Im »Deutschland-Index der Digitalisierung« gibt das Kompetenzzentrum Öffentliche IT (ÖFIT) Antworten auf zentrale Fragen zum Status Quo der Digitalisierung in der Bundesrepublik. Damit ist der Index eine wichtige Grundlage, um regionale Stärken und Schwächen bei der Digitalisierung zu identifizieren und Handlungsbedarf aufzuzeigen. Im Interview fasst Projektleiterin Nicole Opiela vom Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS die wichtigsten Ergebnisse zusammen.

Hallo Frau Opiela, Sie sind federführende Autorin des »Deutschland-Index der Digitalisierung 2017«, der vom Kompetenzzentrum Öffentliche IT des Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS herausgegeben wird. Wenn jemand weiß, wie es in Deutschland um die Digitalisierung bestellt ist, dann wissen Sie es …

… und vermutlich wollen Sie darauf nun eine Antwort haben. Aber es ist schwierig, diese Frage zu beantworten. Denn es ging uns nicht darum, eine Art Digitalisierungs-Ranking aufzustellen. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Deutschland in Bezug auf die allgemeine Digitalisierung im Mittelfeld Europas spielt. In einigen Bereichen, wie zum Beispiel dem E-Government, haben wir aber noch sehr starken Nachholbedarf.

Das Problem mit einem Ranking ist vermutlich auch, dass die Regionen in Deutschland sehr diversifiziert betrachtet werden müssen?

Wir haben uns mit sechs größeren Themenfeldern auseinandergesetzt: der Infrastruktur, dem Bereich digitales Leben, Wirtschaft und Forschung, Bürgerservices, digitale Kommune und Bildung. Zusätzlich haben wir übergreifende Zusammenhänge herausgearbeitet. Überall gibt es teils große Unterschiede, wenn Sie die einzelnen Bundesländer miteinander vergleichen. Generell lässt sich aber sagen, dass die ostdeutschen Flächenländer tendenziell schlechter versorgt sind als die westdeutschen. Die Stadtstaaten stechen hingegen positiv heraus.

Der Deutschland-Index der Digitalisierung hat es sich aber nicht nur zur Aufgabe gemacht, den Status Quo zu erfassen.

Genau. Eines unserer wesentlichen Ziele ist es, den Begriff der Digitalisierung greifbarer zu machen: Was ist das überhaupt? Welche Lebensbereiche trifft die Digitalisierung? Wir haben versucht, die unterschiedlichen Vorstellungen, Einflüsse und Möglichkeiten der Digitalisierung in Deutschlandkarten darzustellen. Was dabei herauskommt, ist eine optisch deutliche Verzerrung der normalen geographischen Größenverhältnisse. Denn die Relation der einzelnen Bundesländer zueinander verschiebt sich, wenn wir beispielsweise nach Fördersummen, Studienanfängern und Studienanfängerinnen der Informatik oder nach Haushalten mit guter Breitbandversorgung fragen. Aber gerade diese Ergebnisse ermöglichen uns weiterführende Fragestellungen. Wieso beispielsweise gibt es besonders viele Informationsfreiheitsanfragen in Brandenburg? Der Index ist also auch gedacht, die Neugierde zu wecken und neuartige Zusammenhänge zu finden.

Vieles orientiert sich nicht an den Grenzen der Bundesländer, sondern verschiebt sie. Hier zum Beispiel: Sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in der IKT (Fläche) und Fachkräftemangel in der IT (Einfärbung) Bild: Kompetenzzentrum Öffentliche IT (CC BY 3.0)

Diese Verzerrungen sind auch über ein spezielles Online-Tool unter www.oeffentliche-it.de/digitalindex einsehbar.

Jedem sollen die Ergebnisse zugänglich sein. Und wir wollen allen Interessierten ein Instrumentarium an die Hand geben, mit dem sie spielerisch umgehen können. So können sie mehr über regionale Besonderheiten in Bezug auf die Digitalisierung erfahren.

Was sind die zentralen Ergebnisse Ihrer Studie?

Von den vielfältigen Ergebnissen haben wir sieben wesentliche Erkenntnisse im Fazit zusammengefasst: Erstens zeigt sich die Bedeutung der digitalen Infrastruktur insbesondere dort, wo sie schwach ist. Das bedeutet zum einen, dass eine solide Grundversorgung mit hohen Übertragungsgeschwindigkeiten absolut notwendig ist. Ist diese aber vorhanden, zahlen sich darüberhinausgehende Investitionen nicht mehr im gleichen Maße aus. Zweitens bewegt sich die Nutzung digitaler Angebote in Deutschland insgesamt auf hohem Niveau. Drittens gefährdet der Fachkräftemangel in der IKT-Branche die Wirtschafts- und Innovationsstärke Deutschlands. Viertens wird der Wunsch nach einer digitalen Verwaltung immer selbstverständlicher. Trotzdem aber haben wir – fünftens – noch ein vergleichsweise geringes Angebot an Online-Verwaltungsdienstleistungen. Sechstens: auch kleinere Kommunen können ein attraktives, digitales Angebot bereitstellen. Und siebtens: die Potenziale digitaler Bildung werden in Deutschland noch nicht annähernd ausgeschöpft. Mehr Informationen erhalten alle Interessierte unter http://oeffentliche-it.de/digitalindex, wo sie die aktuelle, fast 50 Seiten umfassende Studie auch herunterladen können. Im kommenden Jahr wird hier dann auch die geplante Neuauflage zu finden sein.

Eine praktische Frage: um beispielsweise den Stand der Dinge im Bereich digitale Bürgerbeteiligung abzufragen, mussten Sie vermutlich bei den Städten und Gemeinden vor Ort vorstellig werden. Wie groß war der Aufwand?

Wir haben über 300 kommunale Webportale analysiert. Dafür haben wir spezifische Anliegen formuliert, die jeweilige Präsenz in den sozialen Medien untersucht und die Möglichkeiten der Bürger ausgewertet, auf kommunale digitale Services zurückzugreifen.

Sie haben dabei auch ein paar Skurrilitäten aufgespürt, die Sie als Epilog Ihrer Studie kurz andeuten.

Natürlich sind einige der aufgeführten Aussagen auch amüsant. Dazu gehört beispielsweise das Angebot, auf einem Portal zwar nicht online bezahlen zu können, aber den Screenshot der Online-Überweisung zuzumailen. Oder die Option, Briefe zu scannen, um sie dann digitalisiert abzubilden. Auch stellt sich mitunter die Frage, wo der Nutzen für die Bürger sein soll, wenn man auf der Webseite einer Kommune die Hintergrundfarbe frei wählen kann. Viele Punkte führen aber auch einfach zu einem unnötigen Mehraufwand für die Bürgerinnen und Bürger. Dazu gehört zum Beispiel das Fehlen von Suchmaschinen für das jeweilige Angebot. Und Weiterleitungen, die eher in eine Endlosschleife als zum Ziel führen. Oder Dienstleistungen, die nur bei der Eingabe eines exakten Begriffs zu finden sind: Wer seinen Wagen also neu zulassen will, muss sich zwischen N wie Neuzulassungen, Z wie Zulassung, K wie Kfz oder P wie PKW entscheiden und hoffen, das richtige gewählt zu haben, um einen Treffer zu landen. Letztlich aber zeigen die Angebote einerseits das Bemühen vieler Kommunen um mehr Digitalisierung und Bürgerfreundlichkeit. Andererseits aber auch die noch bestehenden Optimierungspotenziale bei der Umsetzung von Angeboten zum E-Government auf kommunaler Ebene. (aku)

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Nicole Opiela
  • Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS
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