In Düsseldorf ist am Wochenende die MEDICA zu Ende gegangen, die weltgrößte Medizintechnikmesse. Personalisierte Medizin, Apps, Telemedizin, moderne Bildgebung und Cloud Computing waren große Themen der Messe. Dabei sind einige der Themen durchaus streitbar. Doch sie zeigen, dass auch im Gesundheitswesen die IT die treibende Kraft ist und dass Technologien aus dem Alltag zunehmend auch in die Medizin Einzug halten.

Eines der oft diskutierten Themen der diesjährigen Medica war die personalisierte Medizin, auch pHealth genannt. Von Biomarkern über bildgebende Verfahren, die ihre Hilfe bei der Diagnose stärker auf den Patienten zuschneiden bis hin zu iPhone-Apps kann man darunter Vieles fassen. »Wenn wir über personalisierte Medizin sprechen, steht das Screening-Verfahren zum Beispiel bei einem Mammakarzinom oder bei der Chemosensibilisierung im Fokus. Bestimmte Gen-Chip Analysen können Prädispositionen für Tumorerkrankungen erfassen«, erklärt Professor Christian Schmidt, Geschäftsführer der Kliniken der Stadt Köln. »Personalisierte Medizin muss man aber noch weiter fassen. Zum Beispiel gehören auch individuell angefertigte Hüftprothesen dazu.« Der Trend ist jedoch nicht unumstritten. »Der Begriff ist unpräzise und irreführend: Personalisierte Medizin ist unpersönlich«, sagt dazu Hardy Müller vom Wissenschaftlichen Institut der Techniker Krankenkasse für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen WINEG. »Der Arzt nimmt den Patienten als Person mit seinen individuellen Präferenzen, Bedürfnissen, sozialen Verflechtungen und Werten nicht weiter in den Blick. Es erfolgt eine Konzentration, anders gesagt: eine Reduktion ausschließlich auf biologische Merkmale.« Dennoch birgt die personalisierte Medizin auch Möglichkeiten. So helfen individualisierte rechtzeitige Screeningverfahren für Brustkrebs, die Vorsorge zu verbessern. Auch die Chemotherapie kann durch ein präziseres Zuschneiden der Medikamentierung mit weniger Nebenwirkungen ablaufen.

Weitere Themen waren Mobile IT, Apps und Cloud Computing. Denn all das beginnt, eine immer größere Rolle in der Medizin zu spielen. Schon jetzt nutzen viele Läufer privat Apps, die ihre Vitalfunktionen während des Trainings aufzeichnen und auswerten. Weit gefasst, wäre auch das schon Medizin IT. Eine Schweizer Firma bietet zum Beispiel die App »MyPill« an, die an die Einnahme erinnert und diese dokumentiert. Solche Apps könnten vor allem helfen, wenn es sich um komplexere Medikamentierungen handelt, bei denen viele verschiedene Tabletten zu unterschiedlichen Zeiten eingenommen werden müssen. Im AppCircus der Messe konnten junge Entwickler medizinische Applikationen kreieren und ihr Können unter Beweis stellen. Herausgekommen sind Projekte wie Handyscope, eine App, mit der man hochauflösende Bilder von verdächtigen Hautpartien machen und diese dann von Experten über das Internet beurteilen lassen kann. Oder PhysioForm, eine App, mit der Physiotherapeuten und deren Patienten Behandlungspläne verwalten, Termine ausmachen und generell stärker in Verbindung stehen. Das Programm VitaDock wiederum hilft Diabetes-Patienten dabei, ihren Gesundheitszustand zu überwachen. 

Diese Apps schlagen eine Brücke zum nächsten Trend der Medizin IT: der Mobile IT. Dabei geht es im Gesundheitswesen vorrangig um mobile Dokumentation und Fernüberwachung. Zum Beispiel kommen Tablet PC zum Einsatz, die ein Eintragen von Befunden in die zentral Ablage des Krankenhauses möglich machen, direkt am Krankenbett. Diese sind dann von überall zugänglich. Wichtig sind dabei natürlich klare Regeln beim Datenzugriff, der Datenübertragung und bei der Datensicherung. Solche Technologien befinden sich derzeit noch in der Testphase. Auch bei der Telemedizin und der Fernüberwachung von Patienten zu Hause helfen mobile Geräte. 

Auch die Cloud hält langsam Einzug in der Medizin. Ein heikles Thema. »Wenn die zentralen Daten eines Krankenhauses in der Wolke verwaltet werden sollen, dann stellen sich die Fragen des Datenschutzes deutlicher«, so Bernhard Calmer, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Gesundheits-IT (bvitg). Auch der Bund fördert mit dem Projekt »Cloud4Health« die Entwicklung von Lösungen in diesem Bereich. An dem Projekt sind unter anderem die Rhön-Klinikum AG, die TMF – Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung e.V. und das Fraunhofer-Institut für Algorithmen und Wissenschaftliches Rechnen SCAI beteiligt. Die Partner arbeiten an folgenden Szenarien, die die Möglichkeiten für den Einsatz von Cloud-Technologien in der Medizin verdeutlichen: der Extraktion und Auswertung von Informationen aus anonymisierten Patientendaten (in diesem Fall über die operative Behandlung von Hüftgelenken), an Verfahren zur automatisierten Wirtschaftlichkeitsprüfung medizinischer Behandlungen sowie der frühzeitigen Identifizierung unerwünschter Nebenwirkungen neu eingeführter Medikamente. Mit der ›Medical Cloud‹ stellte die CompuGroup Medical AG die weltweit erste gesetzeskonforme Cloud-Lösung für das Gesundheitswesen vor. 

Die Informationstechnologie, die in den Krankenhäusern selbst etwa zur Verwaltung und Organisation genutzt wird, wird unter dem Begriff Hospital Engineering zusammengefasst. Das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST war mit einer kleinen Version seines »Hospital Engineering Labors« vertreten, dass in der großen Variante eine Art Modellkrankenhaus mit OP-Bereich, Patienten-, Schwestern- und Arztzimmer, Rehabereich sowie Funktionsräumen ist. Darin können Hospital Engineering Technologien getestet und demonstriert werden. In dem Labor wird auch der Einsatz der Elektronischen FallAkte (EFA) als Instrument zum einrichtungsübergreifenden Datenaustausch demonstriert. Damit verbunden war die Vorstellung des Healthtelkons, eines Konferenzsystem für Tumorboards, bei dem Experten unterschiedlicher medizinischer Fachrichtungen die Behandlungsmöglichkeiten eines Patienten diskutieren. Darüber hinaus wurde auf der Medica eine neue Wissenschaftkooperation zwischen Dänemark und dem Fraunhofer ISST vorgestellt. Ziel dieser Zusammenarbeit ist der Aufbau eines E-Health Innovationscenters in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen. Die dänische Handelsministerin Pia Olsen Dyhr verlieh ihrer Zuversicht Ausdruck, dass dieses Projekt die zukünftige Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Dänemark im E-Health-Sektor stärken wird.

Die Medica ist die größte Fachmesse für Medizintechnik der Welt. Dieses Jahr kamen 4.554 Aussteller aus 64 Ländern und präsentierten ihre Produkte aus Labortechnik, Diagnostik, Orthopädietechnik, Informations- und Kommunikationstechnik und vielem mehr in 19 Messehallen. Angeschlossen ist die Compamed, die international führende Marktplattform für die Zulieferer der medizintechnischen Industrie. Hier waren nochmal 645 Aussteller aus 34 Nationen unterwegs. »Den einen Megatrend in der Medizin-IT, den gibt es derzeit nicht. Es gibt viele Hauptströmungen«, fasst Bernhard Calmer zusammen. Das hat die diesjährige Medica eindrucksvoll bewiesen. (kda)

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