Die nachhaltige Weiterbildung von Mitarbeitern stellt vor allem kleine und mittelständische Unternehmen vor ein Problem: Denn in der Regel wird jede Arbeitskraft gebraucht und es fehlen die nötigen Freiräume, um einen oder mehrere Kollegen auf mehrtägige Veranstaltungen zu schicken. Forscher am Fraunhofer ISST arbeiten daher an Möglichkeiten, die Weiterbildung in den Arbeitsalltag zu integrieren. Ihre e-learning Plattform »HANDELkompetent« bietet Mitarbeitern je nach Kompetenzniveau und Aufenthaltsort spezifische Lerneinheiten, die sich in wenigen Minuten absolvieren lassen.

Wer erfolgreich sein will, muss sich weiterentwickeln. Das gilt für jede Branche und gleichermaßen für Arbeitnehmer und Unternehmen. Doch das ist besonders für kleine und mittelständische Unternehmen leichter gesagt als getan. Viele Arbeitgeber stehen dem Thema Weiterbildung zwar sehr aufgeschlossen gegenüber. Schließlich verändert sich auch für die Unternehmen vieles durch neue Medien und die Auswirkung der Digitalisierung. Doch wenn ein Betrieb nur wenige Mitarbeiter hat, ist es nicht so einfach auf einen von ihnen für ein oder zwei Tage zu verzichten und ihn zu einer Weiterbildungsveranstaltung zu schicken. Bernhard Holtkamp vom Fraunhofer Institut für Software- und Systemtechnik ISST drückt es so aus: »Die meisten Unternehmer haben kein Motivations- sondern ein Personalproblem. Ist ein Mitarbeiter auf einem Workshop, dann fehlt er im Betrieb.«

Wie groß dieses "Weiterbildungsproblem" in Deutschland mittlerweile ist, zeigen aktuelle Zahlen: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts beschäftigen hierzulande rund 99 Prozent aller Unternehmen maximal zehn Mitarbeiter. Davon fast ausnahmslos betroffen ist der Einzelhandel: »Hier die Kompetenzen jedes einzelnen Mitarbeiters weiterzuentwickeln, sichert die Überlebensfähigkeit des Unternehmens, unabhängig von der Altersstruktur und von der Größe des Betriebs. Allerdings gilt dasselbe auch für die möglichst durchgängige Anwesenheit der Mitarbeiter im Unternehmen.« Holtkamp und sein Team arbeiten deshalb an Verfahren, mit denen sozusagen »zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen« werden: Die Präsenz der Mitarbeiter im Unternehmen, die trotzdem die Gelegenheit haben, an Weiterbildungsmaßnahmen teilzunehmen.

Möglich werden soll dies mit Hilfe der e-Learning Plattform »HANDELkompetent«. Im Gegensatz zu vergleichbaren Plattformen nutzt das Angebot vor allem kurze Zeitabschnitte im laufenden Arbeitsprozess, um auf Tablets kleine Lerneinheiten zu vermitteln. Dabei werden die einzelnen Einheiten individuell auf die lernenden Mitarbeiter zugeschnitten. Zudem werden sie beim Lernen regelmäßig und persönlich betreut.

Der Pate und das Tandem helfen

Zunächst werden für jeden der beteiligten Mitarbeiter Kompetenzprofile und die Lernziele erstellt. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit einem Kompetenzpaten. »Das kann ein geschulter Mitarbeiter im Unternehmen sein oder jemand von der Berufsgenossenschaft oder der Industrie- und Handelskammer, der mit dem System vertraut ist«, erklärt Holtkamp. Danach verfolgt das System den Lernfortschritt automatisch: »Es weiß, welche Module schon absolviert wurden und welche auf dem Pfad noch zu erledigen sind«. Auch bei der Benutzung der Eingabegeräte bleiben die Mitarbeiter nicht alleine. Sie bilden sogenannte Tandems, in denen beispielsweise jüngere Mitarbeiter den älteren beibringen, wie ein Tablet zu bedienen ist.

Dank der Tablets können Mitarbeiter immer dann lernen, wenn sich die Gelegenheit bietet. »Hat ein Mitarbeiter beispielsweise fünf Minuten Leerlauf, weil gerade kein Kunde im Laden ist, kann er eine Lerneinheit konsumieren«, betont Holtkamp. Der Clou dabei: Das System stellt eine passende Auswahl an Lernangeboten bereit, die sich in der Zeit auch absolvieren lassen. »Es entfällt also die Suche nach einer zu dem Zeitraum und der entsprechenden Situation passenden Lerneinheit«, weiß Holtkamp. Wenn beispielsweise Zeit für eine Lerneinheit vorhanden ist, sich im Laden aber Kunden befinden, die bereits bedient werden, wird auf dem Tablet kein vertontes Video abgespielt.

HANDELkompetent erkennt Ort und Situation

Um HANDELkompetent die dafür nötige »Umsicht« vermitteln zu können, nutzen die Forscher ein System zur Positionsbestimmung. Dafür werden in den Räumen des Unternehmens sogenannte Beacons installiert. Diese Einheiten sind etwa halb so groß wie ein Hühnerei und senden ein Bluetooth Signal aus. So wird einerseits der Ort des Tablets bestimmt, andererseits auch der Ort selber definiert, also beispielsweise Verkaufsraum, Lager oder Pausenraum. Über das Tablet wird zudem auch die Lautstärke der Umgebung erfasst und so ausgewählt, welche Lerninhalte an dieser Stelle sinnvoll konsumierbar sind. Danach stellt HANDELkompetent dem lernenden Mitarbeiter eine kleine Auswahl an Lernangeboten zur Verfügung, die er anklicken kann.

Die Forschungen zu HANDELkompetent werden aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Weitere Projektpartner sind: Qualitus GmbH, Systemkonzept GmbH und die Zentralstelle für Berufsbildung im Handel e.V. (jmu)

Keine Kommentare vorhanden

Das Kommentarfeld darf nicht leer sein
Bitte einen Namen angeben
Bitte valide E-Mail-Adresse angeben
Sicherheits-Check:
Sechs + = 6
Bitte Zahl eintragen!
image description
Experte
Alle anzeigen
Dr. Bernhard Holtkamp
  • Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST
Weitere Artikel
Alle anzeigen
Lernen mit Hand und Fuß
Mobile, Blended und Game Based Learning
Innovationen – Aber wie?
Stellenangebote
Alle anzeigen