Bildliche graphische Darstellungen können helfen, komplexe Sachverhalte verständlich darzustellen. Mit einer intelligenten Visualisierungssoftware, die auf adaptiven Technologien basiert, können nun auch politische Entscheidungsprozesse nachvollziehbar abgebildet werden. Das schafft Transparenz und erleichtert Bürgern das Verständnis. Politische Entscheidungsträger wiederum können die Software nutzen, um die Auswirkungen politischer Maßnahmen zu analysieren, wobei die Darstellung dabei sogar selbstständig an die jeweilige Zielgruppe angepasst wird.

Wenn es um Politik geht, kann jeder mitreden? Schön wär‘s. Für einen konstruktiven Beitrag braucht der Bürger erst einmal den Durchblick: Warum werden welche Entscheidungen getroffen? Welche Auswirkungen wird und könnte der Beschluss haben? Viele Menschen empfinden politische Entscheidungsprozesse alles andere als übersichtlich, im Gegenteil: Oftmals erscheinen sie den Bürgern umständlich und langwierig. In einer Meinungsumfrage im Jahr 2012 durch das Institut für Demoskopie Allensbach und die Frankfurter Allgemeine Zeitung gaben 65 Prozent der befragten Bürger an, dass sie die Politik für intransparent und undurchsichtig halten, 63 Prozent bezeichneten sie als bürgerfern und 56 Prozent empfanden sie sogar als unaufrichtig und verlogen. Dabei wünschten sich 86 Prozent, dass die Politik bürgernah sei; 83 Prozent fanden, Politik sollte verständlich sein. Viele als nicht nachvollziehbar und ungerecht empfundene Entscheidungsprozesse »von denen da oben« aber können langfristig zu Politikverdrossenheit führen. Das Misstrauen der Bürger in die Politiker und die Regierung steigt. Doch woran liegt es, dass die wenigsten Politik als durchschaubar und verständlich ansehen?

Die Forscher der Abteilung Informationsvisualisierung und Visual Analytics am Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD in Darmstadt haben es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, Gründe zu finden und Technologien zu nutzen, mit denen politische Entscheidungsverfahren visualisiert und damit verständlicher dargestellt werden können. Eine von ihnen entwickelte Visualisierungssoftware beispielsweise verknüpft und vergleicht komplexe und verschiedene Daten miteinander. Anschließend lässt sich mit Hilfe dieser Informationen eine übersichtliche und interaktive graphische Darstellung erzeugen. Wichtig dabei: Die Benutzungsoberfläche der Software passt sich den Benutzern selbstständig an und ist somit intuitiv nutzbar. Anwender müssen also keine Experten sein.

Die Lösung, die auf der am Fraunhofer IGD entwickelte SemaVis-Technologie basiert, kann sowohl Bürgern, als auch Unternehmen und Politikern das Verständnis politischer Entscheidungsprozesse und deren Auswirkungen erleichtern. »Selbst ein Politiker kann nicht immer ohne Weiteres die Auswirkungen einer Entscheidung wie zum Beispiel der Verabschiedung eines neuen Gesetztes vorhersehen«, sagt Dr. Kawa Nazemi, Leiter der Gruppe Semantik-Visualisierung am Fraunhofer IGD. »Schließlich kann eine solche Entscheidung weitreichende Folgen haben – nicht nur für die Bürger, sondern beispielsweise auch in ökonomischer, ökologischer und infrastruktureller Hinsicht.«

Der Prozess politischer Entscheidungen wird im Wesentlichen von Informationen und Daten beeinflusst, unter anderem vom Stimmungsbild in der Bevölkerung zu einem bestimmten Thema. Deshalb erstellt die Software auf Wunsch eine visuelle Meinungsanalyse aus Web-Inhalten, sozialen Netzwerken und politischen Portalen. Aus Datenschutzgründen werden die Daten jedoch anonymisiert zusammengetragen und ausgewertet, da sie beispielsweise von den Bürgern selbst stammen könnten. »Daneben bietet das Internet eine Vielzahl von validen Daten, etwa der Kommunen, Städte und Länder. Die meisten davon sind online für jedermann abrufbar; beispielsweise die Daten, die die europäische Union erfasst«, erklärt Nazemi.

Das Problem dabei: Die Datensätze sind meist so komplex, dass eine Interpretation für Bürger und auch für politische Entscheidungsträger Zeit und oftmals auch spezialisiertes Wissen voraussetzt. Die Visualisierungssoftware hingegen ist in der Lage, relevante Informationen herauszufiltern und anschaulich darzustellen. Sie macht Statistik augenfällig. »Für Bürger soll der Entscheidungsprozess politischer Institutionen auf diese Weise transparent gemacht werden. Politikern hilft sie, die Bedürfnisse der Bürger besser zu verstehen.«

Mit Hilfe der Software in Kombination mit Simulationsmodellen können die Auswirkungen einer politischen Maßnahme sogar bereits im Vorfeld visualisiert werden. Wie wirkt sich ein geplantes Bauprojekt auf die Infrastruktur der Stadt aus? Wie reagieren die Bürger auf eine Änderung im Steuerrecht? Politischen Entscheidungsträgern wird so nicht nur eine Hilfe an die Hand gegeben, sondern sie können die Visualisierung auch nutzen, um ihre Entscheidung gegenüber der Öffentlichkeit zu argumentieren.

Die intelligenten Visualisierungen passen sich von selbst der jeweiligen Benutzerrolle oder gar dem jeweiligen Benutzer an. Beispielsweise werden Informationen für den Laien anders aufbereitet als für den Experten. So kann jeder aus der visuellen Darstellung für sich die Informationen herausziehen, die er benötigt. Um die Daten an den Benutzer anzupassen, benutzen die Forscher am Fraunhofer IGD Methoden der künstlichen Intelligenz. Mit Hilfe etablierter Datenanalyseverfahren werden die Daten verarbeitet. Der Datensatz, der für die jeweilige Visualisierung verwendet wird, wird vom Nutzer je nach Anwendungsdomäne ausgesucht.

Anwendung finden die Visual-Analytics und Visualisierungstechnologien des Fraunhofer IGD bereits in mehreren Projekten, unter anderem im Rahmen der europäischen Projekte NOMAD und FUPOL. Hier beteiligen sich zahlreiche EU-Städte, die verschiedene politische Maßnahmen umsetzen möchten. In den südlichen Ländern etwa nutzen viele Städte die Software, um Maßnahmen in Bezug auf den Tourismus zu analysieren und abzubilden, wie die Bewohner der Stadt darüber denken. (mdi)

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