Die Arbeitswelt von morgen wird auch die Rathäuser radikal verändern. Bürger und Verwaltung treffen sich schon jetzt im virtuellen Raum und besprechen Sachverhalte, erteilen Genehmigungen, planen gemeinsam die Zukunft ihrer Stadt. Die Rathäuser als Gebäude werden zu Multifunktionsorten mit flexiblen Räumen und einem kommunikativen Ambiente. Corona wird zum Booster der Post-Smart-Ära. Die Pandemie katapultiert uns schneller in eine Welt, in der »analog« und »virtuell« nicht mehr zu trennen sind. 

Wer in die Zukunft der Rathäuser blicken möchte, sollte auf Gütersloh schauen.
Dort werden sich die Büros der Mitarbeitenden auch nach der Corona-Krise nicht mehr für Bürger*innen öffnen. Wer dennoch einen Termin wahrnehmen möchte, muss sich entweder online oder per Telefon anmelden. Zum vereinbarten Zeitpunkt treffen Bürger*in und Sachbearbeiter*in in einer extra eingerichteten »Bürgeretage« zusammen und klären die Angelegenheit in sogenannten Gesprächsinseln.

Und die Stadtverwaltung ist sogar noch einen Schritt weitergegangen. Da sie durch die Terminvereinbarungen über die Kontaktdaten der Besucher*innen verfügt, werden diese vorab angerufen und freundlich darauf hingewiesen, dass ihr Anliegen auch digital, also ohne das Rathaus aufsuchen zu müssen, geregelt werden kann. Die Verwaltungskräfte unterstützen die Bürger*innen dann telefonisch bei der Onlineabwicklung ihres Antrages und weiterer Anliegen. Ein solches Vorgehen gibt es etwa auch in einem Tokioter Verwaltungsbezirk. Die Beispiele zeigen, dass die Raumstrukturen eines Rathauses sowie anderer Verwaltungsbehörden einem ständigen Wandel unterliegen. Bald, bereits jetzt mit dem Teleskop zu sehen, stehen uns weitere, tiefgreifende Veränderungen ins Haus.

In der Post-Smartphone-Ära werden wir Bürger*innen mittels Augmented Reality (AR) und Virtuell Reality (VR) in Schalensitzen, wo und wann auch immer, Platz nehmen und durch AR-Headsets bzw. -Brillen in künstlichen Räumen mit Mitarbeitenden im Rathaus kommunizieren. Nur scheinbar ist der Weg dorthin noch lang: Corona beschleunigt extrem die Entwicklung. Längst sind die E-Akten, wie wir sie heute als »digitalen Aktendeckel« und Abbild von Papier kennen, verschwunden und durch sogenannte Datenkapseln, die alle Informationen, vom Sachverhalt über die Rechtsvorschriften bis zur Entscheidung enthalten, ersetzt worden. Wir werden zukünftig Objekte, noch bevor sie gebaut sind, virtuell durchlaufen und zum Beispiel Fragen zur Sicherheit oder zum Brandschutz »live und real« im Raum besprechen und Änderungen sofort umsetzen können. Die Baugenehmigung gibt es dann aus dem Automaten. Wir werden an Sitzungen des Gemeinderates teilnehmen, obwohl alle Anwesenden sich an verschiedenen physischen Orten befinden.

Das Land Baden-Württemberg lässt durch Änderung der Gemeindeordnung während der Corona-Pandemie bereits Ausnahmen zu, Gremiensitzungen der Kommunen zusätzlich virtuell durchführen zu können. Bayern hat vor wenigen Wochen eine Bayerische Fernprüfungserprobungsverordnung in Kraft gesetzt, die Hochschulprüfungen virtuell außerhalb von staatlichen Prüfungsräumen auch im Wohnzimmer möglich macht. Ein Großteil der Arbeit für das Gemeinwesen, wie zum Beispiel die Unterstützung bei den Schularbeiten der Kinder, findet bereits jetzt im virtuellen Raum statt. Das Smartphone, wie wir es heute kennen, liegt demnächst verstaubt im Schrank. Das Internet ist überall. Intelligente Wände oder Gegenstände nehmen mit uns Kontakt auf.
Die Corona-Pandemie ist nur der Anstoß für Veränderungen, die bisher aufgrund gesellschaftlicher und institutioneller Trägheit brachliegen. Einer Erfolgsgesellschaft wie unserer fehlt es trotz vielfältiger technologischer Möglichkeiten an Veränderungsdynamik und damit an Innovationen. Mehr Mut und mehr wagen, heißt das Gebot der Stunde. Politik und Verwaltung müssen einen stärkeren Veränderungswillen an den Tag legen. Viel Zeit bleibt nicht. Was Corona betrifft: Wir werden nicht zur Normalität zurückkehren, denn die Normalität war das Problem. Die neue virtuelle Lebens- und Arbeitswelt fordert auch Deutschland und Europa fundamental heraus. So muss beispielsweise die digitale Souveränität sichergestellt werden. Deutschland darf nicht zu einer digitalen Kolonie der USA oder Chinas werden. Wir brauchen in der datenbasierten Welt eigene europäische Kommunikationslösungen. Wir müssen verstärkt auf Open Source setzen.

Selbstverständlich wird es auch in der virtuellen Welt weiterhin physische Rathäuser geben, allerdings mit neuen kommunikativen Funktionen: Sie werden als Begegnungsort in Verbindung mit Stadtbibliotheken, Work-Community-Centern oder Musikschulen fungieren. Die meisten Büros der Sachbearbeiter*innen gehören dann der Vergangenheit an. Neue Multifunktionsräume mit beweglichen Wänden (sogenannte Flexible Rooms) sind zentrale Teile von Smart-Spaces. Aktenschränke und -räume wird es nicht mehr geben. Stattdessen findet dort überwiegend Projektarbeit statt.
Rathäuser werden für viele Jahrzehnte geplant und gebaut, manche sind heute mehr als 100 Jahre alt. Wer heute solche Gebäude plant, sollte agil vorgehen und es durch hohe Flexibilität ermöglichen, dass Veränderung zur Normalität wird. Es gibt nicht nur eine Zukunft sondern mehrere.

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Franz-Reinhard Habbel
  • Kolumnist, Publizist, DStGB-Beigeordneter a.D. & Unternehmer
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