Die wirkliche Intelligenz jeder »Smart City« sind ihre Bürger. Viele Einwohner einer Stadt oder Kommune sind aber mit vielerlei Hürden konfrontiert, wenn sie sich an der Gestaltung ihres Bezirks beteiligen wollen. Im Projekt »smarticipate« entwickeln Forscher deshalb eine Plattform, über die Bürger ihre Vorstellungen nicht nur einbringen können. Sie werden auch sofort über die Umsetzungsmöglichkeiten sowie die positiven wie negativen Auswirkungen ihrer Idee informiert. Erste Versuche zu den Einsatzmöglichkeiten in europäischen Großstädten sind bereits angelaufen.

Rund 45 Prozent aller Einwohner Deutschlands engagieren sich ehrenamtlich. Das ist wichtig für die Gemeinschaft und sinnvoll für jeden Einzelnen. Allerdings liegt der Schwerpunkt der Engagements vor allem in den Bereichen Sportvereine, Technisches Hilfswerk und Nachbarschaftshilfe. Kaum aktives Interesse verzeichnet die Statistik beim Einsatz der Bürger für ihren Bezirk oder ihre Straße. Von Großprojekten abgesehen, die es zu befürworten oder abzulehnen gilt, bleibt die Gestaltung in der Regel den Verwaltungen überlassen. Das ist ebenso bedauerlich wie eigentlich widersinnig, denn gerade vor der eigenen Haustür wäre ein Mehr an Mitgestaltung wünschenswert. Meist scheitern Ideen der Bürger etwa zum Anlegen eines Fahrradwegs oder der Bepflanzung einer Straßenecke aber nicht am konstruktiven Einfallsreichtum. Hauptproblem ist das Prozedere der Mitbestimmung. Die Suche nach Antworten auf Fragen wie: »Ist der Platz schon anderweitig verplant?«, »Ist meine Idee überhaupt umsetzbar?« und vor allem: »Wie initiiere ich die nötigen Verwaltungs- und Entscheidungsprozesse?« sind in der Regel recht wirksame Hürden für eine engagierte Mitbestimmung.

In drei Pilotprojekten in Rom, Hamburg und London arbeiten Forscher des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung IGD zusammen mit Partnern aus fünf Ländern  an der exemplarischen Verbesserung der Bürgerbeteiligung an politischen Entscheidungs- und Planungsprozessen. In Rom sollen Nutzungsideen für leerstehende Gebäude getestet werden und in Hamburg arbeiten die Forscher mit Bürger-Inputs vor allem zu sinnvollen Plätzen zum Pflanzen von Bäumen. In London können die Bürger ihre Wunschthemen frei festlegen.

Plattform für mehr Bürgerbeteiligung

»smarticipate - smart open data services and impact assessment for open governance« heißt das Gesamtprojekt, dass vom Fraunhofer IGD koordiniert wird und in das die drei Piloten eingebettet sind. smarticipate seinerseits ist Teil des wissenschaftlichen Zukunftsprogramms H2020 der EU. Das Projekt soll eine direkte Verbindung zwischen Initiatoren und Experten beziehungsweise Umsetzern stadtplanerischer Ideen herstellen. Dafür stellen die drei Städte im Rahmen von Open-Data-Initiativen alle relevanten Daten zur Stadtplanung zur Verfügung. »Unser erstes großes Ziel ist es, dort in den kommenden zwei Jahren eine Plattform zu initiieren, über die die Bürger einen direkteren Draht haben, um einzelne Vorstellungen einzubringen und sofort Feedback zu erhalten«, erklärt Veneta Ivanova vom Fraunhofer IGD. Dadurch würde ein Dialog zwischen Bürgern und Verwaltung initiiert.

Sofortiges Feedback und zusätzliche Informationen sollen Ehrenamtliche bei Bürgerinitiativen unterstützen. Bild: Fraunhofer IGD

Neue Vorschlags- und Feedbackkultur

»Wer in Hamburg beispielsweise einen Vorschlag zur Pflanzung eines Baumes machen will, kann dafür über sein Smartphone die Plattform anwählen und seine Idee über ein paar Eingaben ‚punktgenau‘ konkretisieren. Über das System erhält er dann sofort Feedback über die Machbarkeit. Es schlägt beispielsweise vor, welche Baumart aufgrund der vorhandenen Licht- und Wasserverhältnisse geeignet wäre. Es zeigt aber auch an, wo beispielsweise aufgrund des Schattenwurfs mit Problemen für Solaranlagen zu rechnen ist. Auch Informationen zu den Auswirkungen auf das Licht generell, auf die Luftqualität, auf die CO2-Absorption, auf den Lärm und andere Konsequenzen könnten angezeigt werden. Und natürlich meldet die Plattform auch, wenn der Platz bereits anderweitig in Planung ist«, betont Ivanova. Zudem werde es möglich, die entsprechende räumliche Veränderung in einer Straße über ein 3D-Modell nachzuvollziehen. Ähnlich wie in Hamburg arbeitet auch die Plattform in Rom. Hier allerdings geht es vor allem darum, Nutzungsvorschläge für leerstehende Gebäude zu entwickeln und mögliche Interessenten mit ersten Informationen zur Umsetzung ihrer Nutzungsidee zu versorgen. Und in London beschäftigen sich erste Testläufe beispielsweise mit den Umsetzungsmöglichkeiten für einen Bolzplatz an einem bestimmten Standort.

 

Durch das direkte Feedback über die Plattform will das Forscher-Team die meist hohe Frustration bei bislang schon engagierten Bürgerinnen und Bürgern vermeiden. »Wessen Vorschläge sofort aufgenommen und in ein virtuelles Modell übertragen werden, wer übersichtlich über die Vor- und Nachteile einer Gestaltungsidee informiert wird und wem beispielsweise bei der Suche nach einem geeigneten Standort für einen neuen Kindergarten oder einen Fahrradweg auch Alternativen angezeigt werden, ist deutlich motivierter. Er dürfte sich deshalb auch künftig mehr an der Gestaltung seiner Straße, seines Bezirks oder seiner Stadt beteiligen«, ist sich Ivanova sicher.

Technische und organisatorische Herausforderungen

»Eines der Hauptprobleme bei der Umsetzung ist die Fusion der Daten, die aus unterschiedlichen Quellen kommen«, betont Ivanova. Für das Errechnen der Folgewirkungen müssen Informationen aus verschiedenen Planungs- und Statistikabteilungen sowie Kartenmaterial zu Oberfläche, Bebauung oder Untergrund genutzt und miteinander kombiniert werden. Zudem müsse nun das Front-End und das Back-End entwickelt werden und das Angebot in eine userfreundlichere Form gegossen werden. Das aber, so Ivanova, sei letztlich durch die Erfahrungen des Fraunhofer-Instituts und der weiteren technischen Projektpartnern in den Griff zu kriegen. Ein anderes Problem hingegen ist eher organisatorischer Natur: »Weil im Grunde alle erdenklichen Gestaltungsmöglichkeiten über das System koordiniert werden können, müssen wir in Abstimmung mit den Städten Prioritäten setzen, um die Komplexität in der ersten Testphase gering zu halten«. Dem aber stehe der Wunsch der Städte entgegen, schon jetzt mehr Bürgerwünsche über die Plattform aufzunehmen. (aku)

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