Die Stadt gehört den Bürger*innen. Sie wollen und sollen sich bei der Gestaltung ihrer Straße und ihres Kiezes engagieren. Dafür aber brauchen sie moderne und spezifische Beteiligungsformate. Das Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS hat im Rahmen des Projekts KiezRadar neue Wege bürgernaher Partizipation erprobt und eine App für mehr Bürger*innenbeteiligung entwickelt, bei der spätere Nutzer*innen schon bei der Entwicklung des Tools mit einbezogen waren. Im Interview erklärt Projektleiterin Susanna Kuper Hintergründe und Ergebnisse. 

Hallo Frau Kuper, das Projekt KiezRadar haben Sie nach zweijähriger Laufzeit im März offiziell abgeschlossen – und auch wenn es pandemiebedingt noch einige Veranstaltungen geben wird: Wie ist Ihr Fazit?

Unser Ziel war es, gemeinsam mit Bürger*innen eine App zu entwickeln, die auf Entwicklungen und Ereignisse im eigenen Kiez aufmerksam macht. Erste wichtige Schritte dahin sind wir gegangen. Wir haben gezeigt, was möglich ist.

Sie hatten bereits einen Prototyp im Einsatz.

Wir wollten die Usability testen und konnten unter anderem bereits eine Schnittstelle zu mein.berlin.de integrieren. mein.berlin.de ist ein Angebot zur Bürger*innenbeteiligung des Landes Berlin. Interessierte finden hier Informationen über Projekte der Berliner Verwaltung und können eigene Ideen und Anregungen einbringen. Und im Bezirk Reinickendorf können wir zusätzlich eine Kooperation mit dem dortigen Quartiersmanagement nutzen. Beides sind frei zugängliche, öffentliche Angebote, über die wir die Daten unserer App beziehen. Die Daten können dann genutzt werden, um über aktuelle Angebote und Beteiligungen im Kiez zu informieren. Zur Anzeige nutzt die App dann entweder eine Listen- oder eine Kartenfunktion mit Umkreissuche. Und natürlich können Sie einzelne Zeitabschnitte und Themenbereiche filtern und so gezielt nach einzelnen Veranstaltungsarten oder Ereignissen suchen.

Dabei geht es nicht um Konzerte, Galerien oder den Hinweis auf Restaurants. Ziel der App ist ein anderes.

Richtig. Uns geht es darum, diejenigen Standorte innerhalb des eigenen Wohnbezirks anzuzeigen, über die sich hier lebende Bürger*innen informieren und sich beteiligen können. Denken Sie an städtische Planungen, bei denen Sie sich einbringen wollen. Oder aber an Baustellen, wo sie sich über Ziel und Auswirkung des Bauprojekts informieren wollen, um an der nächsten öffentlichen Sitzung des Bezirks teilzunehmen. Unsere Datenbank umfasst mittlerweile tausende derartige Angebote in Berlin. Wo die Bürgerinnen und Bürger bislang umständlich beispielsweise Ratsinformationssysteme durchforsten mussten, können Sie nun einfach diese App nutzen.

Ein Problem dabei ist, dass Sie mit der App nur denjenigen Bürgerinnen und Bürgern die Partizipation erleichtern, die ohnehin  interessiert sind. Sie werden also kaum neue Gruppen zur Teilhabe bewegen.

Wir erreichen zunächst diejenigen, die sich die App installieren. Aber die eigentliche Initialzündung für eine höhere Breitenwirkung erwarten wir auch durch die Ereignisse an sich: Wenn Sie mitbekommen, dass gegenüber eine Parkanlage gebaut wird, ist die Hürde nun geringer, sich zu informieren und sich an der Entwicklung zu beteiligen. Die App macht Partizipation einfacher und niedrigschwelliger. Insbesondere für die Leute, die sich vielleicht sonst eher nicht beteiligen würden.

Kann ich die App bereits ausprobieren?

Wenn Sie ein Android-Smartphone nutzen und in Berlin sind. Über näheres informiert unsere Webseite. Aber es handelt sich - wie gesagt – erst um die Test-App. Es ist in unserem Interesse, weitere Plattformen und Datenbanken anzubinden, um die Angebotsstruktur noch deutlich zu erweitern. Außerdem wollen wir zusätzliche Funktionen wie etwa eine Benachrichtigungsfunktion implementieren.


Sie haben bei der Entwicklung sehr frühzeitig auf Input durch die Bevölkerung gesetzt.

Wir haben über die Berliner Quartiersmanagements, Vereine und Social Media Bürgerinnen und Bürger dazu aufgerufen, sich an einem Workshop zu beteiligen. Ziel war es, Ideen zu sammeln und festzuhalten, was die Bürger*innen sich eigentlich wünschen. Einige der Ideen wie beispielsweise die, dass nach einer Radtour alle Punkte mit Beteiligungsmöglichkeiten angezeigt werden, haben wir auch auf unserer Webseite veröffentlicht. Parallel dazu haben wir– Corona-bedingt virtuell - auch mit Verwaltungsmitarbeiter*innen zusammengearbeitet und mit rund 20 Teilnehmenden Nutzer*innentests durchgeführt. Daneben gab es natürlich auch technische Hürden, die wir überwinden mussten. Zum Beispiel im Bereich der Qualität der Daten und der Schnittstellen.

Was bleibt nun - nach dem Projekt?

Wir hoffen auf eine Weiternutzung und eine Weiterentwicklung. Beispielsweise durch Privatinitiativen oder die Stadt Berlin. Und natürlich lässt sich das Konzept auch auf andere Städte übertragen.

(bet)

 

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Interviewpartner
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Susanna Kuper
  • Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS
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