Unterm Strich:
56,9 Millionen = erwartete Anzahl der weltweiten Nutzer von Handy-TV Ende 2008
38,5 Millionen = Rückgang der Besucherzahlen in deutschen Kinos seit 2002
84% = Anteil der Bundesbürger, die wochentags zwei Stunden oder mehr fernsehen
1,5 = Anzahl der Kinobesuche pro Einwohner und Jahr
4.830 = Anzahl der Kinoleinwände in Deutschland Ende 2007

Seit die „Bilder laufen lernten“, haben die Entwickler von Aufnahme- und Projektionstechnologien für Film und Fernsehen ein gemeinsames Ziel: Sie wollen erreichen, dass die Bilder auf der Leinwand den Zuschauer so in ihren Bann ziehen, als wäre er live dabei. Um Naturphänomene ebenso wie gesellschaftliche oder politische Ereignisse so authentisch wie möglich wiedergeben zu können, wurde die Bild- und Tonqualität in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter optimiert. Mit hohem technischem und finanziellem Aufwand präsentierten einzelne Spezialkinos an wenigen Beispielfilmen die Grenzen des technisch Machbaren. Allerdings erinnern derartige Attraktionen oft noch an technische Spielereien auf Ausstellungen oder gar Jahrmärkten – alltagstauglich sind sie bislang nicht. Neue Aufnahme- und Wiedergabetechnologien der Fraunhofer-Institute FIRST, HHI und IDMT eröffnen nun neue Möglichkeiten, wie das immersive Erleben – also das „Eintauchen“ in die audiovisuelle Welt – einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden kann. Damit sich dabei für die Anbieter auch die Investitionskosten in Grenzen halten, kommen neuartige Software-Lösungen und handelsübliche PC-Technologien zum Einsatz.

Lange Schlangen vor der Kinokasse nicht nur zum Kinostart von Hollywood-Blockbustern gehören wohl oder übel der Vergangenheit an. Damals, in der Blütezeit des Kinos Ende der 50er Jahre, waren allein in Westdeutschland 7.000 Lichtspielhäuser in Betrieb. Mehr als 800 Millionen Besucher im Jahr sahen Klassiker mit Doris Day, Ava Gardner oder Gregory Peck. Auch wenn 20 Jahre später eine neue Generation von Schauspielern kaum weniger Attraktivität entwickelt haben dürfte, fand sich nun nur mehr rund jeder achte an der Kinokasse ein – das allabendliche Fernsehprogramm hatte sich zwischenzeitlich zur Lieblingsunterhaltung der Deutschen entwickelt. Dennoch hat die Faszination des intensiven Erlebens einer bewegenden Geschichte oder einer eindrucksvollen Naturdokumentation auf einer großen Leinwand bis heute seinen Reiz nicht verloren. Im Gegenteil: Mit einer neuen Generation von Kinotechniken, die gestochen scharfe Bilder und einen 3D- Raumklang gewährleisten, war es dem Kino bislang gelungen, sich gewinnbringend zu behaupten. Mit seiner technischen Qualität hatte es teilweise sogar einen neuen Kultstatus erreicht. So gelang es den seit 1990 bundesweit eröffneten Multiplex-Kinos mit neuer Technik wie großen, teils gekrümmten Leinwänden im Cinemascope-Format und THX-Systemen wieder deutlich mehr Zuschauer in ihren Bann (und damit an die Kinokassen) zu ziehen. Heute aber steht das Kino erneut am Scheideweg: Das liegt zum einen daran, dass sich die Seh-Interessen vieler Deutscher weiterhin verändern. Ein gutes Beispiel dafür ist der teils immense Zuspruch, wenn Filme oder Veranstaltungen in „Live-Atmosphäre“ auf Großleinwänden gezeigt werden. Dazu zählen Übertragungen von Opernaufführungen unter freiem Himmel ebenso wie die vor allem seit der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland und der Europameisterschaft in diesem Jahr zum „Kult“ gewordenen Fanmeilen. Allein beim „public-viewing“ im Herzen Berlins verfolgten eine halbe Million Menschen gemeinsam das Spiel der Deutschen Elf im Finale der Europameisterschaft. Ein einzigartiges und intensives Erlebnis von Kinohighlights bieten zusätzlich jedes Jahr quer durch ganz Deutschland rund 400 Open-Air-Kinoveranstaltungen. Die größten davon haben Platz für rund 10.000 Zuschauer und zeigen die Lieblingsschauspieler im Großformat auf etwa 300 Quadratmeter Leinwand. Mit solchen Extras können klassische Lichtspielhäuser nicht aufwarten, selbst wenn sie noch vor einigen Jahren in Kino Hightech investiert haben. Hinzu kommt, dass auch der vermeintliche technische Vorsprung gegenüber dem Unterhaltungsangebot in den Wohnzimmern in den letzten Jahren deutlich sicht- und hörbar geschmolzen ist. Der Trend für das eigene Heim geht zum Home-Cinema mit immer größeren Bildschirmen, Fernseh- und Filmgenuss in HD-Qualität und mit perfektem Surround-Sound. Und mit der Blue-ray-Disc können Filme in einer Detailtreue auf dem Fernsehbildschirm wiedergegeben werden, wie dies bislang nur auf der Kinoleinwand möglich war. Die Folgen zeigen sich auch an den Kinokassen: Die Besucherzahl hat sich in den vergangenen fünf Jahren um ein Viertel reduziert. Für die Betreiber wird es also höchste Zeit nach technischen Möglichkeiten zu suchen, um die Einmaligkeit eines Kinobesuchs zu unterstreichen, Kunden zurück zu gewinnen oder sich neue Kundenkreise zu erschließen.

Ein Raumerlebnis, bei dem sich das Gehör des Zuschauers mitten in die Geräuschkulisse hineinversetzt fühlt, wie es seit Jahren selbstverständlich ist, soll künftig auch für das Auge möglich sein. Dafür ist es nötig, eine Leinwandfläche zu bespielen, die das gesamte Gesichtsfeld des Zuschauers erfasst. Diese Grundidee ist zwar nicht neu. Rundumprojektionen lassen sich heute etwa in den entsprechend ausgestatteten Planetarien erzeugen. Bisher war dazu allerdings ein aufwändiges und teures Spezialequipment nötig. Die Voraussetzungen für die jetzt entwickelten neuen Wiedergabetechnologien # wurden mit der Digitalisierung der Kinotechnik geschaffen. Filmmaterial, Projektor und Projektionsfläche stellen seither keine festverbundene Einheit mehr dar, die von der Medienproduktion bis zur Vorführung als Konstante berücksichtigt werden muss. Alle notwendigen Abstimmungsprozesse zwischen dem Filmmaterial und der Vorführumgebung werden von einem Computer errechnet und gesteuert. Eine nahezu beliebige Anzahl von Standardprojektoren lässt sich damit so steuern, dass deren Teilbilder zu einer Gesamtprojektion zusammengesetzt werden, die von den Zuschauern als 180 Grad oder auch einer Rundum-Präsentation erlebt wird. Auch wenn dafür aufwändige Berechnungen nötig sind, um beispielsweise Verzerrungen auszugleichen, wird keine teure Hardware benötigt: Es genügt, wenn mehrere Standardcomputer zu einem Rechencluster zusammengeschlossen werden. Eine Renaissance könnten die flexibel einsetzbaren Computerprogramme auch dem 3D-Film ermöglichen. Schon in der ersten großen Kinokrise versuchten die Lichtspielhäuser sich als „größte Illusionsmaschine der Welt“ gegen die Konkurrenz des Fernsehens mit dem Filmerlebnis in drei Dimensionen zu behaupten. Mit der analogen Vorführtechnik waren dafür noch zwei Filmkopien und zwei Projektoren notwendig. Ein wirklich überzeugender 3D-Genuss war damit kaum zu erreichen: Denn die bewegten Bilder von Zelluloid-Filmen auf der Leinwand stehen niemals ganz still. Wegen der mechanischen Bewegungen beim Abspulen im Projektor zittern sie stets etwas auf und ab, wodurch die beiden Stereobilder praktisch nie absolut exakt aufeinander ausgerichtet werden konnten. Mit dem Film von der Festplatte lassen sich diese Probleme nun endgültig lösen und dieselbe technische Kinoausstattung parallel sowohl für normale Vorführungen wie auch 3DFilme nutzen. Vor allem Animationsfilme werden derzeit in digitaler 3D-Technologie produziert. Und für die Vorführung dieser Filme besitzen bereits über 1.000 Kinos allein in den USA ein entsprechend vorbereitetes Equipment. Um zusätzlich auch Realfilme in 3D # selbst auf gesichtfeldfüllenden Leinwänden zeigen zu können, wird derzeit auch die dafür benötigte Aufnahmetechnik entwickelt. Denn mit den bisherigen stereoskopischen Lösungen kann nur ein normaler Kamerablick und damit ein Bild für eine normale Frontleinwand auf die Festplatte gebannt werden. Auch hier arbeiten die Entwickler mit Standardkomponenten, so dass teure Spezialoptiken und -geräte nicht nötig sind: Die Aufnahmen mehrerer kleiner HD-Kameras werden softwaregesteuert auf virtuelle Kameramittelpunkte exakt im Augenabstand eines natürlichen Betrachters ausgerichtet und können so zu einem Abbild des natürlichen Sichtfelds eines Menschen zusammengesetzt werden. Neuentwickelte Softwareprogramme verarbeiten die dabei anfallenden Datenmengen und speichern den fertigen Film auf einer Festplatte. Leistungsfähige Kompressionsverfahren # verringern die Größe der Dateien so weit, dass mit der gesichtsfeldfüllenden Aufnahmetechnik nicht nur Spielfilme produziert werden können, sondern künftig auch Live-Übertragungen in immersiven Kinoumgebungen in 3D möglich werden sollen. Für den erneuten Innovationssprung in den Kinos sind die im Hintergrund arbeitenden echtzeitfähigen Programme eine Grundvoraussetzung. Gleichzeitig bieten sie aber auch für das Home-Cinema im Wohnzimmer die Basis zur Erreichung neuer Qualitätsmaßstäbe. Sie erlauben noch bessere Bildauflösungen bei der Fernsehübertragung und bringen neue Unterhaltungsangebote für die Zuseher wie etwa das mobile Überallfernsehen auf Handy oder Laptop. Die Konkurrenz um die Gunst der Zuseher bleibt daher auch mit den neuen Möglichkeiten der Informationstechnologie weiter spannend, allerdings – und das ist auf jeden Fall bereits ein Gewinn für den Endkunden – bei immer höherer Qualität der bewegten Bilder.

Keine Kommentare vorhanden

Das Kommentarfeld darf nicht leer sein
Bitte einen Namen angeben
Bitte valide E-Mail-Adresse angeben
Sicherheits-Check:
Zwei + = 10
Bitte Zahl eintragen!
image description
Experte
Alle anzeigen
Christian Weißig
  • Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik Heinrich-Hertz-Institut HHI
Julia Edling
  • Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT
Mirjam Kaplow
  • Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS
Weitere Artikel
Alle anzeigen
Expo 2020 in Dubai
Vernetzte Produktion – einfach über IP
Livehaftig – Wenn Orte verschmelzen
Stellenangebote
Alle anzeigen