Ob neue Technologien unser Leben verändern oder unser Leben sich ändert und die Technologie sich anpasst, ist eine Henne und Ei Frage. Klar ist jedoch, dass diese Entwicklungen Hand in Hand gehen. Die Alterung der Gesellschaft, verstärkte Abwanderung in die Städte aber auch die größere Mobilität der Menschen sind Faktoren, auf die sich etwa die Medizin IT einstellen muss. Vor allem die Übertragung von Patientendaten und die Telemedizin sind Themen, die viel diskutiert und an verschiedenen Stellen entwickelt und gefördert werden. Nicht nur in Deutschland, sondern auch auf europäischer Ebene.

In einer Umfrage von TNS Infratex im Auftrag von Microsoft gaben 80 Prozent der Befragten an, dass moderne IT die Kommunikation zwischen Hausarzt, Fachärzten und Patienten vereinfachen und die Versorgung in ländlichen Regionen verbessern könnte. Letzteres kann durch die Telemedizin – ein Beispiel für den Einsatz von Medizin IT – erreicht werden. Telemedizin soll einerseits die medizinische Versorgung in dünn besiedelten Gebieten sichern und andererseits dem demographischen Wandel Rechnung tragen. Auch für chronisch Kranke könnte eine Fernüberwachung große Erleichterung bringen. Telemedizin wird speziell vom Bundesministerium für Gesundheit durch die eHealth-Initiative gefördert. Diese soll Vorgaben für den Aufbau eines Informations- und Unterstützungssystems für Anwendungen der Telemedizin erarbeiten. Die Telemedizin soll Bestandteil der medizinischen Regelversorgung in Deutschland werden. Mit der Entwicklung der Telemedizin befasst sich auch ein neues Projekt der Uni Flensburg. Der Schwerpunkt liegt dort auf der Bekämpfung der Abwanderung von Ärzten aus ländlichen Regionen. »Ich bin fest davon überzeugt, dass wir durch den Einsatz moderner Kommunikationsmethoden wie Tele-Konsultation und Tele-Monitoring der Abwanderung des ärztlichen Personals im ländlichen Raum entgegenwirken können«, sagt Prof. Dr. Bosco Lehr von der Fachhochschule Flensburg.

Doch die Medizin IT ist ein weites Feld. Sie beginnt schon beim Einsatz eines Computers in der Praxis und endet keineswegs bei der 3D-Darstellung von Kiefern zur besseren Anpassung von dritten Zähnen oder von Operationsverläufen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat gerade ihren Aufruf zum jährlichen Kompendium für eHealth-Lösungen gestartet, das sich lediglich auf den Einsatz von Informations- und Kommunikationslösungen beschränkt. Allein die Liste an Lösungen aus diesem Bereich umfasst laut WHO 25 Einsatzfelder, die von der Geburtsvorsorge bis zum Verwalten von Patientenakten reichen. Die Möglichkeiten der Medizin IT sind also noch lange nicht ausgeschöpft. »Es [gibt] in einem Umfeld, in dem Patienten unentwegt Papier von Arzt zu Arzt tragen und in dem wahrscheinlich sogar noch mehr gestempelt, beklebt, gelocht und abgeheftet wird als bei der Post, auf Jahre genug Spannendes zu tun«, sagt Dr. Jörg Caumanns, Leiter der Abteilung Sichere Business-IT-Infrastrukturen am Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST.
Dabei haben die eHealth-Lösungen, die mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechnolo-gien entstehen, vor allem etwas mit Vernetzung und in gewisser Weise mit Globalisierung zu tun. Telemedizin verbindet auf lokaler Ebene Ärzte und Patienten, die elektronische Fallakte (www.fallakte.de) soll den Datenaustausch zwischen Fachärzten vereinfachen und die elektronische Gesundheitskarte die Verwaltung von Patientendateien erleichtern. Das soll in absehbarer Zeit auch auf europäischer Ebene möglich sein. Zum Beispiel durch das Projekt »epSOS«, an dem das Fraunhofer ISST beteiligt ist. Ausgeschrieben lautet der Projekttitel »Smart Open Services for European Patients«. Das Projekt will der voranschreitenden Freizügigkeit in der Europäischen Union Rechnung tragen. »Die Herausforderung liegt darin, die Patientenakten aus einem Land zuverlässig und sicher in anderen Staaten nutzbar zu machen«, erklärt Jörg Caumanns.

Außerdem befasst sich das Projekt mit elektronischen Rezepten, die dafür sorgen sollen, dass EU-Bürger in jedem Land problemlos an ihre Medikamente kommen. Das Projekt läuft bereits seit 2008 und könnte gerade neue Relevanz erhalten haben. Denn die EU gründete Ende letzten Jahres das eHealth-Netzwerk nach Maßgabe einer neuen Richtlinie. »Diese Richtlinie zielt darauf ab, Regeln zu schaffen, die den Zugang zu einer sicheren und hochwertigen grenzüber-schreitenden Gesundheitsversorgung in der Union erleichtern und die Patientenmobilität im Einklang mit den vom Gerichtshof aufgestellten Grundsätzen gewährleisten«, heißt es im Text. Die Richtlinie sieht vor, die Gesundheitssysteme der EU-Mitgliedsstaaten zueinander kompatibel zu machen und damit jedem EU-Bürger überall Zugang zu medizinischer Versorgung zu gewährleisten. »Interoperable digitale Gesundheitssysteme können helfen, die Sicherheit und Effizienz der Behandlung von Millionen von Europäern zu verbessern«, sagte EU-Kommissarin Neelie Kroes anlässlich der Gründung des eHealth-Netzwerkes.

IT wird in Zukunft in der Medizin also eine immer größere Rolle spielen, vor allem, weil sich die medizinische Versorgung den Veränderungen in unserem Leben anpassen muss. Die Mobilität der Patienten und die sinnvolle Zusammenführung von Daten stellen dabei eine besondere Herausforderung dar. Vor allem für die Informations- und Kommunikationstechnologien. (kda)

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