Wenn Städte, Kommunen und kommunale Unternehmen die Digitalisierung verstärkt nutzen, dann können sie den Lebensraum ihrer Bürger deutlich nachhaltiger, sinnvoller und transparenter gestalten als dies bisher möglich war. Bis jetzt scheint diese Möglichkeit für viele aber nicht präsent genug zu sein. Dabei könnten sie für die Entwicklung ihrer Region eine Ressource nutzen, die immer wertvoller wird: Daten. Im Interview erklärt Damian Wagner vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO wesentliche Inhalte der Untersuchungen.

Hallo Herr Wagner! »Kommunen müssen sich mehr um die Digitalisierung kümmern«. So ungefähr lassen sich vier Studien zusammenfassen, die das Fraunhofer IAO gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers International (PwC) durchgeführt hat. Ehrlich gesagt: Ein Resümee wie dieses ist nicht gerade neu.

Wenn man die Untersuchungen derart verknappt, werden in der Tat nur noch die üblichen Schlagworte bleiben. Die Studien leisten aber deutlich mehr. So haben wir beispielsweise für den Schwerpunkt Stadtökonomie konkrete Handlungsempfehlungen identifiziert. Die Studien sind also eine Diskussionsgrundlage für Kommunen. Und sie sind Leitplanken für die Entwicklung eines politischen Handlungsrahmens, wie er gerade mit der »Smart City Charta für Deutschland« veröffentlicht wurde.

Die Studien beschäftigen sich mit den Schwerpunkten »Digitalisierung und die Transformation des urbanen Akteursgefüges«, »Strukturwandel in Zeiten der Digitalisierung«, »Bürgerbeteiligung im digitalen Zeitalter« und »Digitale Integration«.

Deutschland hat, was die »Smart City«-Agenda angeht, noch in nahezu allen Bereichen Aufholbedarf. Mit den Studien, die auf breit angelegten Umfragen und Interviews fußen, den daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen sowie den neu gegründeten interministeriellen Arbeitskreisen für »Smart Cities«, dürfte sich das aber ändern. Wesentlich dabei ist die Erkenntnis, dass es sich bei der Entwicklung Richtung »Smart City« nicht um einen Punkt neben vielen anderen städtischen Aufgaben handelt, sondern dass wir die Notwendigkeit eines grundlegenden, ressortübergreifenden Wandels begreifen. Und wir müssen uns klarmachen, dass dieser Wandel zunächst strategisch verankert werden muss.

Gehen wir die vier Teilstudien kurz durch. Was meinen Sie mit »Digitalisierung und die Transformation des urbanen Akteursgefüges«?

Städte müssen sich grundsätzlich klarwerden, welche Rolle sie bei der Digitalisierung spielen wollen. Ein Beispiel ist die Frage nach der Datenerhebung und ‑verarbeitung. Wollen Städte einfach nur Daten erheben? Wollen sie sie verkaufen? Oder wollen Städte eine Open-Data-Politik fahren? Die Antwort auf diese Frage hängt auch mit der Standort-Diskussion zusammen. Denn im Gegensatz zu früher ist die Verfügbarkeit von Daten heute unter Umständen wichtiger als der physische Standort, wenn beispielsweise durch 3D-Druck nahezu überall produziert werden kann. Ein anderes Beispiel ist der Bereich Mobilität. Wollen Städte die von ihnen erhobenen Daten nutzen, um selbst als Dienstleister aufzutreten? Oder wollen sie eine koordinatorische Funktion übernehmen? Dabei geht es ja nicht nur um den ÖPNV, sondern vielmehr um Plattformen, die beispielsweise selbstfahrende Fahrzeuge, Elektrotankstellen und Car Sharing einbinden. Es gibt mittlerweile eine so umfassende Zahl an Möglichkeiten, die sich durch die Vernetzung ergeben, dass Städte die daraus resultierenden Chancen kaum noch alleine abbilden können. Welche Partner aber sollte man hinzuziehen? Wer ist geeignet? All diese strategischen Eckpunkte müssen Städte festlegen, sonst werden sie von den Entwicklungen überrollt. Und sie werden ihre aktive Rolle bei der Gestaltung der »Smart City« von morgen einbüßen.

Noch scheinen sich viele Städte dieser Möglichkeiten oder Gefahren nicht umfänglich bewusst.

Die Kommunen spüren die teilweise destruktiven Entwicklungen wie beispielsweise die Auswirkungen des Online-Handels auf die Innenstädte bereits heute deutlich. Sie reagieren aber bisher eher zögerlich, weil es oftmals an umfassenden Konzepten fehlt.

Ein anderer Aspekt behandelt eine »neue Stadtökonomie«.

Hier geht es um den Strukturwandel in Zeiten der Digitalisierung. Kommunen müssen sich für die zukünftigen Anforderungen der Wirtschaft sensibilisieren. Das bedeutet unter anderem, dass neue Kooperations- und Finanzierungsmodelle sowie Netzwerke für die digitale Bildung aufgebaut werden. Zusätzlich muss die digitale Infrastruktur ausgebaut werden. Diskutiert werden beispielsweise Geschäftsmodelle und städtische Dienstleistungen für die Monetisierung von Daten. Oftmals ist der rechtliche beziehungsweise politische Rahmen dafür, beispielsweise in der Gemeindeordnung, noch nicht ausreichend gesetzt.

Der dritte Bereich ist die digitale Bürgerbeteiligung.

Wir haben so viele Daten wie noch nie zur Verfügung. Trotzdem werden sie nur in begrenztem Umfang von den Städten genutzt. Dabei könnten Städte schon im Vorfeld Tendenzen feststellen, um die Konturen ihres Bürgerbilds zu schärfen. Durch Predictive Analytics, also die Vorhersage von Trends anhand von Daten, lassen sich Projekte so gestalten, dass sie schon von Anfang an mehr auf die Bürger zugeschnitten sind.

Es geht also nicht nur um den Bereich der bürgernahen Verwaltungsprozesse?

Es sind zwei Pfade, die wir gehen müssen. Zum einen der immer wieder diskutierte Weg zum e-Government, auf dem Verwaltungsprozesse digitalisiert und effizienter werden: Hier können neue Anwendermodelle geschaffen werden. Beispielsweise Apps, mit denen Bürger Vermüllung, Vandalismus oder Straßenschäden melden können. Oder über andere digitale Angebote, mit denen sich jeder Einzelne verstärkt in die Entwicklung seines Quartiers einbringen kann. Zum anderen geht es aber auch darum, den Wandel unseres Stadtsystems als Ganzes zu adressieren. Beispielsweise wird die städtische Mobilität künftig sehr viel intermodularer sein. Schon heute ist die Routenplanung und Bezahlung über Apps möglich.

Der letzte Aspekt beschäftigt sich mit der digitalen Integration, also der Notwendigkeit, Barrieren ab- und Zugänge zu Partizipationsmöglichkeiten aufzubauen.

Die Prozesse in einer Stadt sind komplex. Und hier leben Menschen, die mal mehr und mal weniger digitalisierungsaffin sind oder über gar keinen Datenzugang verfügen. Voraussetzung für die Akzeptanz der digitalen Angebote ist, dass Bildungsangebote deutlich ausgebaut werden und der Zugang zur flächendeckender Dateninfrastruktur durch die Städte gewährleistet wird.

Wenn ich es richtig verstanden habe, dann geht es auch darum, in all diesen Bereichen einen Bewusstseinswandel bei den Städten und Kommunen in Deutschland herbeizuführen.

Städte und Kommunen müssen realisieren, dass sie die Chancen der Digitalisierung nutzen müssen und Daten zu einem neuen Rohstoff ihrer Entwicklung geworden sind. Sie haben also ein neues Pfund, mit dem sie wuchern können. Dies müssen Kommunen zur strategischen Aufgabe machen, um in der Lage zu sein, diese Ressourcen für sich und ihre Bürger zu nutzen.

Sie fürchten, dass Städte und Kommunen sonst zu einer Art Spielball der Digitalisierung werden könnten?

So stark würde ich es nicht ausdrücken. Aber es geht sicherlich darum, die Daten- und Handlungshoheit zu behalten. Wenn Städte und Kommunen nicht umfassend agieren, werden beispielsweise Datendienstleister dieses Vakuum zu füllen wissen. Der nötige »Innovationsschub«, um dies zu verhindern, wird letztlich aber nur über interdisziplinäre und interkommunale Partnerschaften möglich sein. In Deutschland haben wir dafür beste Voraussetzungen.

(aku)

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Damian Wagner
  • Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
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