Fernbedienung, Chips und Kaltgetränk. Bereit für den Fanabend. Wer allerdings seinem Lieblingssport jenseits quotenstarker Wettbewerbe frönen will, sucht nach Liveübertragungen oft vergebens – sowohl im TV als auch auf den Streaming-Plattformen oder im Web. Der Grund: Live-Berichterstattungen sind aufwändig und teuer. Sportdisziplinen mit kleinerer Fangemeinde, Regionalsport und die aufstrebenden E-Sportsparten bleiben deshalb ungesendet und ungesehen. Eine europäische Technologie-Plattform soll das nun ändern.

Als am 9. September 2021 in Athen die Fahrer*innen der FIA World Rally Championship (WRC) auf die historische Rennstrecke rund um die Akropolis gingen, waren ihre E-Sports-Kolleg*innen bereits im Ziel. Am Vortag hatten die Finalist*innen der esports WRC Championship 2021 im Olympia-Velodrom von Athen ihren Sieger auf diesem virtuellen, aber authentischen Kurs bereits ermittelt. Mit dabei am (virtuellen) Streckenrand waren Forscher*innen vom Projekt »COPA EUROPE«. Die beiden Sportereignisse waren für sie der ideale Rahmen, ein Vorhaben der internationalen Forschungsinitiative zu präsentieren: Bis in zwei Jahren werden Forscher*innen des Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik, Heinrich-Hertz-Institut, HHI gemeinsam mit acht Partnerorganisationen aus Europa und Israel eine Plattform aufbauen, über die kleine und größere Streaming-Anbieter sowie auch Sportveranstalter selbst live und umfassend von sportlichen Ereignissen berichten können.

Das Projekt wird von der EU im Rahmen des Programms »Horizon 2020« gefördert, um neben mehr Öffentlichkeit für verschiedenartige Events klassischer Sportarten auch den E-Sport medial zugänglicher zu machen. Denn bislang ist vielen Veranstalter*innen und Anbieter*innen der technische und finanzielle Aufwand für Live-Berichterstattungen zu hoch. Allein die Ausgaben für einen mobilen Regieraum mit Satellitenverbindung und das umfangreiche Studioequipment gehen in der Regel in die Hunderttausende.

Live-Übertragung zum Streamen

Wenn Ü-Wagen direkt neben dem Zieleinlauf parken, ist das deshalb (noch) ein unverkennbares Zeichen dafür, dass hier ein Sportereignis von Rang geboten ist. Live berichtet wird in der Regel nur im Rahmen der linearen Ausstrahlung der Fernsehsender. Der Sendeplatz bleibt dann aber den quotenstarken Sportarten oder den großen, nationalen und internationalen Sportevents von Landesmeisterschaft über Europacup bis Olympiade vorbehalten. Die Übertragung von Sportevents mit weniger Interessierten oder E-Sportereignissen, die ihre Fangemeinde gerade erst aufbauen, bleibt außen vor. Obwohl es auch für solche Events Übertragungsmöglichkeiten gäbe. Zwar nicht im klassischen, linearen TV, aber als Live-Übertragungen auf Abruf, als nichtlineare Streaming-Angebote in den Mediatheken, auf den Streaming-Plattformen oder direkt auf den Webseiten der Veranstalter. »COPA EUROPE wird diese Vertriebswege erschließen und die Situation für Live-Übertragungen deutlich verbessern. Wir wollen Sportinteressierten nicht nur technisch den Weg ebnen für eine kostengünstige Berichterstattung, sondern auch neue Formen der Interaktivität möglich machen«, erklärt Wojciech Samek vom Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik, Heinrich-Hertz-Institut, HHI.

Mobilfunknetz statt Ü-Wagen

Deshalb wollen die Forscher*innen auf das satellitengebundene Übertragen so weit wie möglich verzichten und durch Streams über das schnelle 5G-Netz ersetzen. Um die über das neue Mobilfunknetz transportierte Datenmenge zu reduzieren und Latenzen zu verkürzen, entwickelt das Projektteam unter anderem cloudbasierte Algorithmen zur Komprimierung und für das Datenmanagement. Die Tools werden auf dem 5G Mobilfunk Testfeld erprobt, welches Fraunhofer HHI und das Innovationscluster 5G Berlin zwischen dem Gebäude des Fraunhofer HHI und dem Campus der Technischen Universität Berlin betreiben. Mittlerweile sind die Übertragungsverfahren so erfolgreich, dass sogar das deutlich langsamere, aber aktuell noch weit verbreitete LTE-Netz genutzt werden kann – wenn auch mit geringerer Performance. 

»Ein Sportevent als einfachen Live-Stream anzubieten, würde allerdings kaum ausreichen, um Fans zu interessieren«, so Samek. Mitreißend werde das Angebot erst in Kombination mit Kommentaren, Hintergrundinformationen und Reaktionen der Fans. COPA EUROPE bietet den Veranstalter*innen deshalb die Möglichkeit, weiteren Content einzubinden. Es soll es beispielsweise möglich werden, das Handy als Second-Screen zu nutzen, um explizite und mit dem Event verknüpfte Social-Media-Posts der Fan-Community mitzuverfolgen. Oder die Nutzer*innen können aus unterschiedlichen Tonspuren wählen. Etwa, um einen oder eine Profi-Kommentator*in zu hören, oder sich von einer leidenschaftlichen Fan-Kommentierung mitreißen zu lassen. Parallel dazu können über die Plattform auch Informationen zu Mannschaften, Athlet*innen und den Spiel- und Rennständen mit den Live-Streams verknüpft bereitgestellt werden. 

Individuell auf die Nutzenden zugeschnittene Vielfalt 

»Der Vielfalt an zusätzlichen Streaming-Angeboten zu jeder einzelnen Live-Sportübertragung sind dabei zwar kaum Grenzen gesetzt, trotzdem sehen wir hier ein Problem«, sagt Samek. Denn eine (Über-)Fülle an Möglichkeiten werde schnell unüberschaubar und erzeuge unter Umständen eher Frust als Lust bei den potenziellen Zuseher*innen. Über die Plattform könne deshalb auch neuartiges und individualisierbares Empfehlungssystem genutzt werden, das die Forscher*innen bei Fraunhofer HHI gerade entwickeln. Wichtig ist Samek dabei, dass die dafür eingesetzte Recommendation Engine sorgsam mit den Daten umgeht und »gläserne Zuseher*innen« ausschließt. Im Gegensatz zu den Empfehlungssystemen vieler anderer Streaming-Anbieter*innen nutzt das Team um Samek deshalb eine Methode, die auch ohne das zentrale Sammeln und Speichern der Nutzer*innendaten gute Ergebnisse liefert.

»Wir arbeiten mit dem Prinzip des Federated Learning, bei dem die Informationen zu Seh- und Nutzungsgewohnheiten auf dem Gerät der Nutzerinnen und Nutzer bleiben. Statt die Daten auf die Server zu übertragen, um damit eine KI zu trainieren, schicken wir die KI zum Training zu den Nutzer*innen der Plattformangebote«, erklärt Samek. Auf den Servern der Plattform wird das KI-Modell dazu zuerst in eine kompakte, leicht transferierbar Form gebracht. Dieses schickt das System dann an das Gerät eines oder einer Nutzer*in, wo es die Vorlieben beim Zugriff der über die Plattform zur Verfügung gestellten Angebote analysiert. Damit – so Samek – erreichen wir nicht nur einen zurückhaltenden Umgang mit persönlichen Daten, wir können über die rückgemeldeten Sehgewohnheiten von tausenden Zuschauer*innen unsere KI trotzdem äußerst effektiv trainieren und so unser Angebot weiter verbessern. Außerdem werde so auch das Clustern von Gruppen mit spezifischen Vorlieben und Interessen erleichtert. Streaminganbieter können also spezifische Angebotspakete schnüren und zielgruppengerecht Werbung zu platzieren. Denn auch wenn die Übertragung nun kostengünstiger werden kann: Geld kostet sie weiterhin. 

(ted)

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Dr. Wojciech Samek
  • Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik Heinrich-Hertz-Institut HHI
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