Mit der Gründung des »Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft« in Berlin hat in Deutschland ein wichtiger Think-Tank zur Technikfolgenabschätzung seine Arbeit aufgenommen. Schwerpunkt der Aufgaben des Deutschen Internet-Instituts wird es sein, aktuelle gesellschaftliche Veränderungen zu untersuchen, die sich im Zusammenhang mit der Digitalisierung abzeichnen. Daraus sollen künftige politische und wirtschaftliche Handlungsoptionen abgeleitet und diskutiert werden. Im Interview erläutert Gründungsdirektorin Prof. Ina Schieferdecker die Notwendigkeit des Instituts im Zuge aktueller technischer Entwicklungen.

Hallo Frau Prof. Schieferdecker. Sie sind eine der drei Gründungsdirektoren des neuen »Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft«, an dem auch das von Ihnen geleitete Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS beteiligt ist. Wie wichtig die Gründung ist, zeigt wohl auch der Umstand, dass derzeit kaum ein Wirtschaftsteil in den Zeitungen oder eine Technikbeilage ohne das Schlagwort »digitale Transformation« auskommt.

Das stimmt, dass Thema wird in den Medien zu Recht breit diskutiert und auch darüber aufgeklärt. Leider wird aber teilweise mit der Angst gespielt: Die digitale Transformation sei etwas, was einfach geschieht und deshalb schlicht hingenommen werden muss. Ich finde das einen fatalen Ansatz. Gerade weil die Digitalisierung so machtvoll daherkommt und alle Arbeits- und Lebensbereiche beeinflusst, müssen wir uns klarmachen, dass wir die Gestaltungsoption haben. Und diese sollten wir auch bewusst wahrnehmen. Hier sehe ich auch den Kernauftrag für die rund 120 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unseres Instituts: Wir machen es uns zur Aufgabe, die Entwicklung und die Konsequenzen der Digitalisierung im Sinne des technisch-sozialen Fortschritts mitzugestalten.

Das Institut hat Joseph Weizenbaum als Namenspatron.

Ich hatte das Glück, diesen großartigen Internetpionier und Informatiker noch persönlich erleben zu dürfen. Zumal er in seiner Berliner Zeit eine Art Vorläufer unseres jetzigen Instituts mit aufgebaut hat. Vor allem aber war Joseph Weizenbaum einer derjenigen, der frühzeitig auf die gesellschaftlichen Implikationen der Digitalisierung hingewiesen und versucht hat, den gesellschaftlichen Diskurs in Gang zu bringen.

Wo würden Sie das Institut ansiedeln? Eher im technischen Bereich oder eher auf der gesellschaftskritischen und sozialen Seite?

Die Aufgaben unseres Instituts sind im Wesentlichen sozioökonomisch-technisch getrieben. Wir wollen gesellschaftlich grundlegende Elemente wie Vertrauen, Sicherheit, Privatheit und Selbstbestimmung in einer vernetzten Gesellschaft stützen. Das aber bedeutet auch, dass die Technik das Fundament für alle unsere Diskurse bildet. Nur so können wir beispielsweise Richtlinien formulieren, an denen sich Entwicklungen und Angebote des Internet der Dinge und softwarebasierter Systeme orientieren können.

Ein grundsätzlicher Aspekt dabei dürfte auch sein, die gesellschaftlichen und ethischen Grenzen technischer Entwicklungen zu finden.

Richtig. Uns geht es nicht um das technisch Machbare, sondern um das gesellschaftlich Sinnvolle. Das impliziert aber auch die grundsätzliche Frage, ob es überhaupt Grenzen für die technische Entwicklung geben soll. Und falls wir tatsächlich eine Grenze ziehen würden, stellt sich immer noch das Problem, ob wir wirklich alle bereit sind diese Grenze einzuhalten.

Auf welchen Gebieten halten Sie Überlegungen zu einer »Grenzziehung« für besonders wichtig?

Gute Beispiele sind die Bereiche Künstliche Intelligenz und Datenökonomie. Hier liegen immense Potenziale. Aber die Fülle an attraktiven und zukunftsweisenden Möglichkeiten sollte uns nicht dazu verführen, alle Bedenken vorschnell wegzudiskutieren und technischen Errungenschaften beispielsweise dem Datenschutz vorzuziehen. Erreichen werden wir nur etwas, wenn es uns auch gelingt, Privatheit und Selbstbestimmung zu stärken. Vielleicht müssen wir sogar einen Schritt weitergehen und uns zurückholen, was uns wegen einiger verlockender technischer Angebote von Großkonzernen en passant verlorengegangen ist. Wir müssen uns die Gefahren technische Entwicklung bewusstmachen und die Mittel kennen und nutzen, mit denen wir uns und andere regulatorisch, prozessural oder auch technisch schützen können. Nur so werden die Vorteile der Digitalisierung auch Vorteile bleiben.

Aber es gibt noch eine andere Grenze: der überzogene Skeptizismus oder zumindest eine fehlende Technikakzeptanz.

Natürlich wird es auch unsere Aufgabe sein, über die Vorteile und Chancen technischer Entwicklungen zu sprechen und das Bewusstsein dafür zu stärken, wie wichtig beispielsweise in der Aus- und Weiterbildung nicht nur ein kritischer Umgang mit neuen technischen Lösungen ist, sondern wie naiv es wäre, sich der technischen Entwicklung aus Prinzip entgegenzustellen. Innovative Technik ist qua definitionem weder vorteilhaft noch Teufelswerk. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Es wird unsere Aufgabe sein das Finden dieser Mitte zu unterstützen.

Erkenntnisse wie diese wissenschaftlich auszuarbeiten und Schlussfolgerungen zu ziehen ist das eine. Etwas anderes ist es aber, diese Ergebnisse »nach draußen« zu bekommen.

Auf unserer Agenda steht das Forschen zu den Themen Arbeit und Innovation, Verträge und Verantwortung auf digitalen Märkten, Governance und Normsetzung, Technikwandel, digitale Bildung sowie Partizipation und Öffentlichkeit. Für all diese Bereiche ist die Aufgabe des Transfers so etwas wie eine Präambel unseres Instituts-Tagebuchs. Aber vielleicht ist der Begriff Transfer sogar noch zu kurz gegriffen: Es geht darum, die Interaktion zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft neu zu beleben. Ein Anker dafür könnte beispielsweise eines unserer angestrebten neuen Formate sein: die Weizenbaum-Challenges. Zu diesen OpenLabs werden Menschen eingeladen, um mit uns aktuelle Fragen zu diskutieren und Piloten zu eruieren. So wollen wir Anregungen dafür sammeln, wie man soziotechnische Probleme angehen könnte. Salopp könnte man sagen: Wir wollen Weizenbäume pflanzen, die dann gesamtgesellschaftlich Früchte tragen sollen.

Was heißt das konkret?

Wir sind noch im Anfangsstadium. Ein Grundkonzept ist es, Kandidaten aus sechs Forschungsbereichen zu benennen. Diese sollen dann gemeinsam in und mit beispielsweise der Open Knowledge Foundation oder auch dem Verband kommunaler Unternehmen oder anderen der insgesamt 28 Netzwerkpartner aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft im Weizenbaum-Verbund zusammenarbeiten. So wollen wir einerseits eine bessere Vernetzung schaffen und andererseits die Gesellschaft mit in den Diskurs einbeziehen.

Etwas, was das Institut auszeichnet, ist die starke Fokussierung auf die Interdisziplinarität.

Hier war uns das Fraunhofer FOKUS ein fast schon geniales Vorbild. Ich denke, dass ein Großteil der dort erzielten teils fantastischen Ergebnisse auch damit zusammenhängt, dass wir beispielsweise im Open Government-Labor 80 Partner unterschiedlichster Couleur und Fachrichtungen zusammenführen oder für das Thema öffentlichen Sicherheit ein heterogen aufgestelltes Kompetenzzentrum bespielen. Ein Kommunikationswissenschaftler, ein Designer, ein Jurist oder ein Politologe reagiert anders auf die Herausforderungen des digitalen Wandels als wir Techniker. Diese Diversivität zu nutzen empfinden wir als ausgesprochen bereichernd. Sie wird deshalb auch die Zusammensetzung der 20 Forschungsgruppen des Instituts mitbestimmen.

Die Gründungsveranstaltung für das Institut war im September 2017. Wo steht das Team im September 2027?

Bis dahin sind wir hoffentlich ein sehr selbstständig agierendes Institut, das in der Welt zumindest bei den einschlägigen Stellen bekannt ist. Wir sind dann hoffentlich der deutsche Knoten in einem Netzwerk international agierender Internet-Institute. Und wir haben bis dahin eine Vielzahl von Anregungen und Antworten auf Fragen geliefert, die wir heute noch gar nicht kennen

(aku)

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Prof. Dr. Ina Schieferdecker
  • Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS
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