Mindestens zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Mehrfacherkrankungen. Sie brauchen die Hilfe verschiedener Spezialisten sowie eine individualisierte Therapie und Pflege. Ein Problem dabei ist die mangelhafte Informationsweitergabe zwischen all denjenigen, die an der Behandlung beteiligt sind. Die neuartige Plattform PICASO zur integrierten Versorgung soll das nun ändern. Erste Pilotversuche verheißen Gutes: So wird allen Betroffenen nicht nur ein fundierter Überblick ermöglicht. Auch der Schutz der Privatsphäre bleibt gewährleistet. 

Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Menü kochen und beauftragen verschiedene Lebensmittelhändler mit der Lieferung von Zutaten. Jeder bringt eine Auswahl an Grundnahrungsmitteln und einiges an Exquisitem. Alles ist gesund und (richtig zubereitet) auch wohlschmeckend. Allerdings weiß keiner der Lieferanten so recht, was sie brauchen und was der andere bringt. Natürlich lässt sich auch so ein Essen zubereiten. Aber ob die Zutaten passen, es schmeckt und Ihnen das Menü bei dem Allerlei an Zutaten auch wirklich bekommt, ist längst nicht ausgemacht. Wie viel besser wäre es gewesen, wenn Ihr persönlicher Geschmack allen Lieferanten bekannt gewesen wäre. Und wie viel sinnvoller wäre es, wenn sich alle bei der Lieferung und Menge der Zutaten abstimmen könnten.

Leider ist diese Vorstellung gar nicht so abwegig. Vielleicht gibt es dieses Problem nicht bei der Bestellung für Essenszutaten. Wohl aber bei der Gesundheitsversorgung. Denn nicht jeder Spezialist, der Sie behandelt, weiß, was der andere Ihnen verordnet hat. Und nicht jeder Allgemeinarzt ist über Ihren Zustand und den Heilplan informiert. Unter Umständen gilt das sogar für die Pflegekraft, die sich um Sie kümmern soll. Das Problem dabei tritt noch nicht auf, wenn Sie eine Grippe haben oder ein gebrochenes Bein. Das Problem beginnt aber spätestens dann, wenn es um Patienten mit Multimorbidität geht. Um Menschen also, die unter zwei oder mehr chronischen Krankheiten gleichzeitig leiden. Das trifft laut Deutscher Alterssurvey (DEAS) auf rund zwei Drittel aller Patienten zwischen 55 und 69 Jahren zu. Danach steigt die Wahrscheinlichkeit sogar auf über 80 Prozent. Beispiele sind Parkinson in Verbindung mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Oder wenn die Herz-Kreislauf-Erkrankung mit einer rheumatischen Arthritis einhergeht. »Hinzu kommt, dass auch immer mehr junge Menschen von chronischen Erkrankungen betroffen sind «, erklärt Henrike Gappa vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT.

Integrierte Versorgung

Naheliegend, aber kompliziert in der Umsetzung ist ein System zur Verbesserung der integrierten Versorgung. Ein System also, bei dem sozusagen eine Hand deutlich genauer darüber informiert ist, was die andere tut und bei dem die Informationen so aufbereitet sind, dass sie gut zugänglich, aber sicher sind. Oder bei bei dem die Beschreibungen sowohl fachlich fundiert aber auch gut verständlich sind. Initiieren will dieses System ein Konsortium aus neun europäischen Hochschulen und Institutionen (Personalised Integrated Care Approach for Service Organisations and Care Models for Patients with Multi-Morbidity and Chronic Conditions). Im Februar 2016 hat es dafür das Projekt PICASO ins Leben gerufen, das im Rahmen des Forschungsprogramms Horizont 2020 der Europäischen Kommission gefördert wird. Das Fraunhofer FIT übernimmt die Koordination und leitet das Anforderungsmanagement (User Requirement Engineering Process): Dabei entwickeln die Forscher unter anderem eine Applikation, die Behandlungspläne für Patienten nach dem aktuellen HL7 Standard FHIRE berücksichtigt. Dadurch kann jeder an der Behandlung eines Patienten beteiligte Arzt entsprechende Pläne erstellen und anderen Ärzten oder Therapeuten zur Verfügung stellen. »Durch Einsatz dieses Standards wird die Interoperabilität zwischen den IT-Systemen der am Behandlungsprozess Beteiligten gewährleistet und die integrierte Versorgung möglich. Dabei kann der bereitstellende Arzt immer entscheiden, welche Daten bereitgestellt werden sollen und welche nicht«, betont Gappa.

»Mit Hilfe von PICASO wollen wir eine Information Communication Technology (ICT) Plattform aufbauen. Über diese Plattform kann der Kommunikationsprozess zwischen allen an der Behandlung und Pflege Beteiligten signifikant verbessert werden, weil sich beispielsweise Kardiologen, Rheumatologen, Radiologen, Hausärzte, Physiotherapeuten sowie Pflegende und Angehörige effektiver austauschen können«, erwartet Gappa. Gefördert werden soll damit aber auch die Eigeninitiative der Betroffenen. »Weil über PICASO auch leicht verständliche Informationen zum Krankheitsbild und zur Behandlung zur Verfügung gestellt werden, verstehen Patienten die Maßnahmen besser und engagieren sich stärker beim oft langwierigen Therapieprozess.« Dazu gehört unter anderem auch das Nutzen einer Home-Monitoring-Plattform, die über eine einfache App angesteuert wird. So lassen sich aktuelle Informationen abrufen und momentane Vitaldaten wie Blutdruck oder Herzfrequenz sowie Angaben über das allgemeine Befinden leicht eingeben. Durch Erinnerungsdienste lässt sich zudem auch die Medikamenteneinnahme besser koordinieren.

Rechtskonformer Datenschutz

Eines der zentralen Hürden bei der Programmierung und Ausgestaltung der Plattform ist die Organisation einer nationen- und sektorübergreifenden Zusammenarbeit zwischen allen beteiligten Institutionen. »Dabei geht es nicht nur darum, Spezialisten, Medizintechniker, Allgemeinmediziner, Krankenhäuser, Sozialstationen und Pfleger an einen Tisch zu bekommen. Ein fast noch größeres Problem ist die mangelhafte Interoperabilität der technischen Systeme«, erzählt Gappa: »Einzelne Apparaturen sind bereits 30 Jahre alt und wurden immer notdürftiger an die aktuellen Erfordernisse angepasst. Überlegungen zum Informationsaustausch über den Gesundheitszustand eines Patienten und damit zur notwendigen Datenkompatibilität wurden dabei kaum oder gar nicht angestellt.«

Neben der Lösung organisatorischer und technischer Fragen aber müssen die Forscher auch Fragen zum Schutz der Daten und der Privatsphäre beantworten. Deshalb ist ein System geplant, bei dem ausgesuchte Patientendaten pseudonymisiert in dem IT-System eines Krankenhauses oder eines niedergelassenen Arztes in eigens dafür eingerichteten Datenbanken angelegt werden. Will ein Arzt auf Informationen zugreifen, kontrolliert PICASO seine Berechtigung und überprüft dann, in welchen Datenbanken Patientendaten zu diesem Pseudonym zur Verfügung stehen. Anschließend bereitet das System diese Daten für den anfragenden Arzt auf. Die Datensätze selbst verbleiben also an ihren geschützten ursprünglichen Speicherorten, etwa im Krankenhaus als Besitzer dieser Patientendaten.

PICASO-Piloten

Erste Versuche zur PICASO Plattform laufen derzeit an der Poliklinik für Rheumatologie des Universitätsklinikums Düsseldorf und in Italien an der Universitätsklinik Tor Vergata in Rom. Ziel ist es zunächst, die nötigen organisatorischen Strukturen und »locals clouds« aufzubauen. So wird die Grundlage dafür geschaffen, mögliche Konflikte im Gesamtbehandlungsplan von multimorbiden Patienten besser zu erkennen und festzustellen, welche Vorteile die integrierte Versorgung auf die Effektivität des Gesundheitsmanagements hat. (aku)

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