Die Informationstechnologie ist der entscheidende Faktor, um dem ländlichen Leben eine Perspektive zu geben. Gerade hier bietet eine Vernetzung intelligenter Software und Systeme, die alle Bereiche des täglichen Lebens betrifft, ein enormes Potenzial. Deshalb sollte IT nicht nur bei der Entwicklung von Smart Cities genutzt werden. Sie muss auch nicht-großstädtische Regionen attraktiv und zukunftsfähig machen. Über die »Geburtsstunde« dieser »Smart Rural Areas« informiert Dr. Mario Trapp vom Fraunhofer IESE im Interview.

Guten Tag Herr Trapp. Unsere Städte sollen cleverer werden. Zukunftsforscher sagen, dass wir nur so unsere Versorgung, Mobilität und unseren Komfort energieeffizient und nachhaltig organisieren können.

So sinnvoll und auch technisch herausfordernd das Konzept der Smart Cities ist: Warum sollten wir uns bei Fragen der intelligenten Verknüpfung von Energie, Mobilität, Kommunikation, Gesundheit und Sicherheit nur auf die Städte konzentrieren?

Städte sind »Melting Pots«. Hier leben die meisten Menschen.

Wir haben uns die Einwohnerstatistik genauer angesehen. Nach der Klassifikation der EU lebt in Deutschland gerade mal ein Drittel der Einwohner städtisch! Der Großteil der Bevölkerung – also zwei Drittel – lebt in halbstädtischen und dünn besiedelten Regionen. Das steht im Gegensatz zur landläufigen Meinung. Eigentlich meinen Wirtschaftsunternehmen und viele Forscher zudem wohl eher smarte Metropolen als smarte Städte. Aber derartige Metropolen gibt es in Deutschland kaum. Um es etwas provokant zu formulieren: In Deutschland findet das Leben und Arbeiten nach wie vor in kleineren Städten beziehungsweise auf dem Land statt.

Und deshalb hat das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE einen neuen Forschungsschwerpunkt auf »Smart Rural Areas« gelegt?

Genau. Als Ergänzung zum bislang viel zu wenig erforschten Bereich des Lebens der Zukunft in ländlichen Regionen. Durch eine intelligente Infrastruktur beispielsweise bei Versorgung und Mobilität wollen wir zeitgemäße Lebensqualitäten auf dem Land ermöglichen. Das hat zusätzlich den Vorteil, dass sich Menschen, die derzeit gezwungenermaßen ihre Zukunft in der Stadt sehen, eine neue Perspektive in kleineren Städten oder auf dem Land eröffnet.

Es gibt – vor allem seitens der Bundesregierung und der Landesregierungen – bereits eine erkleckliche Anzahl von Initiativen, die versuchen, die Lebensbedingungen auf dem Land zu verbessern.

Allerdings spielte hier die IT immer eher eine untergeordnete Rolle. Aber wir wissen, dass gerade die Informations- und Kommunikationstechnik ein großer Hebel bei der Verbesserung der Wohn- und Arbeitssituation ist. Denken Sie an Schlagworte wie autonomes Fahren, um die Mobilität zu verbessern, oder an logistische Hürden etwa bei beim Postversand, die sich mit mehr ›Intelligenz‹ besser überwinden lassen. 

Da müssten Sie etwas konkreter werden …

… Es gibt Überlegungen, wie der Personennahverkehr oder auch Busse einen Teil des Pakettransports übernehmen könnten. Wenn wir Personenverkehr und Logistik streckenweise miteinander verknüpfen, lassen sich Kosten senken und die Versorgung kann verbessert werden. Hier kann die IT als eine treibende Kraft genutzt werden. Oder denken Sie an Drohnen, die die Paketauslieferung in abseits gelegenen Gegenden deutlich effizienter machen könnten.

Gibt es Beispiele auch aus anderen Bereichen?

Nehmen wir die Gesundheit: Ein großes Problem auf dem Land und in kleineren Städten ist ja die so genannte Ärzteflucht.

...Sprich: Es fehlen Ärzte in unmittelbarer Nähe. Die Versorgung hat sich deutlich verschlechtert.

Eine der Haupttodesursachen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dabei können wir heute durch eine Überwachung der Patienten mit entsprechender Sensorik präventiv arbeiten und die akute Gefahr von Herzinfarkten oder Schlaganfällen besser einschätzen. Monitoringtechniken erlauben es uns also, Reaktionszeiten deutlich zu verkürzen – was gerade auf dem Land ein gewichtiger Vorteil ist. Ein anderes Beispiel ist die Einrichtung von Mikrokliniken, in denen geschulte Leute arbeiten. Sie können erste Untersuchungen vornehmen und die Experten dann sozusagen zuschalten. Gelingt es uns, alle nötigen Sicherheitsstandards einzuhalten, könnte so die medizinische Versorgung auf dem Land aufrechterhalten werden.

Grundvoraussetzung für all das ist aber eine leistungsstarke Breitbandversorgung auch auf dem Land.

Ohne Breitband wird es kaum funktionieren. Denn alternative Netze wie beispielsweise die Car-to-x-Kommunikation, die derzeit etabliert wird, laufen nicht über zentrale Rechenzentren. Aber gerade diese brauchen wir für sinnvolle und umfangreiche Auswertungen. Eine vereinfachte Vision unserer Vorstellungen ist, dass ein autonomes Auto vorbeikommt und mich zum Arzt bringt, wenn es mir schlecht geht, und auf dem Rückweg noch ein paar Pakete mitnimmt. Diese notwenige Devertikalisierung, also das Ineinandergreifen von Bereichen wie beispielsweise Mobilität und Gesundheit, lässt sich nur mithilfe von Vernetzung und Zentralen organisieren. Branchenspezifische Lösungen helfen nicht weiter.

Aber die Fortschritte lassen zu wünschen übrig.

Das liegt vielleicht auch an einer teils noch falschen Wahrnehmung des Nutzens der Breitbandanbindung, der oftmals lediglich darin gesehen wird, dass man Facebook besser nutzen und Videos downloaden kann. Die grundlegende gesellschaftliche Bedeutung  von Anwendungen wie Smart Rural Areas ist bislang  noch nicht in der öffentlichen Diskussion angekommen.

Forschung bei Fraunhofer ist nicht nur Theorie, aber wir haben bislang nur über theoretische Überlegungen gesprochen.

Deshalb arbeiten wir auch an einem Demonstrator, der im nächsten Jahr der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll. Dabei handelt es sich um eine Art Living Lab, in dem wir die Vorteile von Smart Rural Areas zeigen und die technologische Machbarkeit unter Beweis stellen. Schwerpunkt dabei sollen die bereits angesprochenen Themen Logistik, Mobilität, Gesundheit sowie die Energieversorgung sein. Dieser Demonstrator könnte dann zu einer Art Magnet werden, der Wissenschaft, Unternehmen und Politik anzieht, um den Fokus einer smarten Gesellschaft nicht ausschließlich auf Großstädte zu legen. Denn das Problem der Weiterentwicklung des nicht großstädtischen Raumes stellt sich ja nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. (aku)

Keine Kommentare vorhanden

Das Kommentarfeld darf nicht leer sein
Bitte einen Namen angeben
Bitte valide E-Mail-Adresse angeben
Sicherheits-Check:
Vier + = 9
Bitte Zahl eintragen!
image description
Interviewpartner
Alle anzeigen
Dr. Mario Trapp
  • Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE
Weitere Artikel
Alle anzeigen
Feld-Forschung
Von Bienen und Sensoren
KI in der Produktion, Augmented Learning & gelebt digital auf dem Land
Veranstaltungen
Alle anzeigen
Stellenangebote
Alle anzeigen