Leider ist der Informationsaustausch zwischen Pflegekräften, zu Pflegenden und deren Angehörigen oft schwierig. Der Pflegealltag geht vor, gerade in der Tagespflege. Durch die häufig wechselnden Ansprechpartner*innen und die Vielfalt der Pflegebedürftigen wird es aber immer problematischer für alle Beteiligten, sich über individuelle Entwicklungen zu informieren. Im Projekt HuTiv hat ein Konsortium deshalb eine Plattform entwickelt, die Kommunikation und Koordination in der Tagespflege deutlich verbessern kann. Christopher Ruff vom Fraunhofer IAO erklärt die Vorteile. 

Hallo Herr Ruff, bei der Entwicklung der Tagespflege ist ein regelrechter Boom ausgebrochen – so jedenfalls beschreibt es die Webseite Pflegemarkt.com. Danach werden in Deutschland gegenwärtig rund 5.000 Tagespflegen mit etwa 75.000 Plätzen betrieben. Für Ende des Jahres gehen die Expert*innen von rund 5.300 Tagespflegen mit über 80.000 Plätzen aus.

Die Entwicklung ist rasant. Aber mit der Anzahl steigt auch die Anforderung an eine optimierte Koordination zwischen den Pflegekräften und bei der Bereitstellung von Informationen für Pflegende und Gepflegte.

Deshalb hat ein Konsortium aus Pflegeinstitutionen, Hochschulen und Forschungsinstituten mit Förderung des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und betreut vom Projektträger VDI/VDE Innovation + Technik GmbH das Projekt HuTiv ins Leben gerufen.

HuTiv steht für Häuslichkeit und Tagespflege innovativ vernetzt. Ziel des Projekts, an dem auch das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) beteiligt war, ist das Entwickeln von Lösungen für die zunehmenden Probleme beim Informationsaustausch zwischen den Beteiligten. Denn für das persönliche Gespräch fehlt hier leider meistens die Zeit. Und es gab bislang keinen umfassenden technischen Ansatz, um Informationen über den Zustand und das aktuelle Befinden der Gäste der Tagespflege zwischen den Mitarbeiter*innen der Tagespflege, des ambulanten Dienstes, den Angehörigen und weiteren Betreuungspersonen auszutauschen. Hinzu kommt, dass auch eine geregelte Informationsweitergabe zwischen den Mitarbeiter*innen der ambulanten Pflege und der Tagespflege selbst bei identischem Träger kaum stattfindet. Wertvolle und entscheidende Sachverhalte werden allzu oft nicht oder kaum übermittelt.

Eine erste Reaktion auf das Problem könnte das Nutzen von Messenger-Diensten und der Cloud sein.

Es gibt einige dieser handgestrickten Lösungen. Aber sie helfen weder umfassend, noch sind sie sicher oder als Standard etabliert. Wir verzeichnen deshalb eine deutliche Zurückhaltung, den dritten oder vierten Messenger für pflegende Kolleg*innen downzuloaden, und dann alles zum Beispiel per Mail an jemanden weiterzuleiten, der diesen Dienst nicht nutzt oder nicht über die technische Ausstattung verfügt.

Deshalb sind Sie bei der Entwicklung der Plattform ganzheitlich vorgegangen. 

Wir hatten das Ziel, hier alle wesentlichen Services unterzubringen. Vom Schwarzen Brett über Organzier bis zu Checklisten beispielsweise für Ausflüge oder den Chat. Besonders wichtig und anders als bei den meisten handgestrickten Provisorien aber war uns auch die Anbindung an eine führende Pflegedokumentationssoftware. Auch deshalb ist – neben der Universität Stuttgart, den Johannitern, der Keppler-Stiftung und Usability-Experten von YOUSE auch der Pflegesoftwareanbieter euregon mit im Konsortium. Doppeldokumentation für einerseits eine vorhandene professionelle Software und andererseits für die Cloud, OneNote oder WhatsApp wollten wir vermeiden. Denn das bedeutet mehr Sicherheit, mehr Übersicht und eine leichtere Abarbeitung organisatorischer Aufgaben.

Haben Sie bereits praktische Erfahrungen mit HuTiv gesammelt?

Natürlich. Wir hatten einen Prototypen mit App für Android- und Apple-Geräte erfolgreich im Einsatz. Auch eine Erweiterung auf Web-Technologie wäre problemlos. Aber wir wollten das Angebot noch erweitern und beispielsweise auch den Einsatz von Sensoren integrieren. Über sie lassen sich beispielsweise Schlafqualität oder Stürze registrieren. Über HuTiv könnte dann Alarm ausgelöst und Hilfe informiert werden. Mit Sensoren an den Schuhen lässt sich beispielsweise auch die Gehweise von Pflegebedürftigen analysieren und feststellen, wie stark sie ihre Füße noch abheben oder ob sie eher schlurfen. So können Pflegedienstleister mehr über deren Sturzrisiko erfahren.

Welche Aufgaben hat das Fraunhofer IAO im Projekt übernommen?

Das Institut hat sich unter anderem um die ethischen Fragestellungen gekümmert. Dazu gehören beispielsweise Überlegungen zum Einsatz dieser Sensoren. Denn wir wollen Pflegedienstleister und vor allem die zu Pflegenden unterstützen, nicht aber zu gläsernen Patient*innen machen. In verschiedenen Workshops haben wir mögliche Gefahren identifiziert und Lösungsansätze geschaffen, um Datensparsamkeit und -sicherheit zu gewährleisten. Ein Ergebnis beispielsweise war, keine Sprachassistenten einzusetzen.

Parallel dazu waren Sie auch für die Anforderungsanalyse verantwortlich…

Wir haben uns dabei vor allem darauf konzentriert, das System immer wieder an die Bedürfnisse und Interessen anzupassen. Über Interviews haben wir ermittelt, was noch fehlen könnte und umgekehrt, was wir weglassen sollten, weil es das System überfrachtet. So kamen wir zu einer Lösung, die insgesamt sieben Funktionen empfiehlt. Eine „Überblick“-Ansicht mit aktuellen Informationen, eine Kalenderfunktion, eine Kontakte-Funktion, eine Instant Messaging-Funktion, eine Pflegetagebuch-Funktion, eine Gesundheitsstatus-Funktion, die Sensordaten aggregiert und aufbereitet und eine „Wissensmanager“-Funktion, in der Dokumente abgelegt und verschlagwortet werden. All diese Funktionen werden gut angenommen und könnten nun zur Weiterentwicklung des Systems beitragen.

(aku)

Keine Kommentare vorhanden

Das Kommentarfeld darf nicht leer sein
Bitte einen Namen angeben
Bitte valide E-Mail-Adresse angeben
Sicherheits-Check:
Zwei + = 3
Bitte Zahl eintragen!
image description
Interviewpartner
Alle anzeigen
Christopher Ruff
  • Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
Weitere Artikel
Alle anzeigen
Mein Gesundheitsnetz. Meine Datenhoheit.
Technische Brücken für ländliche Lücken
Passt wie gedruckt
Stellenangebote
Alle anzeigen