Die Zahl der Reha-Maßnahmen steigt an. Einen Teil des Gesundungstrainings dürfen Patienten zu Hause selbst in die Hand nehmen. Damit auch dort regelmäßig eine fachliche Kontrolle möglich ist, wurde in einem Verbundprojekt das System »RehaQuantified« entwickelt. Es unterstützt Alltag und Training von Personen in Rehabilitation durch die kontinuierliche Überwachung ihrer Vitaldaten. Beteiligt am Projekt ist auch das Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS. Das Institut gewährleistet den sicheren Datenfluss zwischen den Erfassungsgeräten und dem therapeutischen Fachpersonal.

Rund eine Million Menschen in Deutschland bezogen im vergangenen Jahr Reha-Leistungen allein von der Deutschen Rentenversicherung. Und rund ein Zehntel dieser Reha-Maßnahmen dienten dem Ziel, eine möglichst umfangreiche Heilung nach Herz- oder Lungenerkrankungen zu erreichen. Das meldet die Deutsche Rentenversicherung in ihrem Jahresbericht. Und sie unterstreicht dabei, dass die Zahl der ambulanten Reha-Leistungen inzwischen 15 Prozent aller medizinischen Reha-Leistungen ausmacht. Diese in den vergangenen Jahren festgestellte Steigerung dürften viele Betroffene als vorteilhaft empfinden. Zu Hause oder zumindest in vertrauter Umgebung werden Rehabilitationsmaßnahmen meist als angenehmer empfunden – mit positiven Auswirkungen auf den Heilungsprozess.

Zweifelsohne aber hat diese Form der Rehabilitation auch einschneidende Nachteile. »Vor allem Patientinnen und Patienten, die nach einer kardiologischen Erkrankung entlassen worden sind und nun zu Hause regelmäßige Reha-Trainings durchführen sollen, fällt es schwer, ihre Belastungsgrenzen bei der Durchführung von weitergehenden Therapiemaßnahmen richtig einzuschätzen«, sagt Dr. Michael John vom Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS. Hinzu kämen dann oft noch psychologisch bedingte Bewegungshemmnisse und die Unsicherheit, die eigene Leistungsfähigkeit im Alltag richtig zu beurteilen. Ohne ärztliche oder fachliche Betreuung komme es immer wieder zu Situationen, in denen sich Betroffene über- oder auch unterbelasten. John und sein Team haben in dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) geförderten Projekt »RehaQuantified« dazu beigetragen, ein neuartiges Assistenzsystem zu entwickeln, das Patientinnen und Patienten mit Herz- oder auch Lungenerkrankungen bei der Beantwortung von Fragen zur Eigenbelastung unterstützen kann. Es trägt damit deutlich zum Gelingen häuslicher Reha-Maßnahmen bei.

Fast wie ein Tracker

Aufgebaut ist das System ähnlich wie ein klassischer Fitnesstracker. Es funktioniert mittels eines bequemen Wearables wie beispielsweise einem Shirt mit aktuell vier Sensoren. Zwei sind vorne auf Höhe der Brust angebracht, zwei am Rücken. Die von den Sensoren ermittelten Vitaldaten Herz- und Atemfrequenz, sowie Bewegungsdaten wie etwa die Anzahl der Schritte werden dann via Bluetooth oder WLAN an ein dafür autorisiertes Smartphone übertragen. Zusätzlich lassen sich die Informationen von externen Blutdruckmessgeräten sowie von Messungen der Sauerstoffsättigung in das Monitoring integrieren. Die erhobenen Daten werden auf dem Server integriert und ausgewertet. Eine auf dem Smartphone installierte »RehaQuantified«-App gibt dem Träger oder der Trägerin nun Hinweise.

Beispielsweise, die Trainingsintensität beim Joggen zu reduzieren, um den aktuell für eine Reha-Maßnahme zu hohen Puls zu reduzieren. Das System kann dabei nicht nur während des Trainings, sondern vor allem von Risikopatienten auch im Alltag getragen und eingesetzt werden. Zudem können Patienten hier ihre eigene Befindlichkeit und erspürte Symptome eintragen. Stets nutzt die App dabei Rahmendaten, die, im Unterschied zu einem konventionellen Fitnesstracker, von den betreuenden Ärzten für jeden Patienten zur Nachsorge individuell ermittelt und im System vorab hinterlegt wurden. Im Laufe der Reha-Maßnahmen wird dieser Rahmen sowie neue Zielsetzungen beispielsweise für die kommende Woche in dem gesicherten Patientenverwaltungssystem an die gesundheitlichen Fortschritte angepasst.

Neben dem situationsangepassten Live-Feedback für den Patienten übermittelt das System zusätzlich differenziertere medizinische Daten. So erhalten Ärzte und Therapeuten so einen Langzeit-Überblick über den Genesungsprozess und können auffällige Vitaldaten im Gesamtzusammenhang interpretieren.

Sensoren ermitteln Vital- und Bewegungsdaten, die später im Gesamtzusammenhang vom medizinischen Personal ausgewertet werden können. So können ambulante Reha-Maßnahmen sicherer gestaltet werden. Bild: Fraunhofer FOKUS

Sichere telemedizinische Infrastruktur

In dem Projekt, an dem auch die Kardiologische Gemeinschaftspraxis am ParkSanssouci, die Universität Potsdam, die nova motum® Services & Consulting GmbH, die GETEMED Medizin- und Informationstechnik AG und die Technische Universität Berlin beteiligt sind, ist das Fraunhofer FOKUS für den Aufbau einer sicheren, telemedizinischen Infrastruktur verantwortlich: »Unsere Aufgabe war es vor allem, die Protokolle zu entwickeln, mit denen einzelne Geräte miteinander Daten austauschen und anschließend eine sichere Datenspeicherung zu gewährleisten«, sagt Dr. John. Außerdem haben die Forscher das Patientenverwaltungssystem entwickelt, über welches das ärztliche und therapeutische Fachpersonal die patientenspezifischen Einstellungen vornehmen kann.

Bei seinen Forschungsarbeiten nutzt das Institut auch die Erfahrungen aus der Entwicklung des Tele-Rehabilitationssystems MeineReha®. Das System unterstützt die Durchführung von praktischen Übungen zu Hause – ohne, dass therapeutisches Personal anwesend sein muss. Mittlerweile hat sich daraus das Start-up Fraunhofer- eGeia GmbH gegründet. Die technische Infrastruktur aus »RehaQuantified« und MeineReha® könnte künftig auch in weiteren Projekten eingesetzt werden, die die Beanspruchung anderer Organe während der häuslichen Rehabilitation überwachen sollen, beispielsweise bei der Überwachung von Atemwegserkrankungen oder in der Nachsorge von Krebs.

Mittlerweile haben die Forschungs- und Entwicklungsteams des Verbundprojekts ihre grundsätzlichen Arbeiten abgeschlossen und einen Prototyp konstruiert. Erste Versuche zeigen den Erfolg der Entwicklung – auch wenn diese zunächst auf das Monitoring des Herzens beschränkt ist. Allerdings müssen bis zu einer möglichen Marktreife noch einige Hürden überwunden werden. Dazu gehören nebst umfangreichen Studien auch der Eintrag im Leistungskatalog des Gesundheitssystems für einen alltäglichen Einsatz, damit Ärztinnen und Ärzte sowie therapeutisches Fachpersonal ihre Arbeit mit dem System abrechnen können.


(aku)

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