Im ländlichen Raum wird es zunehmend schwierig, bei der Gesundheitsversorgung eine ausreichend hohe Qualität zu gewährleisten. Das liegt nicht nur an der Landflucht vieler hochqualifizierter Arbeitskräfte, die zu einem Nachwuchsmangel in Praxen und Pflegeeinrichtungen geführt hat. Es liegt auch an den weiten Wegen, die Versorgungsdienste zurücklegen müssen. Um die medizinische und pflegerische Betreuung der Menschen besser unterstützen zu können, entwickeln und testen drei nordbayerische Gemeinden und ein Fraunhofer-Team nun digitale Vernetzungslösungen und intelligente Assistenzsysteme.

Bis vor zwei Jahren praktizierten im nahe der oberfränkischen Stadt Kronach gelegenen Oberen Rodachtal sechs Hausärzt*innen. Aktuell sind es noch fünf, allerdings nur, bis die nächsten der Mediziner*innen in den Ruhestand gehen. Gleichzeitig werden bis zum Jahr 2028 mehr als ein Drittel der rund 10.000 Einwohner*innen in der Region älter als 65 Jahre sein. Die Sicherung der Gesundheitsversorgung ihrer Bürger*innen hat für Bürgermeister*innen, Stadt- und Gemeinderät*innen von Nordhalben, Steinwiesen und Wallenfels, der drei Gemeinden im Oberen Rodachtal, daher hohe Priorität. Deshalb wollen sie zum einen die Arbeit der Landärzt*innen durch kommunale Maßnahmen unterstützen. Und zum anderen die Betreuung hochbetagter und pflegebedürftiger Personen in ihrem häuslichen Umfeld verbessern.

Enabler dafür soll die digitale Vernetzung zwischen Patient*innen, Arztpraxis und Pflegedienst und der Einsatz technischer Assistenzsysteme für die Wohnungen von Senioren*innen und Pflegebedürftigen sein. Gemeinsam mit Wissenschaftler*innen der Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS des Fraunhofer IIS und dem Caritasverband für den Landkreis Kronach e. V. haben die Gemeinden dazu das Projekt »DIGI-ORT – Digitales Gesundheitsdorf Oberes Rodachtal« initiiert. Das Vorhaben ist eines von fünf Modellprojekten der »Digitales Dorf«-Initiative der Bayerischen Staatsregierung und wird vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege gefördert.

Gesundheitsnetzwerk ohne Zentralserver und Cloudanbindung

Zentrales Element des DIGI-ORT-Konzepts ist eine vom Fraunhofer-IIS entwickelte digitale Plattform. Sie ist die Zentrale, um ein sicheres Netzwerk zwischen der Wohnung von Senioren*innen und Pflegebedürftigen und ihren Ärzt*innen und dem Pflegedienst einzurichten. Über verschiedene Schnittstellen können zudem herstellerunabhängig verschiedenste Geräte in die Plattform eingebunden werden. Vom digitalen Blutdruckmessgerät, über Smartwatches oder Unterstützungssysteme aus den Bereichen Ambient Assistet Living (AAL) und Smart Home. Von automatischer Lichtsteuerung und Herdabschaltung bis zu Sensoren zur Sturzerkennung.

Die gesamte digitale Plattform basiert auf dem sogenannten DIGI-ORT-HomeDataGateway und der zugehörigen Vernetzungslösung. Das HomeDataGateway ist ein kompakter Server, den die Projektpartner direkt vor Ort in den Wohnungen der Projektteilnehmer*innen installieren. Sämtliche Daten des oder der jeweiligen Nutzer*in werden ausschließlich lokal gespeichert und verarbeitet. »Da wir die Daten aller angebundenen Systeme weder an einen zentralen Server noch in einen Cloudspeicher übertragen, können wir sowohl Datenschutzkonformität als auch ein Höchstmaß an Datensouveränität garantieren«, betont Dr. Andreas Hamper vom Fraunhofer IIS.

Datensouveränität in der Praxis ermöglichen

Im Zweifel ließe sich einfach der Stromstecker am HomeDataGateway ziehen und damit von dem oder der einzelnen Nutzer*in sicherstellen, dass auf seine oder ihre in der Wohnung gespeicherten Gesundheitsdaten niemand mehr zugreifen kann. »Von dieser Möglichkeit hat allerdings noch keiner unserer Proband*innen Gebrauch gemacht«, erzählt Hamper. Denn jede der hochbetagten und pflegebedürftigen Personen, die das DIGI-ORT-System derzeit im Oberen Rodachtal verwenden, weiß sehr detailliert, was mit den Daten passiert und kann selbst bestimmen, welche Vernetzungen und Dienste er zulassen will. »Das Ziel unseres Systems ist, ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung zu erleichtern oder sogar erst ermöglichen – dazu muss zwingend auch die Fähigkeit zur Selbstbestimmung über die Daten gehören«, betont Hamper. Das Konzept des digitalen Gesundheitsdorfes umfasst daher nicht nur die Entwicklung und Bereitstellung der digitalen Technologien dazu. Teil des Projekts ist auch, Vorgehensweisen zu erproben, wie selbst Hochbetagte ohne Vorerfahrung die Funktionsweise und den Umgang mit der Digitaltechnik lernen und verstehen können.

Gemeinsam mit Mitarbeiter*innen des Pflegedienstes der Caritas sowie einem ehrenamtlichen Begleitdienst betreuen die Forscher*innen jeden DIGI-ORT Testhaushalt individuell. Eine schrittweise Vorgehensweise hat sich dabei bewährt: Zunächst erhält ein*eine Proband*in beispielsweise ein digitales Blutdruck- oder Blutzuckermessgerät und lernt die Auswertung der gemessenen Werte auf einem Tablet aufzurufen. Ist er oder sie mit den digitalen Geräten erst einmal vertraut, erklärt das Betreuerteam, wie der oder die Hausarzt*Hausärztin oder der Pflegedienst die Werte auch ohne persönlichen Hausbesuch abrufen können. Gemeinsam mit dem oder der Proband*in richtet die Betreuung dann – soweit gewünscht –die entsprechende Vernetzung und Datenfreigaben ein. Für jede Datenübertragung aus der Wohnung heraus verwenden die Systementwickler der Vernetzungsplattform im Web etablierte Verfahren und Sicherheitsstandards.

Gemeinsame Plattform für Gesundheitsversorgung und Smart Home

»Nach und nach werden wir mit unseren Proband*innen in den Testhaushalten eine breite Palette an verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten erproben«, so Hamper. Unter anderem sei der Einsatz textilintegrierter Sensorik geplant (zum Beispiel das vom Fraunhofer IIS entwickelte CardioTEXTIL), die ein Vitaldatenmonitoring während der Nacht und im Alltagrhythmus ermöglichen. Zudem wollen die Projektpartner Sensorsystemen zur Sturzerkennung und Alltagsaktivität dazu nutzen, dass in entsprechenden Notsituationen über das HomeDataGateway der Pflegedienst oder Angehörige informiert werden können. In Zusammenarbeit mit den Hausärzt*innen und dem mobilen Pflegedienst im Oberen Rodachtal untersucht das Forscher*innenteam, wie sich die digitale Vernetzung mit den Patient*innen und Pflegebedürftigen für eine effizientere Gestaltung von Arbeitsabläufen nutzen lässt.

(ted)

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