Die IT-Branche ist doch immer wieder erstaunlich. »Allen Menschen ist es gegeben, sich selbst zu erkennen«, formulierte einst Heraklit (540 – 475 v. Chr.). Und seitdem zerbrechen sich die Philosophen den Kopf über ihre Identität und die ihrer Artgenossen. Zweieinhalb Jahrtausende später kommt dann die Computerindustrie daher, sagt sie habe die Sache im Griff und macht ein Geschäft daraus. IAM (Identity and Accessmanagement) nennt jenes sich.

Es ist schon heftig, wie in dem Business gesprochen wird. Vom Provisioning von Identitäten ist da etwa die Rede, was klingt, als solle ein flüchtiger Krimineller mit falschen Papieren ausgestattet werden. Oder: multiple Identitäten. Nein, das stammt nicht aus dem epochemachenden Werk von Paul Eugen Beuler „Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien“, sondern ist ein Begriff aus dem IAM.

Beim Identity and Accessmanagement geht es um den »Lebenszyklus der Identität von deren Einrichtung über die Modifikation und Suspendierung bis zur Terminierung«, wie es im Wikipedia- Artikel zum Thema heißt. Da schaudert einen doch. Die Suspendierung und die Terminierung!

Der Psychologe betrachtet Identitätsverlust als eine der größten Katastrophen überhaupt. Im Rechenzentrum hingegen scheint, ihn herbeizuführen, eine Routineaufgabe zu sein. Aber was soll‘s. Das Geschäft mit der IAM-Software boomt. Die Berater verdienen gut. Es werden immer mehr neue Technologien ins IAM eingebunden. Und ein regelmäßiger Kongress dazu wird ebenfalls bereits veranstaltet. Alles, was einen Wachstumsmarkt halt so auszeichnet.

Der Kongress findet übrigens in Bayern statt. Und die Bewohner dieses Bundeslandes hatten noch nie irgendwelche Identitätsprobleme, gar nie nicht, wie sie es ausdrücken würden. Und zur Prophylaxe geht man dort in den Biergarten, welcher im Freistaat eigenwilliger Weise Keller heißt. Dort kauft man sich eine Mass - eine ebenfalls originär bayerische Art, Bier zu sich zu nehmen.

Jene Mass betrachtet man zunächst wohlgefällig, bevor man sie zum Munde führt. Man kann in ihr durchaus den formschönen Ausdruck der Wir-Identität im Sinne von Norbert Elias (1897 – 1990) sehen. Dann nimmt man einen Schluck, ruht in sich und denkt: »Mir san mir«. Die wohl prägnanteste Ausformulierung des Leibnizschen Identitätsprinzips. - Es würde dem Geschäft mit der IAM-Software bestimmt keinen Abbruch tun, wenn man dabei eine ebenso ausdrucksstarke und identitätsstiftende Sprache sprechen würde, wie sie im Bierkeller gepflegt wird.

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Achim Killer
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