Die Landbevölkerung ist eine erprobte Testgruppe, wenn es um pragmatisch angewandten Fortschritt geht. Früher ritt man hoch zu Ross zur Bank, heute steuert der Landwirt mit einem GPS-basierten Traktor auf den Parkplatz vor der örtlichen Bankfiliale. Seinen Kuhstall organisiert er digital, die Kühe tragen Sender, damit der Melkroboter sie erkennt und individuell behandeln kann. Den Wandel spüren die Menschen in den dünn besiedelten Regionen seit langem: Die Jüngeren ziehen in die Städte und folgen der Arbeit. Der letzte Tante-Emma-Laden ist längst Geschichte. 

Wer zum Arzt muss, fährt Stunden in die nächste Kleinstadt. Die Infrastruktur bröckelt. Wer hier weit weg von allem Trubel leben bleiben möchte, muss sich etwas einfallen lassen – oder mitwandern ins Land der digitalen Möglichkeiten. Jetzt sind es eben die Banken, die physisch verschwinden. Sie schließen ihre Pforten: zu teuer, zu unrentabel. 2.200 solcher Dependancen machten in den letzten beiden Jahren dicht. Der Trend der Schließungen setzt sich bundesweit fort; das Tempo vom Ende nimmt zu. Digitalisierung und der demografische Wandel treiben auch die Geldinstitute vor sich her. Die ländliche Bevölkerung trifft es am ehesten und hart, denn die Präsenz von Filialen ist hier sowieso schon spärlich vertreten. Geld und Bankberatung sind zunehmend mobil, digital und damit unabhängig von Raum und Zeit. Ideale Voraussetzungen also um den ländlichen Raum und seine Bewohner zu adressieren, die, wenn sie teilhaben wollen am gesellschaftlichen Leben, genau das leisten müssen: Zeit und den weiten geographischen Raum überbrücken. So verschwinden zwar Filialen, nicht aber das Kerngeschäft der Banken. Geldwirtschaft und Finanzberatung bleiben. Nur die Beschaffenheit und die Beschaffung verändern sich.

Wie die Bank der Zukunft aussehen wird, daran arbeitet das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO. Zusammen mit rund 25 Bankpraktikern und IT-Dienstleistern entwirft das Institut im Rahmen des Verbundforschungsprojekts Innovationsforum »Bank & Zukunft« strategische Handlungskonzepte für die Bankbranche. Hier setzt man aufs Digitale.

Geld hat also keine bauliche Heimat mehr - es wandert in die virtuelle Welt. Warum sollten Banken noch nach altem Muster funktionieren, wenn sich die Art, wie das Geld fließt, derart verändert? Bestellen geht online, Lieferungen erfolgen gegen Abbuchung, bezahlt wird mit Chip. Vielleicht reicht zum Übergang noch ein Automat, der in der Lage ist, Bares bereit zu stellen. So eine digitale Selbstbedienungsmaschine kann in der Tankstelle installiert sein - oder im Landhandel, vielleicht sogar in der Kirche, die bleibt. Aber auch Bares verliert an Sinn und die Gelegenheiten zum Kauf mit Bargeld werden rarer. Das merkt vor allem die ältere Generation. Die Enkel freuen sich heute eher über einen Plastikgutschein für einen der großen Anbieter für Musik oder sonstigen Konsum. Sie rubbeln den Code frei und landen mit dem Geschenkten direkt dort, wo sie bereits ihren Alltag organisieren: im Netz.

Die Bank der Zukunft ist nicht ortsgebunden. Der Zugang der Zukunft steckt in den mobilen digitalen Endgeräten. Digital ist die Bank überall und direkt dort, wo sie mit ihrem Kerngeschäft gebraucht wird: beim Kunden. Er kann sie digital überall erreichen. So wird aus dem vermeintlichen Nachteil der Schließung ein Vorteil, denn die Bank rückt räumlich näher an den Menschen. Möglich wird das durch die digitale Kundenidentität: Kunden verwalten ihre Daten selbst. Kunden entscheiden, wer zu welcher Zeit auf ihre Daten zugreifen kann. Alles wird von dort gesteuert, wo man sich gerade befindet.

Neue Zugangswege und Kommunikationskanäle schaffen Möglichkeiten: Videokonferenzen von zu Hause aus oder auch durch mobile Konferenzen an smarten Geräten sind wählbar wie ein Fernsehprogramm. So wie der Nachrichtensprecher im heimischen Wohnzimmer auftaucht, kann das künftig auch der Bankberater. Nur eben interaktiv mit dem Kunden. Das Gespräch unterstützen visualisierte Daten, die auf dem Bildschirm erscheinen. Vorgeschriebene Beratungsgespräche können etwa durch Aufzeichnungen dokumentiert werden. Ganz nach Gusto der Nutzer werden weitere Experten hinzugezogen - virtuell. Vielleicht ist das künftig sogar ein Avatar, der rein logisch vorgeht und nicht mehr den Bias hat, sympathisch wirken zu müssen, um Finanzen zu verkaufen.

Showcases mit Testumgebung und technologischen Innovationen wie von Fraunhofer eingerichtet, helfen, nutzerorientiert zu denken. Am grünen Tisch erdachte Innovationen können so live getestet werden. Digitales und Geld. Das ist eine Welt, die Kunden und Bankberater neu kennenlernen. Beide werden nicht mehr die gleichen sein, wenn die Bank der Zukunft an den Start geht.

Wie also lernt man das Neue möglichst schnell, wie gelingt es, die Bedienbarkeit an die Frau und den Mann zu bringen - gerade auch an die Zielgruppe, die in einem fortgeschrittenen Alter unterwegs ist? Ermutigend wirken die Bemühungen der Landfrauen und ihrer Verbände oder auch der Erwachsenenbildner, die längst unterwegs sind, Senioren im ländlichen Raum ins Netz und ans Netz zu bringen. Ist die Breitbandversorgung für einen guten Datentransfer gegeben, geht das sogar aus dem Kuhstall ebenso wie aus dem ländlich gelegenen Einfamilienhaus. Vielleicht müsste die Bank der Zukunft sogar in den Ausbau von Glasfaser investieren, damit ihre Services flächendeckend auch in den ländlichen Raum reichen.

Es geht nicht darum, alte Prozesse des Bankgeschäftes digital zu gestalten. Im Zentrum steht digitales Denken an sich. Die nächste Landgeneration wird sich über den virtuellen Berater nicht mehr wundern. Der Übergang von Pferd zu GPS-Traktor hat auch geklappt. Ganz pragmatisch.

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