich wird. Und am Anfang einer jeden neuen Technologie blüht die Phantasie.

Als Supercomputer noch die Leistungsfähigkeit heutiger Notebook-Rechner hatten, da grassierte die Angst vor einem IT-gestützten Big Brother. Und die Vorstellung von der sich verselbständigenden maschinellen Intelligenz, wie in HAL, dem alles wissenden Großrechner aus der Odyssee durch den Weltraum, implementiert, sie war ubiquitär. Ein Grünen-Politiker meinte damals hinsichtlich der gerade aufkommenden PCs, die Dinger seien gefährlicher als Kernkraftwerke.

Das alles war sehr, sehr hilfreich. Zwar ist keine der seinerzeitigen Angstphantasien Wirklichkeit geworden. Aber Deutschland hat deswegen eines der besten Datenschutz-Gesetze der Welt. Und das hat dazu beigetragen, dass die Akzeptanz der Informationstechnologie heute außer Frage steht.

Zu Beginn der Mikrosystemtechnik tauchte aus dem Trüben regelmäßig ein Mini-U-Boot auf. Ansonsten war es in den menschlichen Blutbahnen unterwegs, um Kalk von nikotingeschädigten Arterienwänden abzukratzen. Kein vernünftiger Techniker wäre jemals auf die Idee gekommen, so ein Vehikel tatsächlich zu bauen. Aber es machte das Potential greifbar, das in dieser Technik steckt. Na ja, und sich die minimal-invasive Chirurgie auszumalen, die heute alltäglich ist, hätte damals nicht minder phantastisch geklungen.

Dumm gelaufen ist die Sache hingegen bei der Gentechnik. Die versuchte man recht einfallslos durchzu­setzen, indem man Felder mit genmanipulierten Zuckerrüben bepflanzte, die gegen Wurzelbärtigkeit resistent waren. Die öffentliche Diskussion wäre anders verlaufen, wenn die phantastischen Möglichkeiten dieser Technologie für die Medizin im Zentrum gestanden hätte. Der Technik-Skeptiker muss erst noch gefunden werden, der sagt, man dürfe nicht in die Schöpfung in Form einer Mikrobe eingreifen, um die mittels Gentechnik dazu zu bringen, Medikamente zu produzieren.

Ein ähnliches Potential für die Medizin steckt heute übrigens in der IT. Der PetaFlOPS-Rechner wird wohl in etwa so sein, wie man sich seinerzeit HAL vorstellte. Aber er wird keine arglosen Astronauten aus dem Raumschiff schubsen, sondern brav Proteine falten.

Also: Phantasie ist ein guter Begleiter für Technik. Und deshalb soll sie künftig an dieser Stelle – in dieser Kolumne – im Mittelpunkt stehen.

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Achim Killer
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